30.12.2004 · Mehr als 130.000 Todesopfer in Süd- und Südostasien und kein Ende abzusehen: Dies ist die furchtbare Bilanz vier Tage nach dem Seebeben im Indischen Ozean. Eine Hilfsaktion von weltweit ungekannter Größe hat begonnen.
Vier Tage nach der Flutkatastrophe in Süd- und Südostasien (Sonderseite: Die Flutkatastrophe) haben die Regierungen der betroffenen Staaten die Zahl der Toten am Donnerstag mit mehr als 130.000 angegeben. Im Norden der indonesischen Insel Sumatra, in der besonders betroffenen Provinz Aceh, sind nach vorläufigen Angaben des Gesundheitsministeriums in Jakarta rund 80.000 Menschen umgekommen. In Sri Lanka wurden mehr als 24.000 Tote gezählt. Der Koordinator der EU-Hilfe auf Sri Lanka, Philippe Nardin, erwartet jedoch "am Ende 40.000 bis 50.000 Tote". In Indien wurden nach inoffiziellen Angaben mehr als 10.000 Tote geschätzt.
Die Zahl der in Südostasien vermißten Deutschen ist nach Angaben des Auswärtigen Amtes auf mehr als 1000 gestiegen. Bislang seien 33 deutsche Todesopfer identifiziert worden, davon 26 in Thailand und sieben in Sri Lanka, sagte Staatssekretär Klaus Scharioth in Berlin. Auch 260 verletzte Deutsche seien registriert. Das Auswärtige Amt bemühe sich, möglichst viele Tote nach Deutschland zurückzubringen. Bundesinnenminister Schily hat deutsche Angehörige aufgerufen, bei der Polizei Vermißtenanzeigen aufzugeben.
Allein in Baden-Württemberg werden rund 120 Menschen vermißt. Diese Zahl gehe aus einer Liste des Auswärtigen Amtes hervor, die am Donnerstag vom Bundeskriminalamt (BKA) übermittelt wurde, teilte das Stuttgarter Innenministerium mit. Ein BKA-Sprecher sagte, da es keine Sicherheit zu den Zahlen gebe, werde vorerst keine Aufschlüsselung nach Bundesländern veröffentlicht.
Bildergalerie: Flutkatastrophe fordert mehr als 130.000 Todesopfer
Drei Millionen Menschen obdachlos
Die Rettung der Deutschen aus Sri Lanka wurde am Donnerstag abgeschlossen. "Jeder ausreisewillige Deutsche ist ausgeflogen worden", sagte der deutsche Botschafter Jürgen Weerth in Colombo. Insgesamt wurden nach Angaben der Botschaft rund 3000 Deutsche aus Sri Lanka ausgeflogen. Etwa 600 EU-Bürger werden allein auf Sri Lanka vermißt. Die Zahl der in Thailand vermißten Schweden ist nach Medienangaben mit mehr als 3000 doppelt so hoch wie bisher offiziell bestätigt. Mit 53 Verletzten wurde der Lazarett-Airbus "MedEvac" der Bundeswehr am Donnerstag abend zurück in Deutschland erwartet. Geplant ist, daß das Flugzeug schon am Silvestermorgen wieder in das Katastrophengebiet fliegt. Zudem entsendet die Bundeswehr zur Rettung Verletzter das vor Dschibuti stationierte Versorgungsschiff "Berlin" nach Südostasien.
Die Weltgesundheitsorganisation sagte am Donnerstag, daß allein in Indonesien bis zu drei Millionen Menschen obdachlos geworden seien. Hunderttausende Überlebende sind von Krankheiten bedroht. Zehntausende zusätzliche Helfer würden benötigt, um die Seuchengefahr einzudämmen. Nationale und internationale Hilfsorganisationen haben ihre Notmaßnahmen fortgesetzt und ausgeweitet. Die Vereinten Nationen sprachen von einer "außerordentlich großen Hilfsbereitschaft" weltweit. Unterdessen lösten Nachbeben und die Warnung des indischen Innenministeriums vor weiteren Beben Panik in den betroffenen Gebieten aus.
Sondergipfel der Asean-Staaten vereinbart
Die Vereinigung Südostasiatischer Staaten (Asean) plant einen Sondergipfel, um Hilfsmaßnahmen zu erörtern. Das habe Singapurs Ministerpräsident Lee Hsien Loong den Regierungen Indonesiens, Thailands und Malaysias vorgeschlagen, berichtete die Nachrichtenagentur Kyodo. Hauptanliegen des Treffens solle sein, die Vereinten Nationen zu ersuchen, einen Hilfsfonds für die Schadensbeseitigung und den Wiederaufbau einzurichten. Zudem sollten die UN einen Koordinator benennen. Auch über die Einrichtung eines Tsunami-Warnsystems solle gesprochen werden.
Bundeskanzler Schröder schlägt in seiner Neujahrsansprache angesichts der Flutkatastrophe eine "Strategie nachhaltiger Partnerschaft" aller wohlhabenden Länder für den Wiederaufbau bestimmter Regionen vor: "Ich stelle mir vor, daß sich die großen Industrieländer für jeweils ein Land verantwortlich fühlen." Das werde die Bundesregierung in der Europäischen Union vorschlagen. Deutschland werde sich in der EU, den Vereinten Nationen sowie der Weltbank für eine wirksame und unbürokratische Hilfe einsetzen. "Dazu gehört für mich auch, die Entschuldung dieser Länder fortzusetzen", heißt es in der Ansprache. Bundespräsident Köhler sagte am Donnerstag, er bete für die Opfer der Flutkatastrophe und deren Angehörige. Zugleich rief Köhler zu Spenden auf: "Diese Katastrophe zeigt uns, daß wir in einer Welt leben, und in der ganzen Welt rücken die Menschen zusammen."
Zu wenige Helfer in Aceh
Nach einer Tsunami-Warnung in den indischen Flutgebieten sind am Donnerstag zahlreiche Menschen in Panik auf höher gelegene Plätze geflüchtet. Die Bewohner der Küstenregion waren aufgefordert worden, das Gebiet umgehend zu verlassen. Nach Angaben der Polizei gab es Nachbeben nahe der Inselgruppen der Andamanen und der Nikobaren. Diese könnten neue Tsunamis ausgelöst haben. Seismologen des amerikanischen Instituts Geological Survey (USGS) erklärten jedoch, ihnen sei nichts über Nachbeben bekannt, die so stark gewesen wären, daß sie eine Flutwelle hätten auslösen
können. Ein solches Beben müßte mindestens die Stärke 7,5 haben.
Im Norden der indonesischen Insel Sumatra sind nach Einschätzung der Gesundheitsbehörden hunderttausende Überlebende von Krankheiten bedroht. In der besonders schwer getroffenen Provinz Aceh würden zehntausende weitere Helfer benötigt, um die Gesundheitsgefahren durch verwesende Leichen einzudämmen, hieß es. Auf den Malediven stieg die Zahl der Toten nach einem Bericht des indischen Nachrichtensenders NDTV auf 67. Mehrere Inseln des Urlaubsparadieses seien weiterhin überflutet.
Bundeskanzler Schröder und andere Spitzenpolitiker riefen die Deutschen ebenso zu Spenden auf wie die katholische und die evangelische Kirche, die am Neujahrswochenende in Sonderkollekten für die Opfer des verheerenden Seebebens sammeln (Die Spendenkonten der Hilfsorganisationen). Papst Johannes Paul II. appellierte erneut an die internationale Gemeinschaft, den Opfern zu helfen. Die Organisationen des Internationalen Roten Kreuzes und des Roten Halbmonds baten um Spenden.