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Fährunglück New York Am schlimmsten traf es das Hauptdeck

17.10.2003 ·  In New York rätselt man über den Unfall der "Staten Island Ferry" mit zehn Todesopfern. Die Ermittlungen konzentrieren sich auf den Kapitän der Fähre, der kurz nach dem Unglück versuchte, sich das Leben zu nehmen.

Von Katja Gelinsky
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Besucher New Yorks genießen die Fahrt mit der "Staten Island Ferry" wegen des schönen Blicks auf die Freiheitsstatue und auf die Skyline Manhattans, und für New Yorker ist die rund um die Uhr verkehrende Fähre eine willkommene Abwechslung zu der Autofahrt über die häufig verstopfte Brücke, die Manhattan mit Staten Island verbindet. Am Mittwoch nachmittag endete die berühmte und zudem noch kostenlose Seereise jedoch für mehr als 1.000 Passagiere mit einem der schlimmsten Unglücke in der New Yorker Fährgeschichte.

Zehn Menschen kamen ums Leben, als die dreistöckige "Andrew J. Barberi" am Mittwoch nachmittag nach ihrer knapp halbstündigen Fahrt im Hafen von Staten Island mit solcher Wucht ein Arbeitsdock rammte, daß Passagiere zunächst an eine Bombenexplosion dachten. Mehr als vierzig Menschen wurden verletzt und verstümmelt, als die 90 Meter lange Fähre auf den Kai prallte und dabei nach Berichten von Augenzeugen an einer Längsseite "wie mit dem Büchsenöffner" aufgeschlitzt wurde. Am Donnerstag hieß es, drei Fahrgästen hätten nach dem Unglück, das durch Panik auf dem Schiff verschlimmert wurde, Gliedmaßen amputiert werden müssen.

Kapitän soll eingeschlafen sein

In "kritischem Zustand" befand sich am Tag nach der Katastrophe auch der stellvertretende Kapitän, der die 1981 gebaute Fähre gesteuert hatte. Er hatte nach dem Unfall versucht, sich das Leben zu nehmen. Wie Ermittler berichteten, war der 55 Jahre alte Kapitän, der seit 15 Jahren auf der Strecke zwischen Staten Island und Manhattan fuhr, in solcher Eile vom Schiff geflüchtet, daß er seinen Haustürschlüssel dort habe liegenlassen. Er sei dann offenbar gewaltsam in sein Haus auf Staten Island eingedrungen und habe sich dort die Pulsadern aufgeschnitten und in den Brustkorb geschossen. Angeblich gibt es Behauptungen von Besatzungsmitgliedern, der stellvertretende Kapitän sei während der Fahrt eingeschlafen.

Die Vorsitzende der Nationalen Verkehrssicherheitsbehörde, die das Unglück untersucht, wollte derartige Meldungen am Donnerstag aber nicht bestätigen. Es gebe "eine Menge widersprüchlicher Berichte". "Wir wollen nicht Geschichten und Gerüchte weiterverbreiten", sagte Ellen Engleman. Der New Yorker Bürgermeister Michael Bloomberg, der von einem "tragischen Unfall" sprach, teilte mit, alle Mitglieder der Schiffsbesatzung hätten überlebt und würden zu dem Unglück befragt. Es gehöre zur Routine nach einem derartigen Ereignis, daß sie auch auf Konsum von Alkohol, Rauschgift und Arzneien untersucht würden.

Mit voller Geschwindigkeit auf die Kaimauer

Fährpassagiere berichteten, die "Andrew J. Barberi" habe ihre Fahrt nicht verlangsamt, als sie in den Hafen von Staten Island eingefahren sei. "Die Fähre fuhr bis zum Aufprall mit voller Geschwindigkeit", sagte ein Fahrgast. Pendler, die regelmäßig mit der Fähre von Staten Island nach Manhattan zur Arbeit fahren, berichteten, sie hätten geargwöhnt, etwas stimme nicht, als die "Andrew J. Barberi" über den gewöhnlichen Anlegeplatz hinausgefahren und dann mehrere hundert Meter weiter auf das Arbeitsdock zugesteuert sei. Ein Stadtvertreter hatte am Mittwoch die Vermutung geäußert, Wind könne eine Rolle bei dem Unglück gespielt haben. Am Nachmittag des Unfalls seien Windböen von knapp 70 Kilometern in der Stunde gemessen worden.

Am schlimmsten traf der Unfall nach Auskunft des Präsidenten der Schiffahrtsgesellschaft, die auf der Strecke von Staten Island nach Manhattan täglich rund 70.000 Menschen transportiert, Passagiere, die auf dem Hauptdeck gesessen hätten. Fahrgäste berichteten von zerschnittenen Leichen und Körpern, denen die Köpfe und Gliedmaßen abgetrennt worden seien. Ein ähnlich schauerliches Bild zeichneten Rettungskräfte, die unter eingestürzten Decken des Schiffs stundenlang nach Opfern suchten. Fahrgäste beklagten nach ihrer Flucht von dem Schiff, die Mannschaft habe keinerlei Anweisungen gegeben, als der Unfall passiert sei. Es habe "das reine Chaos" geherrscht.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 17.10.2003, Nr. 241 / Seite 9
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