12.10.2005 · Drei Tage nach dem verheerenden Erdbeben in Pakistan herrscht in der Stadt Muzzafarabad noch immer die Hoffnung, Verschüttete lebend zu bergen. Bundeswehr und THW unterstützen die Helfer vor Ort. F.A.Z.-Korrespondent Stephan Löwenstein berichtet aus der Krisenregion.
Von Stephan Löwenstein, MuzaffarabadDas Dach der Schule steht noch, nur einige Wände sind umgefallen. Die Schüler hier haben das Erdbeben wohl alle überlebt. Eine Ausfachung im ersten Stock ist nach außen gekippt, wie bei einem Puppenhaus kann man in den Raum hineinblicken, wo Computerbildschirme auf den Tischen stehen. Im Erdgeschoß führt ein überdachter Wandelgang rund um den Innenhof, über den Türen zu den Klassenzimmern hängen verschiedenfarbige Holzschilder. Die Tür zu dem Zimmer mit dem gelben Schild steht halb offen. Vor jedem der Holzstühle steht ein Pult mit aufklappbarem Deckel, sie stehen da, nur ein bißchen aus der Ordnung geraten, als sei nicht viel mehr passiert, als daß die Schüler aufs Pausenzeichen hinausgestürmt wären. An einer weißen Kunststofftafel steht noch mit schwarzem Filzschreiber geschrieben: Subject: Maths; Teacher: Ashran; Class: 5th yellow; absent 1; present 31. Es will auf den ersten Blick so scheinen, als könne nach ein paar Ausbesserungsarbeiten der Unterricht wieder anfangen.
Der zweite Blick offenbart die tiefen Schäden. Peter Görgen vom Technischen Hilfswerk schärft ihn. Die Risse in den Wänden zeigen genau, wo die stützenden Betonstelen verbaut sind. Kreuzweise Risse deutet der Fachmann als Zeichen dafür, daß das ganze Gebäude unter den Erdstößen einmal nach links und wieder zurück geschwankt ist. Die Verbindungen des Stahlbetons sind gerissen. „Totalschaden. Das kann man nur noch abreißen.“ Das leichteste Nachbeben könnte das ganze Haus doch noch einstürzen lassen. Viele Häuser in Muzafarrabad sehen so aus. Die Bewohner, weil sie die Gefahr nicht richtig einschätzen und sicher auch, weil sie nicht recht wüßten, wohin, sind vielfach dennoch in die Häuser zurückgekehrt, wenn diese nicht ganz zusammengefallen sind. Doch die Schadensquote, so schätzt Görgen, beträgt 80 bis 90 Prozent. Tausende von Toten werden unter den Trümmern der eingestürzten Häuser in Muzafarrabad vermutet. Aber auch Tage nach dem Erdbeben seien dort noch viele Lebende zu erhoffen. „Hier ist eigentlich eine sehr günstige Bauweise für Erdbeben“, sagt Görgen. Die Betonstelen und -platten stürzen nicht in einen einzigen Trümmerhaufen zusammen, sondern eher wie Klötze. „Das ergibt Schichtungen und Hohlräume.“
Die „Schadensquote“ beträgt vielerorts 100 Prozent
Anders in den Dörfern weiter nördlich. Ein Brigadier der pakistanischen Armee, der gerade mit einem kleinen, libellenartigen Hubschrauber über die Region geflogen ist, berichtet, dort sei alles vollständig zerstört. Das würden wohl 150.000 Tote werden in ganz Pakistan, sagt er. Auch wenn die Zahl wohl eher eine Dimension als eine konkrete Schätzung bedeutet: Das ganze Ausmaß der Katastrophe wird wohl erst in den kommenden Tagen und Wochen offenbar werden. Auch Görgen schätzt, daß in den Dörfern im Erdbebengebiet die „Schadensquote“ 100 Prozent beträgt. Die Bergungsteams des Technischen Hilfswerks (THW), so meint er, brauchten gar nicht erst zu versuchen, in die Dörfer zu gelangen, selbst wenn die Wegeverhältnisse es zuließen. „Das ist alles Lehmbauweise. Wer da drin war, wurde entweder gleich erschlagen oder ist erstickt. Die Verdichtung ist einfach zu groß.“ In der Stadt gebe es jetzt ohnehin mehr als genug zu tun.
Der Verbindungsmann des Technischen Hilfswerks kennt sich aus; er ist Bauingenieur und mit dem THW schon zum vierten Mal im Einsatz nach einem Erdbeben. Schon am Sonntag ist Görgen als Voraustrupp des THW in die von der Katastrophe heimgesuchte Stadt gefahren, hat Kontakt zu den örtlichen und militärischen Stellen aufgenommen, die Lage in Muzafarrabad erkundet, Schäden gesichtet. Auf dem Platz vor der Schule, gleich neben ein paar grün-weiß lackierten Turngeräten und einer Rutsche, können die deutschen staatlichen Helfer ihre Zelte aufschlagen.
Die Überlebenschancen für Verschüttete nehmen ab
Sechzig sind es insgesamt, 45 von der Bundeswehr, die von der Isaf-Truppe im benachbarten Afghanistan abgestellt wurden, und 15 vom THW. Die beiden Gruppen werden je für sich geführt, doch arbeiten sie eng zusammen. Das THW hat vor allem seine Spezialisten für Bergungs- und Rettungsarbeiten geschickt, ausgerüstet mit Betonsägen, Schneidern und Handwerkszeug. Von den Soldaten sind die meisten Sanitäter: Drei Trupps aus je einem Arzt und zwei Rettungssanitätern, wie sie in Afghanistan jede Patrouillenfahrt begleiten, sind dabei, ein Chirurg, ein Anästhesist und weitere Sanitätssoldaten, insgesamt 27. Doch hat auch das THW einen Arzt mitgeschickt und die Bundeswehr mehrere Pioniere.
Am Dienstag mittag können die deutschen Helfer zu ersten Erkundungsfahrten durch die Stadt aufbrechen. Wertvolle Zeit ist seit dem Beben am Samstag früh vergangen, in der die Überlebenschancen für Verschüttete, vor allem wenn sie verletzt sind, immer mehr abnehmen. Fast 24 Stunden hatten die Helfer neben dem Rollfeld am militärischen Flughafen der pakistanischen Hauptstadt Islamabad warten müssen. Immer wieder hieß es: Sachen aufnehmen, fertigmachen zum Abtransport, doch dann klappte es wieder nicht. Zunächst kamen die zugesagten pakistanischen Hubschrauber nicht. Verletztentransport habe Vorrang, hieß es bei den pakistanischen Behörden, wofür die Deutschen jedes Verständnis hatten. Doch was war in den Hubschraubern, wenn sie wieder in das Erdbebengebiet flogen? Dann hieß es, zwei Hubschrauber stünden bereit. Jetzt schnell! Doch dann war der eine defekt, und der andere mußte noch betankt werden. Fliegen könne man nicht mehr, weil es schon dunkel werde. Auch Lastwagen und Busse für einen Versuch auf dem Landweg waren nicht zu haben.
Umschlagplatz für die Hilfe ist ein Sportstadion
Immerhin: Spät am Abend die Hoffnung auf zwei amerikanische Hubschrauber am anderen Morgen. Also können die Helfer noch einmal schlafen, so gut das neben den startenden und landenden Flugzeugen geht. Und tatsächlich: Am Dienstag morgen kündigen sich mit gewaltigem Geräusch die bananenförmigen, mit zwei Rotoren versehenen „Chinook“ der amerikanischen Streitkräfte an, in deren Laderaum wohl zwei Mittelklasseautos Platz haben könnten. Umschlagplatz für die Hilfe in Muzafarrabad ist ein Sportstadion, wo sonst Cricket gespielt wird und Leichtathletik-Wettkämpfe ausgetragen werden. Die Betonteile der zwei Mann hohen eingestürzten Zuschauertribüne liegen übereinandergeschachtelt wie Spielklötzchen. Auf dem Rasen sind Landeplätze für die Hubschrauber markiert. Es herrscht ein solcher Flugverkehr, daß die „Chinook“ erst einmal ein paar Runden über der Stadt drehen muß, ehe die zuvor gelandeten Hubschrauber mit Hilfstrupps wieder abgeflogen sind und Platz zum Landen gemacht haben. Von oben sieht man deutlich, wie unterschiedlich das Erdbeben sich in Muzafarrabad ausgewirkt hat: Einige Stadtviertel erscheinen aus der Höhe fast unbeschädigt, in anderen sieht man nur noch Wellblechdächer auf Trümmern. Es ist unschwer zu erraten, daß dies der sozialen Schichtung der Bewohner entspricht. Doch auch die scheinbar verschonten Gebäude sind vielfach unbrauchbar geworden.
Am Nachmittag setzt ein fürchterlicher Platzregen ein, der nicht nur die Arbeit der Helfer erschwert, sondern auch Verschüttete gefährden könnte. Andere Schwierigkeiten sind schon behoben worden. Die pakistanischen offiziellen Stellen wollten zunächst keine Stadtpläne ausgeben - wohl aus übergeordneten Sicherheitserwägungen. Das Gebiet in Kaschmir ist zeitweilig auch Kriegsgebiet mit dem Nachbarn Indien gewesen. Die Stadtpläne gibt es später dann doch. Die Verzweiflung der Erdbebenopfer, vor allem der Armen unter ihnen, führt jetzt gelegentlich zu Übergriffen in der Stadt und der Umgebung. Peter Görgen weiß von zwei Helfern, deren Autos auf der Straße gestoppt und ausgeräumt wurden. Auch in der Stadt habe es Plünderungen gegeben. In der Nacht zum Montag war eine heftige Schießerei zu hören. Die örtlichen Behörden teilen mit, das seien Taliban gewesen. Was daran stimmt, ist vorerst nicht zu überprüfen. Die Leute an der Straße treten den Helfern freundlich und sichtlich dankbar entgegen. Den gewaltigen amerikanischen Hubschraubern winken Kinder mit staunenden Gesichtern zu.