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Chile nach dem Erdbeben Absurdes Theater in Concepcíon

04.03.2010 ·  Das Erdbeben, die Plündereien und die Notlage, in die die Stadt geraten ist, haben aus Concepción eine Bühne für absurdes Theater gemacht. Die erste Lieferung von Trinkwasser hat nun einen Hoffnungsschimmer in den zerstörten Ort gebracht.

Von Josef Oehrlein, Concepción
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Überall Spuren der Verwüstung, eingestürzte Häuser, rauchende Trümmer, Barrikaden aus herabgestürzten Mauerteilen, Müll und Stromkabeln. Die Fassadenfront etlicher Häuser ist einfach weggestürzt und gibt nun den Blick auf das Interieur frei, auf leergefegte Regale, Stühle, Kleidungsstücke, die noch akkurat auf Bügeln hängen. Vor einigen dieser Häuserskelette sind Kleinlastwagen vorgefahren, auf die noch brauchbares Gut aus den einstigen Wohnungen, Kühlschränke, Fernseher oder Schränke geladen werden. Hier und da stehen Militärposten und bewachen die Ruinen.

In der am härtesten von dem schweren Erdbeben am vergangenen Samstag getroffenen Stadt Concepción scheint es, als sei vor wenigen Stunden eine Soldateska in die Flucht geschlagen worden und als habe nun eine Okkupationsarmee an strategischen Punkten Position bezogen. Noch immer stehen lange Schlangen vor den wenigen intakten und geöffneten Lebensmittelläden, den Stellen, wo Trinkwasser verteilt wird oder den Tankstellen, in denen ein paar Liter Benzin zu haben sind, damit das eigene Fahrzeug, wenn es noch funktioniert, wenigstens für eine kurze Strecke wieder gangbar gemacht werden kann.

Stark bewachte Gebäude

Das Beben hat vor allem im Stadtkern unendlich viele Häuser unbewohnbar gemacht, auch wenn sie sich von außen betrachtet noch als nahezu intakt ausnehmen. Deshalb sieht die Stadt, die dem Epizentrum des Erdbebens draußen am Meer besonders nahe lag, auf den ersten Blick auch gar nicht wie eine Trümmerwüste aus. Man muss manchmal schon genau hinsehen, um zu erkennen, dass der eine oder andere Wohnblock so stark in Mitleidenschaft gezogen wurde, dass er vermutlich abgerissen werden muss.

Am desolatesten wirken allerdings die vom Militär jetzt besonders stark bewachten Gebäude, die nicht einmal von dem Beben verwüstet wurden, sondern von den Menschen selbst, die in der Region wohnen, gebrandschatzt und demoliert worden sind. Das war bei den Plünderungen am Wochenbeginn. Da hatte sich die Wut darüber entladen, dass während der ersten Tage nach der Katastrophe keinerlei Hilfe für die Erdbebenopfer eingetroffen war. Als sei Concepción nicht schon genug von den Erdstößen misshandelt worden, engagierten sich schließlich auch noch Vandalen, um der Stadt den Rest zu geben.

Schlangen vor Geschäften

Am Tag nach der heftigsten Randale herrscht in den sechs Stunden zwischen dem Ende der von der Regierung in Santiago verordneten Ausgangssperre um 12 Uhr mittags bis zum Beginn der nächsten um 18 Uhr eine seltsam gelassene Stimmung. Jugendliche fahren auf dem Fahrrad von Ruine zu Ruine und fotografieren ihre malträtierte Stadt. Ältere Leute holen sich irgendetwas aus den Trümmerbergen, das sie brauchen können. Dass die von der Regierung versprochenen Hilfslieferungen mit Lebensmitteln und anderen wichtigen Gütern tatsächlich auch verteilt würden, ist im Zentrum von Concepción nicht zu erkennen. Es scheint sich auch niemand um die Schuttberge und den Müll zu kümmern, der überall herumliegt. Gerüchte, dass irgendwo etwas zu bekommen sei, lassen im Nu lange Schlangen vor Geschäften entstehen. Ebenso schnell sind die Schlangen aber auch wieder wie vom Erdboden verschwunden. Wenn es heißt, dass doch nichts zu haben ist. Oder wenn wieder einmal nach einem der heftigen Nachbeben eine falsche Tsunamimeldung über das Radio verbreitet wird.

Das Erdbeben, die Plündereien und die Notlage, in die die Stadt durch beides geraten ist, haben aus Concepción eine Bühne für absurdes Theater gemacht. An einer Säule prangen noch mit einem Totenschädel verzierte Plakate für das Stück „Der Husar des Todes“, das am 11. 12. und 13. März in einem Saal von Concepción hätte aufgeführt werden sollen. Daneben schiebt ein junges Paar eine Plastiktonne vor sich her, mit deren Hilfe es offenbar irgendwo Trinkwasser in größerer Menge ergattern will. Vor dem respekteinflößenden Gerichtsgebäude der Stadt, einem Betonbau, der unbeschädigt zu sein scheint, liegt auf dem Boden mit schmerzverzerrtem Gesicht Bernardo O'Higgins, der im nahen Chillán geborene Befreier Chiles. Das Beben hat ihn von seinem Sockel gefegt, auf dem nun nur noch die Stümpfe seiner Beine stehen. An einer der großen Avenidas von Concepción haben einige Bewohner Zelte aufgeschlagen, weil ihre Wohnungen zerstört sind. Gleich daneben „weidet“ eine Saurierfamilie in einem Mini-Erlebnispark.

Eine bukolische Landschaft

Am späten Nachmittag herrscht auf den Straßen von Concepción fast so etwas wie eine Rush Hour. Wer nicht in der Stadt wohnt, muss vor 18 Uhr, dem Beginn der Ausgangssperre, entweder einen Unterschlupf finden oder Concepción verlassen. Erstaunlicherweise hat das Erdbeben zumindest eine der Zufahrtstraßen, jene, die zur „Ruta 5“, der Hauptverkehrsschlagader Chiles führt, nahezu intakt gelassen. Lediglich an zwei oder drei Stellen ist die Fahrbahn ein wenig eingesackt oder sind Geröllmassen von den Hängen heruntergestürzt. Links und rechts der Landstraße ist von Zerstörung weit und breit nichts zu sehen. Die Bauernhöfe, Hütten und Wohnhäuser sehen unversehrt aus. Gebäude, die Zeichen der Zerstörung tragen, scheinen schon vor dem Beben baufällig gewesen zu sein. Zu beiden Seiten der Straße breitet sich eine bukolische Landschaft aus, auf der Kühe friedlich weiden. Ein größerer Kontrast zu den Kriegsszenarien in der Stadtmitte von Concepción lässt sich kaum denken.

Für die Leute von Concepción ist es nur ein geringer Trost, dass es in der nahen Hafenstadt Talcahuano und in anderen von den Flutwellen heimgesuchten Küstenorten noch schlimmer aussieht als in ihrer Stadt. Dort kommt zu den Verheerungen des Bebens und der Plünderungen noch der Gestank des fauligen Schlicks und des vom Meerwasser durchtränkten Mülls hinzu. Die erste Lieferung von Trinkwasser mit Hilfe zweier Tankwagen hat einen Hoffnungsschimmer in den zerstörten Ort gebracht. Kurz vor Beginn der Ausgangssperre trifft auch in Concepción ein von der Kriminalpolizei eskortierter Konvoy mit etlichen Lastwagen ein, die unter ihren Planen die ersehnten und dringend benötigten Hilfsgüter bergen.

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Jahrgang 1949, politischer Korrespondent für Lateinamerika mit Sitz in Buenos Aires.

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