07.04.2009 · Nach dem schweren Erdbeben in Italien ist die Lage im Katastrophengebiet weiter dramatisch: Italienische Medien berichten mittlerweile von 150 Toten, 70.000 Menschen seien obdachlos geworden. Die Rettungskräfte suchen noch immer fieberhaft nach Überlebenden.
Ein verheerendes Erdbeben hat am Montag in Mittelitalien mehr als 150 Menschen in den Tod gerissen. Das teilten die Krankenhäuser der betroffenen Region mit, wie die italienische Nachrichtenagentur Ansa berichtete. Besonders stark geschädigt wurde die Regionalhauptstadt in den Abruzzen, L'Aquila.
Nach unterschiedlichen Messungen lag die Stärke des Bebens zwischen 5,8 und 6,2. In dem Gebiet 100 Kilometer nordöstlich von Rom wurden Tausende von Häusern zerstört oder stark beschädigt. 1500 Menschen sind verletzt. Dutzende werden noch vermisst, 70.000 sind obdachlos, schätzte der Zivilschutz. Es war das schwerste Beben in Italien seit November 1980. Damals kamen im Süden des Landes 2570 Menschen um.
Feuerwehrleute und andere Retter arbeiteten sich auf der Suche nach Überlebenden durch die Trümmer eingestürzter Häuser von L'Aquila. Ministerpräsident Silvio Berlusconi rief den Notstand aus und sagte eine geplante Russland-Reise ab. Am Abend sollte die Regierung zu einer Krisensitzung zusammenkommen.
Blutende Menschen in den Gängen
Laut der italienischen Nachrichtenagentur Ansa mussten vor dem Krankenhaus der Regionalhauptstadt Verletzte unter freiem Himmel behandelt werden, blutende Menschen warteten in den Gängen auf Hilfe. Die Notaufnahme war überfüllt. Nur ein einziger Operationssaal könne genutzt werden.
Die Universitätsklinik der Stadt musste wegen Einsturzgefahr gesperrt werden. Ein Feldlazarett war auf dem Weg nach L'Aquila. Die am schwersten Verletzten wurden per Hubschrauber in benachbarte Kliniken transportiert. Krankenhäuser appellierten an Ärzte und Pflegepersonal im ganzen Land, ihnen zu Hilfe zu kommen.
Immense Sachschäden
Das Beben hatte nach Angaben italienischer Geologen eine Stärke von 6,2 auf der Richterskala. Der Erdstoß riss die Menschen in der Region Abruzzen in der Nacht um 3.32 Uhr aus dem Schlaf, Tausende rannten in Panik aus ihren Häusern. Die Erschütterungen waren auch im rund 100 Kilometer entfernten Rom zu spüren. „Es ist die schlimmste Katastrophe seit Beginn des Jahrtausends“, sagte Guido Bertolaso, Leiter des Zivilschutzes.
Mit bloßen Händen gruben Bewohner und Einsatzkräfte nach Verschütteten. „Diese Stadt sieht aus wie nach einem Luftangriff mit B-52-Bombern“, schilderte ein Fotograf, der die Kriege im Irak und Bosnien miterlebt hatte, seine Eindrücke aus dem bei L'Aquila gelegenen Ort Onna. Nach Angaben von Innenminister Roberto Maroni wurden zur Verstärkung rund 1500 Feuerwehrleute und 200 Polizisten ins Erdbebengebiet geschickt.
„Wir wurden plötzlich aus dem Schlaf gerissen“
„Wir sind beim ersten Zittern aus der Wohnung geflüchtet“, berichtet Antonio D'Ostilio. Mit einem riesigen Koffer voll hastig zusammengepackter Kleidungsstücke steht der 22-Jährige etwas ratlos auf den Straßen der mittelalterlichen Stadt. „Wir wurden plötzlich aus dem Schlaf gerissen und rannten in den Schlafanzügen auf die Straße.“ „Als die Erde bebte, rannte ich zum Haus meines Vaters, wo alles eingestürzt war. Mein Vater ist bestimmt tot. Ich rief nach Hilfe, aber niemand war da“, berichtete ein anderer junger Mann, Camillo Berardi.
Das Beben ereignete sich Geologen zufolge in zehn Kilometern Tiefe. Das Epizentrum liegt rund 110 Kilometer nordöstlich von Rom. Bereits in den vergangenen Tagen gab es mehrfach Erschütterungen in der Region.
Zahlreiche Hilfsangebote aus aller Welt
Unterdessen sind in Italien zahlreiche Hilfsangebote aus aller Welt eingegangen, unter anderem aus Deutschland, Russland, Frankreich, Griechenland und der Europäischen Union. Nach einer ersten Einschätzung der Lage brauche Italien jedoch keine Unterstützung aus dem Ausland, sagte Agostino Miozzo vom italienischen Zivilschutz.
L'Aquila zählt rund 70.000 Einwohner. Die Stadt mit ihrem mittelalterlichen Zentrum liegt in einem Tal inmitten der Berge der Abruzzen. Es ist die Hauptstadt der Region. Nach Angaben des Bürgermeisters Massimo Cialente wurden zahlreiche Häuser im historischen Kern der Stadt beschädigt.
Zahlreiche Häuser im historischen Kern der Stadt beschädigt
Guido Bertolaso vom Zivilschutz verglich den Erdstoß mit dem Beben, das am 26. September 1997 die Region Umbrien heimgesucht hat. Damals kamen zehn Menschen ums Leben. Mittelalterliche Gebäude wurden zerstört oder erheblich beschädigt, darunter auch die berühmte Basilika in Assisi.
Zuletzt wurde Italien am 31. Oktober 2002 von einem schweren Beben heimgesucht. Bei dem Erdstoß der Stärke 5,4 wurden 28 Menschen in der Region Molise getötet. 27 von ihnen waren Kinder, deren Schule einstürzte.