19.01.2010 · Eine Woche ist seit dem verheerenden Erdbeben in Haiti vergangen. Nun wird das Ausmaß der Katastrophe immer deutlicher. Die Zahl der Todesopfer wird auf bis zu 200.000 geschätzt. Viele der 250.000 Verletzten warten verzweifelt auf medizinische Hilfe. Die Versorgung der 1,5 Millionen Obdachlosen läuft schleppend.
Eine Woche nach dem verheerenden Erdbeben in Haiti wird das Ausmaß der Katastrophe immer deutlicher. Tausende Verletzte warten weiter verzweifelt auf medizinische Versorgung. Hilfs- und Ärzteteams arbeiten bis zur völligen Erschöpfung rund um die Uhr. Oft werden Patienten auf offener Straße behandelt. Viele haben lebensbedrohliche Wundinfektionen. Die Zahl der Todesopfer wird auf bis zu 200.000 geschätzt. Die Tausenden internationalen Helfer und Soldaten kommen in der verwüsteten Hauptstadt Port-au-Prince nur langsam und schwer voran. Leichen werden in Massengräbern beigesetzt.
Immer wieder gibt es aber auch Lichtblicke im Chaos: So meldeten israelische Helfer, dass sie nach sechs Tagen eine Studentin lebend bergen konnten. Die junge Frau wurde aus den Trümmern der Universität in Port-au-Prince befreit. Mit Spezialgeräten sei es gelungen, eingestürzte Gebäudeteile anzuheben und so eine Öffnung zu schaffen. Das Rettungsteam habe sie dann zur Behandlung in ein israelisches Feldlazarett gebracht. Allerdings sind dies Einzelfälle. Viele Haitianer wissen auch eine Woche nach dem Unglück nicht, wo ihre Familien und Freunde sind.
Unter den Vermissten sind auch acht Deutsche. Bisher wurde ein Deutscher tot unter den Trümmern gefunden. Berichte über ein zweites deutsches Opfer wurden in Regierungskreisen nicht bestätigt. Eine geborgene Frau aus München sei keine Deutsche gewesen, hieß es.
Bis Dienstag hatten 52 Rettungsteams mit 1820 Helfern und 175 Hunden nach UN-Angaben insgesamt rund 90 Menschen lebend gerettet. Vereinzelt gab es weiterhin Meldungen über Plünderungen und gewalttätige Übergriffe mit Schießereien. Doch beschrieb die Sprecherin des UN-Koordinationsbüros für humanitäre Hilfe (OCHA), Elisabeth Byrs, die Lage insgesamt als „angespannt, aber ruhig“. „Die Bevölkerung kooperiert. Die Lage ist unter Kontrolle“, sagte sie. Die Regierung forderte Menschen mit Verwandten auf dem Land auf, das zerstörte Port-au-Prince zu verlassen.
Als katastrophal beschrieben Helfer auch die Situation in der Umgebung der Hauptstadt. So sind in dem etwa 50:000 Einwohner zählenden Ort Léogâne, rund 30 Kilometer westlich von Port-au-Prince, etwa 90 Prozent der Gebäude zerstört (Siehe auch: Haiti: Léogane - die vergessene Stadt). Ein verzweifelter 72-jähriger Mann beklagte sich dort bei einem brasilianischen Reporter bitter über die ausbleibende Hilfe: „Sie denken nur an Port-au-Prince, aber hier wurde alles zerstört, und nichts kommt an.“ Die Vereinten Nationen schätzen, dass vermutlich 5000 bis 10.000 Menschen allein in Léogâne starben. Das wären bis zu 20 Prozent der Einwohner.
Die katholische Hilfsorganisation Caritas weitete inzwischen ihre Hilfe für das Gebiet aus. Es stünden nun eine Million Euro zur Verfügung, die vor allem zur Versorgung der Erdbebenopfer in der Region um Léogâne verwendet werden sollten, teilte Caritas mit. „Die Hilfe erreicht nur langsam das Umland der Hauptstadt. Wir dürfen die Menschen und ihre große Not dort nicht vergessen“, warnte Caritas-Katastrophenhelfer Friedrich Kircher. In Port-au-Prince und dem Umland seien insgesamt 500 einheimische und internationale Caritas-Mitarbeiter im Einsatz. Sie hätten unter anderem 20 Verteilzentren für Trinkwasser, Lebensmittel und Medizin aufgebaut.
„Unvorstellbar, was wir hier sehen, riechen und fühlen“
Blockierte Straßen und die Konzentration des amerikanischen Militärs am Flughafen von Port-au-Prince bereiteten weiterhin Transportprobleme, sagte DRK-Chef Rudolf Seiters. Er rechne damit, dass die Nothilfe für den Karibik-Staat lange dauern werde: „Wir werden ganz sicher mit unseren Helfern weit über ein Jahr auf Haiti bleiben, vielleicht noch länger, um zu helfen.“ Seiters berichtete zugleich von einer großen Hilfsbereitschaft in der deutschen Bevölkerung.
Die Johanniter-Unfall-Hilfe will am Mittwoch von Deutschland aus weitere Helfer nach Haiti schicken, unter ihnen Ärzte, Rettungssanitäter, Logistiker und ein Notfallseelsorger. Im Gepäck haben sie nach Angaben der Organisation Medikamente, Verbandmaterial und eine Grundausstattung an chirurgischen Instrumenten. Damit könnten 20.000 Menschen drei Monate lang medizinisch versorgt werden. Johanniter-Helferin Katja Lewinsky berichtete unterdessen aus dem Katastrophengebiet: „Ich habe so etwas noch nicht erlebt. Es ist einfach unvorstellbar, was wir hier sehen, riechen und fühlen.“
Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) sagte, das Beben werfe das bitterarme Haiti in seiner Entwicklung um viele Jahre zurück. „Die Menschen in Haiti brauchen unsere und Ihre weitere Unterstützung. Sie brauchen unsere Solidarität“, schrieb die Kanzlerin in einem Gastkommentar für die „Bild“-Zeitung. Die Bundesregierung habe sich entschieden, dem UN-Welternährungsprogramm nochmals 2,5 Millionen Euro bereitzustellen, sagte Kanzlerin Angela Merkel (CDU) am Dienstagabend in einer Spendengala des ZDF.
Berlin hatte bislang 7,5 Millionen Euro an Soforthilfe für die Menschen in Haiti bereitgestellt. Merkel betonte, dabei handele es sich um eine erste, schnelle Soforthilfe. Deutschland trage zudem 20 Prozent der 330 Millionen Euro an europäischen Hilfsgeldern (66 Millionen). Die Kanzlerin versicherte, dass sich Deutschland nicht nur kurzfristig engagieren werde. Die Bundesregierung werde sich „auf die lange Frist für Haiti verantwortlich fühlen“ und um den Wiederaufbau kümmern. „Wir müssen jetzt ja aufpassen, dass nicht eines Tages das Elend wieder aus den Schlagzeilen verschwindet und der Wiederaufbau in Haiti trotzdem noch nicht geschafft ist.“
Merkel sprach von elf noch vermissten Deutschen in Haiti. Das Auswärtige Amt hatte am Vormittag die Zahl von acht Vermissten genannt, korrigierte seine Angaben aber am Abend auf elf. „Wir können nicht ausschließen, dass es noch mehr Tote gibt“, sagte die Kanzlerin.
Die Zahl der Toten nach dem Beben der Stärke 7,0 könnte nach Schätzungen der haitianischen Regierung auf 200.000 steigen. Wie EU-Katastrophenhelfer mitteilten, wurden 70.000 Tote bereits bestattet. 250.000 Menschen seien verletzt, rund 1,5 Millionen obdachlos geworden
Die katholischen Bischöfe in Deutschland rufen am kommenden Wochenende zu einer Sonderkollekte für Haiti auf. Das unbeschreibliche Elend des haitianischen Volkes fordere die ganze internationale Gemeinschaft zu Mitgefühl und Solidarität auf, hieß es in dem am Dienstag von der Deutschen Bischofskonferenz in Bonn veröffentlichten Aufruf.
Haiti braucht nach Einschätzung des Präsidenten der benachbarten Dominikanischen Republik, Leonel Fernández, mindestens zehn Milliarden Dollar (sieben Milliarden Euro) internationale Wiederaufbauhilfe.
Da bleibt einem die Spucke weg
Josef Bujtor (Mramorak)
- 20.01.2010, 10:23 Uhr