06.04.2009 · Italiens bedeutendste Maler der Renaissance haben die Abruzzen oft als Hintergrund ihrer Porträts oder biblischen Erzählungen dargestellt. Das Erdbeben hat nun Tod und Zerstörung über das Genie-Land gebracht.
Von Heinz-Joachim FischerDer Stoß im wilden Gebirge der Abruzzen kam mitten in der Nacht, gegen halb vier, und war in ganz Mittelitalien zu spüren. Manche wurden nur kurz wach und schliefen schnell wieder ein. Andere, wie die meisten Bewohner Roms, fühlten ihr Bett „wie ein Blatt“ zittern und stürzten voll Schrecken auf die Straße. In L’Aquila hingegen, dem Hauptort der Region Abruzzen, etwa 120 Kilometer nordöstlich von Rom, brach das Inferno aus, wie nach einem höllischen Bombenangriff. Als ob die Natur in den Abruzzen wieder einmal Rache nehmen wollte, dass der Mensch sie nicht genug achtet, sie mit seiner Technik zu dominieren versucht, sie schändet und verschandelt. Unfug, sagen die Fachleute, alle zehn Jahre muss man in den Abruzzen mit einem schweren Erdbeben rechnen.
Alle im gebirgigen „Centro-Sud“ Italiens erinnern sich jetzt an Erdbeben in ihrem Leben – in jenem Teil der Apenninenhalbinsel, wo sich der Gebirgszug von der adriatischen und der tyrrhenischen Küste hochfaltet. Nicht nur in der Region Abruzzen im Osten von Rom, sondern auch in den benachbarten Regionen, nördlich in den Marken und in Umbrien, südlich in Molise, Kampanien, Kalabrien und der Basilikata. Im November 1980 verheerte ein wütendes Erdbeben die Irpinia, östlich von Neapel in den Regionen Basilikata und Kampanien, und forderte fast 1000 Menschenleben.
Bei einem Beben 1915 starben 30.000 Menschen
In L’Aquila selbst waren bei einem Erdstoß 1984 drei Tote und schwere Sachschäden zu beklagen. Ausgerechnet in Assisi, der Stadt des beliebten Heiligen Franziskus in Umbrien, tobte im September 1997 ein Erdbeben und beschädigte weltberühmte Kirchen und unersetzliche Kunstwerke. Im Jahr 1915 waren es in der nahen Marsica-Landschaft sogar 30.000 Tote. Doch merkwürdig: Obwohl diese wild-hügeligen Landstriche Mittelitaliens seit Jahrhunderten als Erdbebengebiet bekannt sind, präsentieren sie sich der Menschheit als liebliches Kulturland. So jedenfalls haben die größten italienischen Maler der Renaissance ihre Heimat zahllose Male als Hintergrund ihrer Porträts oder biblischen Erzählungen dargestellt. Anmutige, nicht gefährliche Landschaften sind das, Hügel, Seen, Wälder und stolze Städte, waghalsig erbaut.
Die Künstler stammen fast alle aus diesem bedrohten Bergland zwischen den Küstenebenen. Ein Perugino aus, wie der Name sagt, Perugia, dem Hauptort Umbriens, nahe Assisi, ein Michelangelo aus Caprese in der Toskana, Raffael aus Urbino in den Marken. Nimmt man noch die Schriftsteller, Bildhauer und Architekten hinzu, muss man von einem gebirgigen Genie-Land sprechen. Fordert die grausame Natur dazu auf, Schönes zu schaffen?
Tod und Zerstörung im Genie-Land
In der gerade eröffneten Raffaello-Ausstellung im Palazzo Ducale von Urbino laufen die tragischen und die schönen Stränge der mittelitalienischen Geschichte zusammen. Im 15. Jahrhundert ließ sich Federico, Dux, Duce, Herzog von Montefeltro, einen Palast erbauen, trotz aller Warnungen an einem riskanten Bergabhang. Er steht immer noch da, auch nach dieser Schreckensnacht, in atemraubender Schönheit, mit seinen zwei Türmen in der Talfassade, die den bayerischen König Ludwig II. ebenso inspirierten wie die Disneyland-Architekten.
Einige bedeutende Bilder von Raffael sind jetzt in seine Heimatstadt zurückgekehrt. Raffael malte für eine Kirche in der umbrischen Stadt Città di Castello ein großes Schöpfungsbild. Ein Erdbeben von 1789 riss das Gemälde auseinander. Jetzt ist es nur noch in drei Restfragmenten zu sehen: Gott Vater ohne Geschöpfe, ein Engel ohne Flügel, Heilige ohne Wohltaten. Noch ist nicht abzusehen, was das Erdbeben vom 6. April 2009 im mittelitalienischen Genie-Land an Tod und Zerstörung gebracht hat.