25.03.2009 · Fast drei Wochen nach dem Einsturz des Kölner Stadtarchivs kommt nun heraus, dass für den Bau der U-Bahn unterhalb der Unglücksstelle 23 Brunnen gebohrt wurden - erlaubt waren jedoch nur vier. Den Kölner Verkehrsbetrieben soll nun vorübergehend die Bauaufsicht entzogen werden.
Von Peter Schilder, KölnAn der Unglückstelle am Kölner Waidmarkt, wo das Stadtarchiv und zwei weitere Häuser eingestürzt sind, waren offenbar mehr Brunnen in Betrieb als genehmigt und bisher bekannt. Nach Prüfung der „umfangreichen Unterlagen“ sind dort insgesamt 23 Brunnen gebohrt worden. Vier Brunnen zur Grundwasserhaltung waren 2005 von der unteren Wasserbehörde genehmigt worden. Einer wurde wieder stillgelegt. Zwischen dem 22. April und dem 11. Dezember 2008 wurden 19 weitere Brunnen errichtet und als Zusatzbrunnen in die Pläne eingetragen.
Damit sind entgegen der wasserrechtlichen Erlaubnis 23 Brunnen gebohrt worden. Wie viel Wasser daraus abgepumpt worden ist, soll nicht aus den geprüften Unterlagen hervorgehen. Deshalb wurden weitere Informationen angefordert. Die neuen Angaben führen zu immer größerer Verwirrung über die Bauaufsicht und über mögliche Ursachen der Katastrophe vom 3. März, bei der zwei Menschen ums Leben kamen und viel Archivgut zerstört wurde. Nach Meinung von Fachleuten gilt es nämlich als wahrscheinlich, dass ein hydraulischer Grundbruch, eine durch Grundwasser verursachte Verschiebung von Erdreich, das Unglück verursachte.
„Schramma will von eigenen Versäumnissen ablenken“
Am Montag hatte Oberbürgermeister Fritz Schramma (CDU) ein Disziplinarverfahren gegen den Baudezernenten Bernd Streitberger (CDU) eingeleitet, weil dieser wenigstens seit dem 12. März von einem hydraulischen Grundbruch an der Baustelle wusste, der sich schon im September 2008 zugetragen hatte. Streitberger hatte weder den Oberbürgermeister noch den damals noch bestehenden Krisenstab darüber informiert. Diese Pflichtverletzung hat jetzt zu dem Disziplinarverfahren geführt. Die Fraktionsvorsitzende der Grünen im Stadtrat, Barbara Moritz, bezeichnete das Verfahren in der „Kölnischen Rundschau“ als „durchsichtiges Manöver von Schramma“, der von eigenen Versäumnissen ablenken wolle. Der Kölner CDU-Fraktionschef Winrich Granitzka sagte der „Rundschau“, Streitberger solle im Amt bleiben. Am Donnerstagnachmittag befasst sich der Kölner Stadtrat in einer Aktuellen Stunde mit dem Einsturz. Dann soll auch Baudezernent Streitberger befragt werden.
Mindestens so früh wie Streitberger hat auch der Vorstand der Kölner Verkehrsbetriebe (KVB), des Bauherrn der U-Bahn-Strecke, von dem Vorfall gewusst und weder den Aufsichtsrat und die Öffentlichkeit darüber informiert. Der Aufsichtsrat, der am Montagabend tagte, zog aber noch keine personelle Konsequenzen, weil die rechtlichen Voraussetzungen dafür fehlten. Erst in der nächsten Woche, am 31. März, tritt das Gremium zu einer Sondersitzung wieder zusammen. In der Kritik steht vor allem der Technik-Vorstand Walter Reinarz, der für den U-Bahn-Bau zuständig ist und früher CDU-Vorsitzender in Köln war. Aber auch an dem Vorstandssprecher Jürgen Fenske, der der SPD angehört, wächst die Kritik. Fenske steht zwar erst seit Jahresbeginn an der Spitze der KVB. Aber nach dem Unglück hat er wenig zur Aufklärung beigetragen.
Der KVB soll die Bauaufsicht entzogen werden
Unterdessen will die SPD-Fraktion im Kölner Rathaus der KVB die Bauaufsicht über den U-Bahn-Bau entziehen lassen. Dafür ist zwar eigentlich der Regierungspräsident in Düsseldorf zuständig, der die technische Aufsicht führt und die Aufsicht an die Stadt Köln delegiert hat, die sie wiederum an die KVB delegierte. Aber zumindest für den dritten Bauabschnitt der Kölner U-Bahn, der allerdings oberirdisch verläuft, soll dem KVB diese Bauaufsicht nicht mehr übertragen werden. Außerdem regt der SPD-Fraktionsvorsitzende Martin Börschel an, grundsätzlich die Bauaufsicht so zu regeln, dass sie nicht mehr den Bauherren zufallen kann.
Mit den anderen Fraktionen im Stadtrat will er die Kompetenz in der Stadtverwaltung, die unter dem Ruf nach einer schlanken Verwaltung abgebaut wurde, wieder so weit stärken, dass sie solche Aufsichten wieder selbst übernehmen kann. Mit einer Stellenplanänderung bei der Stadtverwaltung, so sagte Börschel der „Rheinischen Post“, könne man zusätzliche Ingenieure einstellen. So könne man die Überwachung der weiteren Bauarbeiten auf das städtische Amt für Brücken- und U-Bahn-Bau übertragen. Unterdessen wurde bekannt, dass entlang dem U-Bahn-Tunnel alle Häuser mit besonderen Merkmalen aufgelistet worden waren. Das Stadtarchiv, das mehrfach so schwer ist wie normale Häuser, gehörte nicht dazu. Die Auflistung der Häuser bezog sich, so heißt es, auf den Baukörper, und der war beim Stadtarchiv angeblich „ganz normal“ und deshalb nicht erwähnenswert.
Horst Köhler
Simon Pein (shampaign)
- 25.03.2009, 14:36 Uhr