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Erdbeben in Italien Die Angst steckte schon immer in den Köpfen

06.04.2009 ·  Nur das Allernötigste konnten die Menschen in L’Aquila zusammenpacken, bevor sie aus ihrer Stadt flohen. Die, die nicht fliehen konnten, sitzen in Grüppchen auf dem Boden und starren fassungslos auf das Grauen nach dem Beben. Tobias Piller berichtet aus L'Aquila.

Von Tobias Piller, L'Aquila
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Seit Sonntag abend, zumindest seit 3.30 Uhr in der Nacht zum Montag ist in L’Aquila keiner mehr in seiner Wohnung oder in seinem Haus geblieben. Am Vormittag ist dann die ganze Stadt auf der Straße: Die einen ziehen ihren nötigsten Besitz in einem Rollkoffer hinter sich her. Die anderen suchen die Stadt im Auto zu verlassen und stehen im Stau. „Neben unserem Auto ist ein historischer Turm eingestürzt“, berichtet eine junge Mutter aus dem Autofenster, während sie wartet. Das schwarze Mittelklasseauto hat keine Beule abbekommen, trägt aber auf Dach und Motorhaube eine dicke Schicht aus hellbraunem Staub. „Wir haben hinter uns eine Tochter, die nur einen Monat alt ist, und wollen weg hier, denn wir stammen aus Neapel. Aber die Autobahn ist auch blockiert.“ Die Frau ist ungeduldig, doch der Verkehr stockt.

Aus der Stadt fahren an der Schlange von Privatautos Krankenwagen und Polizeiautos vorbei. In die Stadt hinein werden Kolonnen von Ordnungskräften und Zivilschutz geleitet. In den Autos sieht man gefasste Gesichter, manche Insassen mit starrem Blick oder verweinten Augen. Nur in wenigen Wagen ist viel Gepäck zu sehen, als ob die Insassen auf eine lange Reise gingen. Viele fahren nur mit einer Tasche auf dem Rücksitz los.

Übers Telefon kommt die Nachricht, dass der Nachbar gestorben ist

Einige der Autos haben hinten ein paar zerbrochene Scheiben. Die anderen Bürger von L’Aquila sitzen in Grüppchen an der Straße, auf Parkbänken, vor dem Baumarkt, im Vorhof von flachen Häusern. Das Fußballstadion, das anfangs als sicherer Sammelplatz angeboten wurde, ist leer geblieben. An einer nahen Tankstelle haben sich Familien versammelt, einige Grüppchen von jungen Leuten sitzen im Kreis. Am Telefon kommt die Nachricht, dass einer der Nachbarn tot geborgen wurde.

Ein Mädchen und eine junge Frau beginnen leise zu weinen. „Solche Nachrichten von den Nachbarn haben wir nun schon öfter bekommen“, sagt die junge Frau, die sich Giuliana nennt. Die Eltern habe sie mit der Schwester weggeschickt. Sie selber werde mit ihrem Lebensgefährten die nächste Nacht hier im Auto verbringen. Ins Haus sei niemand mehr zurückgekehrt seit dem größten Erdstoß um halb vier Uhr. Schließlich seien schon mehrere Nachbarn umgekommen. An der Sammelstelle an der Piazza delle Armi, einem Sportplatz, nebenan noch mit Karussells von einem Frühjahrsmarkt, warten Mitarbeiter des Zivilschutzes auf neue Lieferungen an Zelten für die Nacht.

Die wenigsten reden von der Zukunft

Im Umkreis haben sich einige hundert Menschen im Schatten niedergelassen. Der junge Luigi und seine Freundin Manola sitzen ganz benommen am Zaun. Er sei selbständig, sagt Luigi. Der Arbeitsplatz und die Arbeit generell seien nicht gefährdet. Doch das Büro sei in der Innenstadt und zerstört worden. „Heute ist kein Tag zum Arbeiten“, sagt er und blickt benommen vor sich hin. Schon während des Abends, als es leichtere Erdstöße gab, hatten die beiden beschlossen, den Rest der Nacht im Auto zu verbringen. „Und trotzdem war es schrecklich. Leute haben geschrieen. Das Auto hat sich nicht nur hin und her bewegt, sondern auch kräftig in die Höhe“, sagt die Freundin.

Der Blick geht in Richtung Innenstadt. An deren Rand stehen Mehrfamilienhäuser, vier und fünf Stockwerke hoch. Mehrfach sind in den Gebäuden die Außenwände im ersten oder zweiten Stock herausgebrochen. Ein Skelett aus Stahlbetonstützen hält die Gebäude zwar noch aufrecht. Doch niemand weiß, ob nicht alles abgerissen werden muss. Die wenigsten reden allerdings schon von der Zukunft.

„Die Wand kam mir entgegen“

Was das Erdbeben anrichten kann, berichtet Daniele aus Paganica, nahe am Epizentrum des Bebens. Er sei wie ein Wunder aus dem Haus gekommen, als es gerade zusammenbrach. „Die Wand kam mir entgegen, die Treppe aus dem ersten Stock ist eingestürzt. Ich bin auf die Reste der Treppe hinuntergesprungen und habe zusammen mit den Mitbewohnern des Gebäudes die klemmende Haustür mit Gewalt aufgebrochen.“ Aus Vorsicht war Luigi schon mit Kleidung schlafen gegangen. Denn die Angst vor einem größeren Erdbeben steckte schon in den Köpfen der Bewohner der Zentralabruzzen.

„Seit Dezember hat es schließlich schon 179 Erdstöße gegeben“, sagt sein Bekannter Vittoriano, ein Rentner, der früher für einen Stromkonzern ausgerechnet die Erdbewegungen in den Abruzzen beobachten musste. „Man hat mir früher beigebracht, dass eine Vielzahl kleiner Beben bedeuten würde, dass Erdenergie auf kontinuierliche Weise abgebaut wird“, sagt Vittoriano. „Doch die Beben von Sonntag Abend und der folgenden Nacht waren anders.“ Der Rentner zeigt auf die Lokalzeitung vom 1. April, in der minutiös die kleinen Beben der Vergangenheit aufgezeichnet waren.

Ein Forscher sagte das Beben voraus

Polemik entsteht nun, weil ein Geologe schon vor Wochen ein größeres Beben vorausgesagt hatte. Er habe verstärkt Radon aus dem Boden gemessen und deshalb auf ein bevorstehendes Beben geschlossen, sagt der Wissenschaftler Giampaolo Giuliani. Bisher hatte ihm seine Prophezeiung aber nur eine Anzeige wegen „unbegründeten Alarms“ eingebracht – allerdings nicht vom Bürgermeister der Stadt L’Aquila, sondern von dem der 80 Kilometer entfernten Abruzzenstadt Sulmona, die verschont geblieben ist.

Vittoriano, der als kleiner Angestellter seine eigenen Beobachtungen mit kleinen Erdbeben gesammelt hatte, will dennoch nicht polemisch sein: „Das Beben hier konnte keiner vorhersehen.“ Noch könne sich auch niemand darüber beschweren, wie die staatlichen Institutionen der Stadt und der Umgebung zu Hilfe kämen. So wenig Italien oft im gewöhnlichen Tagesgeschäft funktioniert, so sehr laufen Zivilschutz, Carabinieri, Polizei, Feuerwehr und andere Institutionen im Notfall zu Hochform auf. Und zur Koordination der Rettungseinsätze kam schon in früher Morgenstunde Guido Bertolaso, der Chef des Zivilschutzes. Der Tropenarzt hat schon mehrere Erdbeben hinter sich, die Organisation eines Papstbegräbnisses und die Beseitigung des Mülls auf den Straßen von Neapel. Nun soll Bertolaso auch in L’Aquila Wunder wirken.

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Jahrgang 1962, Wirtschaftskorrespondent für Italien mit Sitz in Rom.

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