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Brände auf den Kanaren Autonome Flammen

01.08.2007 ·  Seit ewigen Zeiten brennen im Sommer die spanischen Wälder. Gelernt hat man daraus nicht. Die Kleinstaaterei verhindert eine wirksame Brandbekämpfung. Die südländische Mentalität, zu improvisieren statt sich vorzubereiten, tut ein Übriges.

Von Leo Wieland
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Der erste Brandstifter dieses spanischen Sommers war eine Ratte. Das Nagetier biss sich im Juli in einem Neubaugebiet in der Provinz Tarragona im Süden von Katalonien durch frisch verlegte elektrische Kabel. Die Ratte starb durch einen Stromstoß – und löste dabei ein Feuer aus, das dreihundertfünfzig Hektar Wald vernichtete. Dreitausend Anrainer, die meisten von ihnen ausländische Touristen, mussten vorübergehend in Sicherheit gebracht werden.

Die beiden Großbrände auf den Kanarischen Inseln, die bis zum Mittwoch auf Gran Canaria und Teneriffa schon jeweils rund ein Drittel der Waldbestände verzehrt und mehr als zehntausend Menschen aus ihren Häusern vertrieben hatten, waren hingegen eindeutig Menschenwerk. An diesem Donnerstag konnten auf Gran Canaria immerhin 5000 Bewohner in ihre Wohnungen zurückkehren. Auch auf Teneriffa verließen die Menschen teilweise ihre Notunterkünfte, nachdem die Löschmannschaften auf beiden Inseln die verheerenden Waldbrände eingedämmt hatten.

Auf Gran Canaria gestand ein 37 Jahre alter Waldhüter, er habe in der Hoffnung gezündelt, dass sein Zeitvertrag verlängert würde. Auf Teneriffa äußerte ein Regierungssprecher den – wie er hinzufügte: begründeten – Verdacht, dass auch dieser Brand „provoziert“ worden sei.

Es brennt jedes Jahr, sonst passiert nichts

Es ist auf der höchst brennbaren Iberischen Halbinsel inzwischen fast jedes Jahr das Gleiche: Flammen, Entsetzen, verbrannte Erde, Forderungen nach härteren Strafen, schärferen Gesetzen, nach Schadensersatz, mehr Umweltbewusstsein und einem „politischen Generalplan“ für Feuerwehr, Polizei, Rettungsdienste und notfalls die Armee. Aber außer, dass im Lauf des vergangenen Jahrzehnts ohne Ausnahme jeden Sommer mehr als hunderttausend Hektar Wald verkohlten, ist nicht allzu viel passiert.

Die Politiker reden nur hinter vorgehaltener Hand von der „Mentalität“ der spanischen und portugiesischen Bürger. Die Bürger reden ohne vorgehaltene Hand von mangelnder Courage und Vorausschau der Politiker. Die Brandstifter wiederum hatten bislang weder empfindliche Haftstrafen noch sonderlich eindrucksvolle Geldbußen zu fürchten – auch wenn es wenige Ausnahmen gab wie die acht Jahre Gefängnis für einen „Ökologen“, der im Jahr 1994 bei Valencia fünftausend Hektar verbrannte, um ein Atommülllager zu verhindern.

Die meisten Waldbrände in Portugal

In Portugal gibt es die meisten Waldbrände in ganz Europa. Aber Spanien, wo es ähnliche soziale, psychologische und politische Gründe für Waldbrände gibt, ist auf dem besten Weg, Portugal zu überholen. Ein wichtiger Unterschied zwischen beiden Ländern ist, dass in Portugal noch ein großer Teil der unaufgeräumten, vernachlässigten und verfilzten Wälder in Privatbesitz ist und die Eigentümer häufig weder die Mittel noch das Interesse haben, sie zu schützen.

In Spanien, wo allein in den vergangenen sechs Jahren fast eine Million Hektar – das entspricht der Fläche des alten Königreichs Navarra – verbrannten, sind die Gründe vielfältiger. In neun von zehn Fällen sind Brandstiftung oder Fahrlässigkeit die Ursachen. Allein ein Fünftel aller Waldbrände wird durch achtlos aus dem Fenster geworfene Zigarettenstummel am Straßenrand ausgelöst. Blitzschläge, Funken von Automotoren, Glasscherben im Gras und vor allem unvorsichtige Camper mit ihren Grillfeuern kommen hinzu.

Ein ganzes Pyromanen-Panorama

Die Zahl der skrupellosen Bauinvestoren, die notfalls auch mal einen kleinen Gauner ein Naturschutzgebiet abfackeln lassen, um dort eine neue Feriensiedlung für nordeuropäische Rentner zu bauen, ist etwas zurückgegangen, seit neuere Gesetze derlei auf Jahre hinaus erschweren können. Dann sind da noch die Bauern mit ihren oft „außer Kontrolle geratenden“ Krautfeuern – und manchmal der gezielten Absicht, aus Wäldern Weideland für ihr Vieh zu machen. Ein Teil des Problems sind weiterhin die Feuerwehrleute und Waldhüter selbst, die sich als Saisonarbeiter mit dem Zündholz in der Hand „unentbehrlich“ machen wollen. Das Pyromanen-Panorama vervollständigen schließlich verfeindete Nachbarn, die sich gegenseitig das grüne Hinterland anzünden, bei der Polizei dann aber eisern schweigen, und Betrunkene auf der Dorffiesta, die sich auch einmal ein großes „Feuerwerk“ gönnen wollen.

Zudem werden globale Erwärmung, zunehmende Versteppung und Wassermangel in Spanien und Portugal, die beide Defizite mit Blick auf das Kyoto-Protokoll aufweisen, noch ihre Folgen haben. So sagte der jüngste Klimabericht der Vereinten Nation vom April zum Beispiel dem „sehr verwundbaren“ Spanien voraus, dass es vom Jahr 2020 an mit noch mehr Bränden, Hitzewellen und Trockenperioden als bisher zu rechnen habe.

Ein nationaler Brandbekämpfungsplan fehlt weiterhin

Dabei sind kurioserweise die heißesten und trockensten Regionen entlang der Mittelmeerküsten gar nicht die am meisten gefährdeten. Es sind dies vielmehr das grüne regenreiche Galicien und andere Teile des Nordwestens, wo Rücksichtslosigkeit und Rückständigkeit eine mitunter explosive Mischung bilden. Im vergangenen Jahrzehnt wurde in Galicien allein mehr als die Hälfte aller spanischen Waldbrände registriert. An zweiter Stelle folgten mit rund zehn Prozent Kastilien und León vor der Estremadura.

Die Mittel für die Brandbekämpfung sind in beiden iberischen Staaten relativ bescheiden, und so fällt der Blick gewöhnlich rasch auf die Europäische Union. Erweist sich die iberische Politik also schon bei der Brandbekämpfung als schwach, so sind die Verhütungsmaßnahmen noch schwächer. Dass Waldbrände, wie ein Sprichwort sagt, „im Winter verhindert werden“, indem man Forste säubert, Zufahrtsstraßen schafft und ausreichend Hilfspersonal bereitstellt, ist unverändert die Ausnahme. So folgen auf jede Naturkatastrophe die Klagen über Improvisation und die Forderung, einen nationalen Brandbekämpfungsplan aufzustellen.

Ein solcher stieße jedoch sofort auf die Hürden der Kleinstaaterei. Alle diesbezüglichen Zuständigkeiten wurden inzwischen von der Zentralregierung den nimmermüde nach mehr Selbständigkeit strebenden autonomen Regionen übertragen. Diese wiederum sind oft überfordert, wenn es wirklich brennt. In diesem Sommer hat eine vom Madrider Verteidigungsministerium geschaffene schnelle Eingreiftruppe der Streitkräfte mit bislang achthundert spezialisierten Soldaten ihre Premiere.

Im Auftrag von Ministerpräsident José Luis Rodríguez Zapatero, der am Mittwoch mit demonstrativer Tatkraft die Kanarischen Inseln besuchte, soll die Truppe dort nun ihre Feuerprobe ablegen. Aber noch bevor sie sich überhaupt bewähren konnte, haben katalanische Nationalisten in Barcelona und der baskische Ministerpräsident Juan José Ibarretxe in Vitoria sich schon alle Einmischung in der Not verbeten. Denn derlei wäre ja, wie der Baske befürchtete, eine richtiggehende „Militärintervention“.

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Jahrgang 1950, politischer Korrespondent für die Iberische Halbinsel, Marokko und Tunesien mit Sitz in Madrid.

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