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Bergwerksunglück Lengede Vierzehn Tage lang lebendig begraben

24.10.2003 ·  Am 24. Oktober 1963 wurden in der Grube „Mathilde“ 159 Kumpel verschüttet. Die meisten wurden gerettet, die letzten elf erst nach zwei Wochen. Die dramatische Rettungsaktion wurde als „Wunder von Lengede“ bekannt.

Von Katrin Hummel
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„Es ist kurz vor 20 Uhr am 24. Oktober 1963, als Helmut Webranitz das Rauschen hört. Der Achtundzwanzigjährige ist gerade dabei, mit seinem älteren Kollegen Alfred Naider auf der "Strecke 5" im "Berg 92" des Schachtes Mathilde in Lengede Erz zu fördern. Webranitz denkt: "Menschenskinder, kommt da etwa der Teich anmarschiert?" und läuft gemeinsam mit Naider zurück auf die Hauptstrecke im "Berg 92". Dort sehen die Männer das Wasser, das sich mit brachialer Gewalt von oben herab Bahn bricht und alles mit sich reißt, was sich ihm in den Weg stellt: Vollbeladene Holzwagen, Werkzeug und jeden, der höher als bis zu den Knien im Wasser steht.

"Donnerstag, 24. Oktober. Gegen 20.00 Uhr wird die Erzgrube von fünfhunderttausend Kubikmeter Wasser aus einem Klärteich überflutet. 129 Mann sind zu dieser Zeit im Schacht."

Webranitz hat nur einen Gedanken: "Wie komme ich hier am besten raus?" Gemeinsam mit den anderen 40 bis 50 Männern, die in der Mittagsschicht zwischen 14 und 22 Uhr dort unten arbeiten, steigen er und Naider auf einem Förderband langsam die etwa drei Meter breite und 50 Meter lange Hauptstrecke hinauf - unter ihnen das Wasser. Die beiden Männer halten sich wie Kinder an den Händen, doch plötzlich rutscht Naider ab, und Webranitz muß hilflos zusehen, wie das Wasser seinen langjährigen Weggefährten mit sich reißt.

"Der hat es hinter sich, mal sehen, wie ich kaputtgehe", denkt er. Er weiß, es gibt keine Chance, zu entkommen. Dennoch läuft er weiter bis auf die höchste Stelle der Strecke, die Siebzig-Meter-Sohle. Von dort aus gibt es keinen Weg nach oben mehr, sondern nur noch zwei Gänge: Einen nach links, in einen sogenannten Bahnhof, in dem Material für den Streckenausbau gelagert wird, und einen nach rechts. "Ich wollte erst in den Bahnhof laufen, aber dann fiel mir ein, daß da von oben oft Material runterfiel, deswegen bin ich lieber in die ,Strecke 2' auf der anderen Seite gelaufen", erinnert er sich. Es ist eine Entscheidung, die sein Leben rettet und die er nur deswegen so schnell fällen kann, weil er sich aufgrund seiner Tätigkeit als Vorrichtungsarbeiter im Berg besser auskennt als viele andere Hauer, die mit dem Zug stets direkt zu ihren Einsatzorten gefahren wurden.

Zwanzig weitere Männer haben sich für den gleichen Weg wie Webranitz entschieden, gemeinsam stehen sie nun in dem Gang und leuchten mit ihren Lampen hinüber auf die andere Seite in den Bahnhof. Von den Männern dort überlebt keiner, da das Wasser schnell dorthin vordringt und der Bahnhof an der rückwärtigen Seite zugemauert ist. Doch auch in dem etwas höher gelegenen Gang, in dem Webranitz steht, kommt nun das Wasser. Über Geröll klettern die Männer mühsam höher, von einer kleinen Höhle zur nächsten. Sie gelangen schließlich mit Hilfe eines drei Meter langen Brettes, an dem sie sich wie Affen entlanghangeln, in einen Bruchhohlraum, einen sogenannten Alten Mann, von sechs mal zwei mal drei Metern. Er liegt unter nur halb herabgefallenen Mergelplatten über Wasserspiegelhöhe. Dort gibt es nur sehr wenig Sauerstoff, so daß sie schnell einschlafen.

"Freitag, 25. Oktober. Bis 2.00 Uhr retten sich 79 Bergleute aus eigener Kraft. Gegen 19.00 Uhr werden sieben andere Bergleute, die in vierzig Meter Tiefe eingeschlossen waren, erschöpft, aber unversehrt geborgen."

Irgendwann kommt von irgendwo Frischluft zu den Eingeschlossenen hineingeweht, vermutlich aus einer kaputten Leitung, und sie wachen wieder auf. "Da sahen wir, daß sechs Kameraden schon tot waren, erschlagen von herabfallenden Gesteinsbrocken", erzählt Webranitz. Als die Batterien ihrer Lampen leer sind, bricht eine vollkommene Dunkelheit über die fünfzehn verbleibenden Männer herein. Einige von ihnen haben sich ausgezogen, weil sie naß geworden sind. Nun finden sie ihre Kleider nicht mehr. Es ist so dunkel, daß sie ihre Hände nicht sehen, wenn sie sie sich vor die Augen halten.

"Samstag, 26. Oktober: Gegen 16.00 Uhr wird die Flagge über dem Grubengelände auf Halbmast gesetzt: 39 vermißte Bergleute werden aufgegeben. Die Bergungsaktion für vier in einer Lufttasche in 79 Meter vermutete Bergleute beginnt."

Der Berg arbeitet. Immer wieder fallen Gesteinsbrocken auf die Bergleute im Alten Mann herunter. Sie steigen auf die Brocken und damit langsam immer höher. Doch einen Weg hinaus finden sie nicht, obwohl sie danach suchen.

"Sonntag, 27. Oktober. Um 17.13 Uhr werden die ersten Klopfzeichen aufgefangen. Die eingeschlossenen Bergleute Gerhard Hanusch, Fritz Leder und Emil Pohlai sprechen mit ihren Angehörigen und erhalten Tee und Verpflegung."

Webranitz denkt an seine Familie, seine Frau und die beiden Mädchen, fünf und acht Jahre alt. Er denkt: "Mein Gott, du bist noch so jung, und jetzt gehst du elend kaputt." Er denkt: "Meine Frau kriegt immer wieder einen Mann, aber ob die Kinder auch einen Vater kriegen?" In gewissem Sinne beneidet er die Toten, weil er nicht weiß, wie er sterben wird. Er denkt: "Erschlagen werden wäre ja noch okay, aber verhungern oder verdursten?" Erst am fünften Tag trinkt er das Wasser, das am Alten Mann vorbeifließt. Es ist kalt und erzhaltig, im Wasser liegen Leichen.

"Dienstag, 29. Oktober: Nach 148 Stunden unter Tage werden drei Bergleute um 12.40 Uhr an die Oberfläche geholt. Der Fahrhauer Karl Eull, der bei ihnen war, ist ums Leben gekommen."

Die Bergleute im Alten Mann warten unterdessen auf den Tod. Webranitz sieht grüne Wiesen, Blumen und Bäume. Die Männer unterhalten sich kaum, und wenn, dann darüber, ob sie gefunden werden können. Sie achten auf alle Geräusche, morgens um 9 und nachmittags um 14.45 Uhr kommt der Eilzug, so wissen sie immer, welcher Tag gerade ist. Sie haben Hunger, träumen laut von einem halben Pfund Gehacktem, einer schönen Flasche Bier und einer Flasche Schnaps. Doch die meiste Zeit verhalten sie sich ruhig, dämmern vor sich hin, wärmen sich gegenseitig mit ihren Körpern.

"Samstag, 2. November: Zwischen 20.00 und 22.00 Uhr teilt der Hauer Hütter der Grubenleitung mit, daß unter Umständen noch Kumpel in einer Bruchstrecke etwa fünf Kilometer vom Bergungsort der befreiten drei Eingeschlossenen sein könnten. Man beginnt mit einer Versuchsbohrung."

Die Eingeschlossenen können das Geräusch der Bohrung nicht identifizieren und sind daher völlig überrascht, als plötzlich ein Wasserschwall von oben in ihr in 55 Metern Tiefe liegendes Verlies eindringt. Es ist Bohrwasser. Es folgt das Rohr der Versuchsbohrung, durch das Klopfgeräusche zu ihnen dringen. Die Männer wollen ebenfalls Klopfzeichen geben, finden jedoch in der Dunkelheit nur ein Taschenmesser, mit dem sie gegen das Rohr klopfen. Von oben hören sie Stimmen, die sagen: "Das ist nichts, nur Tropfwasser." Panisch überlegen sie, welchen Gegenstand sie noch zur Hand haben, um sich bemerkbar zu machen. Da fällt Webranitz ein, daß er ja noch seinen Helm trägt. Er setzt ihn ab und schlägt mit aller Kraft gegen das Rohr.

"Sonntag, 3. November. Um 6.45 Uhr wird etwa zweihundert Meter vom Hauptschacht entfernt Kontakt mit elf Eingeschlossenen aufgenommen, die um diese Zeit fast zehn Tage lebendig begraben waren. Großalarm. Die bereits abgerückten Bergungskolonnen mit ihrem schweren Gerät werden auf der Autobahn gestoppt und nach Lengede zurückgeschickt. Die für Montag angesetzte Trauerfeier für die Opfer wird verschoben. Wie die Eingeschlossenen über die Sprechleitung mitteilen, liegen in ihrer Nähe unter dem Geröll zehn tote Kumpel. Sie wurden von niederbrechendem Gestein erschlagen. Die Stimmung in Lengede ist explosiv: Man wirft der Grubenleitung vor, sie habe die Vermißten zu früh aufgegeben."

Später wird sich herausstellen, daß die Suchbohrung den Alten Mann nur durch Zufall getroffen hat, weil an dem zunächst anvisierten Punkt für die Bohrung ein Eisenbahngleis lag und sie daher um zwei Meter verrückt wurde.

An einem Bindfaden wird eine eingeschaltete Taschenlampe hinuntergelassen, es folgt ein Zettel und ein Kugelschreiber. Die Männer schreiben zehn Namen darauf. Als der Zettel schon wieder auf dem Weg nach oben ist, finden sie noch einen elften Lebenden und holen den Zettel noch einmal zurück. Dann erhalten die Männer durch das Rohr der Versuchsbohrung, das ungefähr den Durchmesser eines Bierglases hat, kleine Fläschchen mit Tee, ein Mikrophon und Kleidung. "Die langen Unterhosen waren drei Meter lang, als wir die unten rausgezogen haben", erinnert sich Webranitz. Während die Bergungsbohrung vorangetrieben wird, versuchen die Leute oben alles, um den Eingeschlossenen das Leben zu erleichtern. Sie bekommen Kopfschinken mit Spargel, und einmal sogar Tee mit Rum. Das ist ein Versehen, und als man den Irrtum bemerkt, gibt man den Befehl "Auskippen!" nach unten. "Das haben wir getan - aber in den Magen rein", sagt Webranitz. Die Stimmung unter den elf Männern ist schlechter als in den Tagen zuvor. Einer gibt bei einer Gelegenheit das Essen für seinen Nebenmann nicht weiter. Der Hoffnungsschimmer einer baldigen Rettung zermürbt jeden einzelnen.

"Dienstag, 5. November. Die Verrohrung macht Schwierigkeiten. Bergwerksdirektor Stein sagt, die Chancen für eine Rettung stünden 50:50."

"Donnerstag, 7. November. Früher als erwartet - um 6.08 Uhr - erreicht die Bergungsbohrung bei etwa 56 Meter die Höhle der Eingeschlossenen. Laute Jubelrufe der Eingeschlossenen begrüßen die Nachricht."

Zwei Vorgesetzte der Bergleute kommen in der Dahlbusch-Bombe nach unten, sie bringen Tee und Brote mit und einen Zettel, auf dem steht, in welcher Reihenfolge die Männer geborgen werden sollen. Webranitz ist nach 336 Stunden Warten als Sechster an der Reihe. Als er aus der Bombe steigt, setzt man ihm eine Sonnenbrille auf. Er will sich nicht auf die bereitgestellte Trage legen, statt dessen reckt er die Arme zur Siegerpose empor. Sein Bild wird um die Welt gehen. Er wird ins Krankenhaus gefahren, aber außer Nahrung und Schlaf fehlt ihm nichts.

Zwei Jahre lang arbeitet er anschließend über Tage, dann fährt er bis zur Schließung der Grube 1979 wieder ein, aus finanziellen Gründen. Die Gedanken an das Unglück verdrängt er, so gut es geht. Nur einmal im Jahr, am 24. Oktober, legt er mit zwei anderen Geretteten einen Kranz an der Gedenkstätte nieder. In diesem Jahr werden die Männer nun auch mit dieser Tradition brechen. Webranitz, inzwischen 68 Jahre alt, sagt: "Auf Friedhöfen sind die Gräber nach 40 Jahren ja auch schon alle platt."

Die fett gedruckten Zitate stammen aus einem "Stundenbuch der Rettung", das zwei Wochen nach dem Unglück in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung veröffentlicht wurde.

Mit einer Gedenkfeier und einem ökumenischen Gottesdienst haben am Freitag Angehörige, ehemalige Kollegen und Einwohner an die 29 Opfer des Grubenunglücks in Lengede vor 40 Jahren erinnert. Unter den rund 500 Menschen in der Kirche des Ortes im Kreis Peine waren auch Überlebende, die zwei zermürbende Wochen nach dem größten Grubenunglück der deutschen Geschichte am 24. Oktober 1963 bei einer dramatischen Bergungsaktion geborgen werden konnten. Die Rettung der elf Männer ging als „Wunder von Lengede“ in die Annalen ein.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 24.10.2003, Nr. 247
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Jahrgang 1968, Redakteurin im Ressort „Gesellschaft“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

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