04.03.2009 · Nach dem Einsturz des Historischen Stadtarchivs in Köln muss erst die Unglücksstelle stabilisiert werden. Selbst die Suche nach Opfern muss warten. Zum Schutz gegen die Witterung soll eigens ein Dach errichtet werden: Man richtet sich auf eine lange Bergungszeit ein.
Von Peter Schilder, KölnNach dem Einsturz des Historischen Stadtarchivs und zweier Nachbargebäude an der Kölner Severinstraße wurden am Mittwoch noch zwei Anwohner vermisst. Einen Tag nach dem Unglück konnten sich die Bergetrupps noch immer nur vorsichtig dem Schuttberg nähern. Die Suche sei schwierig, da angrenzende Gebäudeteile einstürzen könnten und der Boden nicht fest sei, sagte der Direktor der Kölner Feuerwehr, Stephan Neuhoff. Sollten die beiden Bewohner eines der zusammengebrochenen Wohnhäuser tatsächlich unter den Trümmern liegen, gehe die Überlebenswahrscheinlichkeit gegen Null.
Am Mittwochvormittag wurde damit begonnen, die Überreste des Hauses Severinstraße 220 unter Einsatz zweier Hundert-Tonnen-Kräne niederzulegen. Die Trümmer drohten nachzustürzen. Am Nachmittag breitete die Feuerwehr große Plastikplanen über den Trümmerkegel, damit kein Regenwasser eindringt. Im Schutt der Gebäude liegen Originaldokumente aus mehr als tausend Jahren Geschichte der Stadt Köln und des Rheinlands, ebenso die Nachlässe zahlreicher bedeutender Persönlichkeiten wie etwa des Literaturnobelpreisträgers Heinrich Böll. „Wasser ist der größte Feind der historischen Dokumente“, sagte der Kölner Kulturdezernent Georg Quander. Er nannte das Archivmaterial das „Gedächtnis des gesamten Rheinlandes und weit darüber hinaus“ und gab den finanziellen Wert mit 400 Millionen Euro an. Dieser Wert stehe aber „in keiner Relation zu dem geistigen Wert“. Nach Angaben der Provinzial-Versicherung sind die Kunstschätze, Bücher und Akten des Archivs bis zu einer Höhe von 60 Millionen Euro versichert. Es handele sich um eine sogenannte Allgefahrendeckung, bei der auch Schäden wie der Einsturz abgedeckt seien.
Lange Bergungszeit: Dach zum Schutz gegen die Witterung
Wie viel Archivgut von den insgesamt 30 Regalkilometern bei dem Einsturz tatsächlich zerstört wurde, ist noch nicht abzusehen. Noch in der Nacht hatten 100 Helfer damit begonnen, aus dem hinteren Teil des Stadtarchivs, das stehengeblieben war, Urkunden und Dokumente zu bergen und in Containern und in der Turnhalle des gegenüberliegenden Friedrich-Wilhelm-Gymnasiums zu sichern. Dort war am Mittwoch schulfrei, für die nächste Zeit wird ein Ausweichquartier gesucht. Wenn die Unglücksstelle gesichert ist, soll über den Trümmern ein Dach zum Schutz gegen die Witterung errichtet werden. Man richtet sich auf eine lange Bergungszeit ein.
Zur Ursache des Unglücks befragt, sagte Feuerwehrdirektor Neuhoff, in dem 28 Meter tiefen Bauschacht für die geplante von Nord nach Süd verlaufende U-Bahn-Strecke vor dem Archivgebäude sei eine Öffnung entstanden, in die große Mengen Erde nachgerutscht seien. Dabei sei dem Bau gleichsam der Boden entzogen worden, so dass er umgekippt sei und die beiden angrenzenden Häuser mit sich gerissen habe. „Wir wissen, was passiert ist, aber wir wissen nicht, warum“, sagt der Vorstandssprecher der Kölner Verkehrsbetriebe (KVB) Jürgen Fenske am Mittwoch.
Setzungen an Häusern sollen erneut überprüft werden
Die Verkehrsbetriebe sind Bauherr des U-Bahn-Projekts. Fenske bestritt einen Zusammenhang mit den Setzrissen, die schon im Frühjahr 2008 im Keller des Stadtarchivs festgestellt worden waren. Solche Setzungen habe es zwar gegeben, aber nicht nur im Stadtarchiv, sondern auch im Rathaus und an anderen Gebäuden entlang der U-Bahn-Trasse. Die Risse seien beobachtet und überprüft worden, sagte Fenske. In allen Fällen hätten Statiker die Standfestigkeit des Archivgebäudes festgestellt. Für den konkreten Ablauf unter dem Stadtarchiv aber „haben wir keine Vermutungen und schon gar keine Erkenntnisse“. Am Dienstag hatte ein früherer Mitarbeiter des Archivs von den Setzrissen berichtet und geäußert, bei dem Einsturz des Archivs handele es sich um eine „absehbare Katastrophe“.
Für einen sofortigen Baustopp bei der U-Bahn sehen die Kölner Verkehrsbetriebe zurzeit keinen Anlass. Vorstandssprecher Jürgen Fenske sagte am Mittwoch, ein solcher Baustopp wäre „kontraproduktiv“. Dennoch gerät der U-Bahn-Bau, dessen Kosten weit über die geplanten Summen auf jetzt 1,3 Milliarden Euro gestiegen sind, immer mehr ins Stadtgespräch. Einer, der am Mittwoch ernste Fragen stellte, war der Erste Bürger der Stadt, Oberbürgermeister Fritz Schramma. Er war noch in der Nacht aus seinem Urlaub in Österreich an den Rhein zurückgekehrt. Am Mittwoch forderte er, alle Setzungen an den Häusern entlang der Strecke noch einmal zu überprüfen. „Die Menschen sollen nicht in Sorge leben“, sagte er. Schramma hatte zuvor in einem Interview sogar gefragt, ob es sinnvoll sei, unter dichtbebauten Großstädten solch große Erdmassen zu bewegen. „Ich halte das fast für unverantwortlich.“ Unterdessen hat die Kölner Staatsanwaltschaft pflichtgemäß Ermittlungen gegen Unbekannt aufgenommen.
Einsturz in Köln
Heinz-Werner Raderschatt (HEWERA)
- 04.03.2009, 10:26 Uhr
Weiterbau U-Bahn
Bert Greve (Churchill3)
- 04.03.2009, 11:49 Uhr
Der Bauexperte Schramma
Marvin Parsons (mapar)
- 04.03.2009, 11:53 Uhr
Was als nächstes ?
Christian Brinker (chb1970)
- 04.03.2009, 11:53 Uhr
Zu Einsturz in Köln
Wilhelm Rggrt (Wilhelm29)
- 04.03.2009, 12:11 Uhr