07.04.2009 · Gab es bei früheren Naturkatastrophen in Italien immer wieder Kritik an Chaos und vergeudeter Zeit, sieht jetzt niemand Grund zur Klage. Die Hilfsaktionen liefen sofort an, bis zum Dienstag waren 6000 Helfer in der Stadt und der näheren Umgebung.
„Diesmal ist der Staat da.“ So wertet die sonst strikt gegen Silvio Berlusconi eingestellte Journalistin Lucia Annunziata die Hilfsaktionen nach dem Erdbeben in L’Aquila. Gab es bei früheren Naturkatastrophen in Italien immer wieder Kritik an Chaos und vergeudeter Zeit, sieht jetzt niemand Grund zur Klage. „Der Staatsapparat hat gut funktioniert“, schreibt Annunziata, die selbst am Schauplatz einer Naturkatastrophe bei Neapel geboren ist. Dieses Mal hätten es Regierung und Opposition auch vermieden, sich noch während der Katastrophe gegenseitig zu zerfleddern.
Die Hilfsaktionen liefen schon kurz nach dem Erdbeben um 3.30 Uhr in der Nacht zum Montag an. Bis zum Dienstag waren 6000 Helfer in der Stadt und der näheren Umgebung. Koordiniert werden die Hilfsaktionen vom italienischen Zivilschutz, „Protezione Civile“, der im ganzen Land über Ausrüstung und Freiwilligenorganisationen verfügt. Aber auch Polizei, Carabinieri, Feuerwehr und Soldaten unterstehen dem Kommando des 59 Jahre alten Tropenarztes Guido Bertolaso, der seit 2001 dem italienischen Zivilschutz vorsteht. Bertolaso versuchte nach den schlechten Erfahrungen der Vergangenheit, die Mängel des italienischen Rettungswesens abzustellen. Da die Rettungsaktion gut funktionierte und da ausländische Helfer nur Verzögerungen und zusätzliche Koordinationsprobleme bedeutet hätten, konnten die Italiener Hilfsangebote aus dem Ausland ablehnen.
Etwa 1500 Verletzte wurden versorgt
Weil in L’Aquila der Zivilschutz und die Feuerwehr aus den umliegenden Regionen schnell zur Stelle waren, konnten in den ersten zwei Tagen etwa 150 Verschüttete lebend aus den Trümmern ihrer Häuser geborgen werden. Etwa 1500 Verletzte wurden versorgt, größtenteils in einem Feldlazarett, das hinter dem zerstörten Krankenhaus aufgebaut wurde. Am ersten Abend nach dem Erdbeben wurden Tausende aus Feldküchen versorgt. Zudem hatten sie die Wahl, mit bereitstehenden Reisebussen in Hotels an der Adriaküste zu fahren oder in Zelten zu übernachten. Die letzten fehlenden Zelte wurden bis zum Dienstag aufgebaut. Sogar die staatliche Forstverwaltung hat ihre Aufgabe bekommen: Ausgerüstet mit neuen Schutzhelmen, müssen die Förster in der Nacht verdächtigen Geräuschen in den Häusern und Wohnungen nachgehen und etwaige Plünderer festnehmen.
In Kürze muss nun darüber entschieden werden, wo 17 000 Obdachlose bis zum Wiederaufbau ihrer Stadt oder ihres Dorfes untergebracht werden sollen. Nach dem großen Erdbeben in Umbrien im Jahr 1997 wurden dazu Containersiedlungen aufgebaut. Doch L’Aquila ist erheblich größer als die Kleinstädte und Dörfer, die in Umbrien zerstört wurden.
Berlusconi hatte dankend abgelehnt
Die italienischen Hilfsorganisationen haben die Lage in L’Aquila mithin offenbar gut im Griff. Er glaube nicht, dass die italienischen Behörden noch internationale Hilfe anfordern werden, sagt Richard van Hazebrouck vom Technischen Hilfswerk in Bonn. „Um sich an der Bergung und Rettung der Opfer zu beteiligen, ist es nun ohnehin zu spät.“ Für diese Phase seien die Italiener aber auch selbst gut ausgestattet. Im nächsten Schritt, der sogenannten Rehabilitationsphase, geht es nun darum, eine erträgliche Situation für die obdachlos gewordenen Überlebenden zu schaffen: Die Hilfskräfte müssen Übergangsunterkünfte errichten, Wasserleitungen verlegen und ausreichend Verpflegung und medizinische Versorgung zur Verfügung stellen. Doch auch dafür brauchen die Italiener offenbar keine Hilfe von außen. „Wir haben den Eindruck, dass dort alles gut funktioniert“, sagt Fredrik Barkenhammar vom Deutschen Roten Kreuz in Berlin.
Behörden und Organisationen an Ort und Stelle hätten genügend Erfahrung mit Erdbeben dieses Ausmaßes. Das Italienische Rote Kreuz etwa sei mit mehreren Spezialisten in L’Aquila. Die kirchlichen Hilfswerke Caritas und Diakonie haben Spendenkonten für die Opfer eingerichtet. Der Wiederaufbau von Häusern und Infrastruktur wird bei Katastrophen in Europa meist von privaten Unternehmen organisiert. Zahlreiche ausländische Hilfsangebote hatte der italienische Ministerpräsident Silvio Berlusconi dankend abgelehnt. Gleichwohl hatte die britische Hilfsorganisation „Shelterbox“ am Dienstag unaufgefordert zwei Mitarbeiter aus Frankreich in das Katastrophengebiet geschickt und Wasseraufbereitungsanlagen und Zelte geliefert.
Auch Rottweil als deutsche Partnerstadt von L’Aquila will Hilfe anbieten. Man werde den Italienern vielleicht mit Zelten und Suchhunden helfen, aber nur wenn dies gewünscht sei. Die Stadtverwaltung hat mit der Feuerwehr, dem Roten Kreuz sowie dem Technischen Hilfswerk erste Gespräche geführt. Auch sind Spendenkonten eingerichtet worden. L’Aquila und Rottweil verbindet die gemeinsame staufische Vergangenheit und die Biographie des Frühdruckers Adam von Rotwil, der einst in L’Aquila arbeitete.