22.03.2011 · Die Lage im Atomkraftwerk Fukushima Daiichi hat sich wieder verschlechtert: Das Kühlsystem in Reaktor 2 funktioniert nicht. Das Meerwasser vor der Küste ist verseucht. Und außerhalb der Evakuierungszone wurden um das 400-fache erhöhte Strahlenwerte gemessen.
Von Petra Kolonko, SeoulDie Lage im Atomkraftwerk Fukushima Daiichi hat sich wieder verschlechtert. Aus den Reaktorblöcken 2 und 3 stiegen wieder Wolken aus Rauch oder Wasserdampf auf; der Einsatz zur Kühlung der Reaktoren und Brennelemente wurde deshalb zeitweilig unterbrochen. Aus der japanischen Regierung und der Atomaufsichtsbehörde NISA verlauteten indes unterschiedliche Einschätzungen: Während Industrieminister Banri Kaeda sagte, er habe nicht den Eindruck, dass es Fortschritte gebe, äußerte ein Sprecher der Atomaufsichtsbehörde, es sei unwahrscheinlich, dass die Lage sich verschlechtern und in Richtung auf eine Kernschmelze entwickeln werde.
Rund 40 Kilometer nordwestlich des Reaktors wurden am Dienstag um das 400-fache erhöhte Strahlenwerte gemessen. Das teilte das japanische Wissenschaftsministerium mit, berichtet der Fernsehsender NHK. Bereits am Montag waren im Boden, in fünf Zentimetern Tiefe, stark erhöhte Cäsium- und Jodwerte festgestellt worden. Die Belastung mit dem krebserregenden Isotop Jod-131 liege 430 mal über dem Wert, der normalerweise im Boden gemessen wird, erklärte Keigo Endo von der Gunma Universität. Der Wert lag bei 43.000 Becquerel pro Kilogramm Boden. Die Belastung mit Cäsium-137 lag mit 4.700 Becquerel um das 47-fache über dem Normalwert. Der Ort, an dem diese Werte gemessen wurden, liegt 20 Kilometer außerhalb der Evakuierungszone. Endo erklärte, die Strahlenbelastung überschreite die erlaubte Jahreshöchstdosis um das Vierfache, eine akute Gesundheitsgefährdung bestehe derzeit jedoch nicht.
Nach Angaben der NISA waren die Brennstäbe in den Reaktorblöcken 1 und 3 am Dienstag mit weniger Wasser bedeckt als an den Tagen zuvor. Die Wassertemperatur in einem Abklingbecken an Reaktorblock 2 soll den Siedepunkt erreicht haben. Siedendes Kühlwasser gilt als eine mögliche Ursache für die Wolken, die aus den Reaktorblöcken aufstiegen.
Kühlsystem in Reaktor 2 funktioniert nicht
Es sind jetzt zu allen sechs Reaktoren Stromleitungen gelegt. Bevor sie wieder an das Stromnetz angeschlossen werden können, müssen indes noch Pumpen und andere Geräte in den Reaktoren überprüft werden. Bei Reaktor 2 steht offenbar schon fest, dass die alten Pumpen für das Kühlsystem nicht wieder in Betrieb genommen werden können. Wann neue Geräte in Fukushima eintreffen können, war zunächst nicht bekannt.
Feuerwehrleute sprühten weiter große Mengen von Wasser auf die Reaktoren. Am Dienstag wurde dazu an Reaktorblock 4 erstmals eine Betonpumpe aus Deutschland mit einem Teleskoparm eingesetzt, so dass gezielt Wasser in das Abklingbecken gespritzt werden konnte; das Gerät wird sonst eingesetzt, um Beton in große Höhen zu Pumpen. Ein ähnliches Gerät soll nach Angaben chinesischer Medien aus China nach Japan gebracht werden. Verteidigungsminister Kitazawa sagte, dass Japan die Streitkräfte der Vereinigten Staaten um Hilfe gebeten habe. Die Hubschrauber der japanischen Streitkräfte werden jetzt täglich und nicht nur mehr zwei mal die Woche die Temperatur im Kraftwerksgelände messen.
Verseuchtes Meerwasser
Nach Angaben von Tepco-Sprechern sind die Strahlungswerte im Atomkraftwerk am Dienstag unverändert geblieben. Sie mussten aber bestätigen, dass nahe dem Kraftwerk hohe Werte von radioaktivem Jod und Cäsium im Meerwasser festgestellt wurden. Die Konzentration von Jod-131 sei hundert Meter südlich der Anlage 127 Mal höher als der gesetzliche Grenzwert gewesen, die Konzentration von Cäsium-134 habe ihn 25 Mal überschritten. Nach Angaben der Atomaufsichtsbehörde stellen sie keine „unmittelbare“ Gesundheitsbelastung dar. Die Präfektur versicherte, dass kein Fisch und keine Meeresfrüchte aus der Region auf die Märkte gekommen seien, da dort nicht mehr gefischt werde.
Das japanische Gesundheitsministerium meldete erhöhte Spuren von radioaktivem Jod im Leitungswasser an fünf verschiedenen Orten der Präfektur Fukushima. Auch hier hieß es, es gebe keine „unmittelbare Gesundheitsgefahr. Das Ministerium riet aber doch den Bewohnern, das Wasser nicht für Babynahrung zu verwenden.
Keine Gefahr durch verseuchte Lebensmittel
Nachdem in den vergangenen Tagen belastete Milch und belastetes Gemüse gefunden worden waren, versicherte Regierungssprecher Edano am Dienstag, es gebe keine Gefahr durch kontaminierte Lebensmittel. Die Regierung hatte am Montag vorübergehend die Lieferung von Milch und Gemüse aus der Umgebung von Fukushima einstellen lassen. Edano versprach eine schnelle Information der Öffentlichkeit zu Fragen der Lebensmittelsicherheit.
In den nächsten Tagen könnte nach Einschätzung des deutschen Wetterdienstes der Wind drehen, der derzeit auf das Meer weht und radioaktive Elemente in Richtung Tokio tragen. Eine Ausweitung der Evakuierungszone um das Kernkraftwerk, die derzeit 20 km beträgt, wird noch nicht erwogen.
Der Vizepräsident von Tepco besuchte laut einem Bericht des japanischen Fernsehens NHK erstmals eine Notunterkunft, in der Bewohner der evakuierten Ortschaft Okuma untergebracht sind. Die Menschen fragten ihn, wann sie zurück könnten, und beklagten sich, dass sie in Zukunft nicht mehr von der Fischerei leben könnten. Der Vizepräsident versprach weitere Bemühungen des Unternehmens. Der Gouverneur der Präfektur Fukushima, Yuhei Sato, wies unterdessen eine Einladung zu einem Treffen mit Tepco-Präsident Masataka Shimizu schroff zurück. Sato sagte dem Sender NHK, angesichts der „Wut und Verzweiflung“ der Menschen in seiner Präfektur sehe er keine Möglichkeit, eine Entschuldigung durch Tepco anzunehmen.
Industrieminister drohte Feuerwehrmännern
In die Kritik geriet auch Industrieminister Banri Kaeda. Dieser soll am Montag Feuerwehrleuten befohlen haben, in Fukushima sofort an die Arbeit zu gehen, sonst würden sie bestraft. An die Öffentlichkeit war der Vorfall durch den Gouverneur von Tokio gekommen, der den Namen des Ministers indes nicht genannt hatte. Doch Kaeda, der der Stellvertreter von Ministerpräsident Naoto Kan im Krisenstab ist, entschuldigte sich am Dienstag mit den Worten, es tue ihm leid, wenn seine Worte die Feuerwehrleute verletzt hätten. Zuvor hatte schon Ministerpräsident Kan gesagt, dem Minister tue seine Äußerung leid.
Die japanische meteorologische Behörde warnte am Dienstag vor weiteren schweren Nachbeben. Zwar hätten die Nachbeben insgesamt nachgelassen, doch könnten weitere Beben von einer Stärke bis zu 7 oder mehr folgen. Das Erdbeben vom 11.März hatte eine Stärke von 9 - die höchste die jemals in Japan gemessen wurde.
Die Zahl der Toten und Vermissten nach Erdbeben und Tsunami stieg am Dienstag auf etwa 22.000. Unter den Vermissten sind auch zahlreiche Kinder: In den drei Präfekturen Fukushima, Miyagi und Iwate wurde der Tod von mehr als 130 Schülern bestätigt, etwa 1600 werden noch vermisst. 5682 Schulen wurden beschädigt oder überschwemmt, berichtete die Nachrichtenagentur Kyodo.
Dass der Betreiber von Fukushima Daiichi - das Unternehmen Tokyo Electric Power Company (Tepco) - nach der Krise einige Fragen zu beantworten haben wird, ist schon seit Beginn des Dramas am Kernkraftwerk klar. Offenbar hat aber auch die staatliche Aufsichtsbehörde versagt. Aus einem Briefwechsel, der jetzt bekannt wurde, geht hervor, dass die Behörde es nicht ernst genommen hat, dass eine Inspektion der Anlage zu Beginn des Jahres unterlassen wurde. Dem Betreiber wurde eine großzügige Frist zur Nachholung gewährt - und sogar versichert, man glaube nicht, dass die versäumten Inspektionen ein Sicherheitsrisiko darstellen würden.
Die Aufsicht über die japanische Atomindustrie liegt bei der 2001 gegründeten Behörde für Nukleare und industrielle Sicherheit (Nuclear and Industrial Safety Agency - NISA), in der damals Funktionen verschiedener Ministerien zusammengefasst wurden. Zuständig ist sie nicht nur für die Atomindustrie, sondern auch für andere Energieunternehmen.
Die Behörde untersteht dem japanischen Industrieministerium, das zu den aktiven Förderern der Atomenergie in Japan zählt. Auf seiner Internetsite heißt es, NISA arbeite rund um die Uhr, um die Sicherheit der Bevölkerung und den Schutz der Umwelt zu gewährleisten. Nach Darstellung des Ministeriums soll die Behörde auch das Katastrophenmanagement für den „unwahrscheinlichen Fall“ eines Unfalles vorbereiten. Sie schicke regelmäßig Inspektoren in die Kernkraftwerke.
Die Behörde hat ihren Sitz im Regierungsviertel von Tokio, wo der stellvertretende NISA-Leiter Hidehiko Nishiyama, der derzeit als ihr Sprecher auftritt, auch früher schon arbeitete: Er ist ein altgedienter Funktionär des Industrieministeriums, wo er in der Abteilung für Energie und Ressourcen arbeitete. Er bezeichnete die Ereignisse in Fukushima als „einen Unfall von einem Ausmaß, das wir nicht erwartet haben“. Auch der NISA-Leiter, Nobuaki Terasaka, kommt aus derselben Abteilung des Industrieministeriums.
Kritiker haben schon lange darauf hingewiesen, dass die Aufsichtsbehörde wegen solcher personeller Verflechtungen und wegen der Zuordnung zum Industrieministerium kaum unabhängig und transparent arbeiten könne: Dieselben Personen machten die Regeln, nähmen die Überprüfungen vor und befänden über das Ergebnis der Inspektionen. (P.K.)
Kühlung mit Feuerwehrschlauch
Werner Kant (derMahner)
- 22.03.2011, 12:16 Uhr
"Verstrahlt"
Günther Habanek (ghabanek)
- 22.03.2011, 12:24 Uhr
Wasserkühlung
Hermann Hagena (HermannHagena)
- 22.03.2011, 12:25 Uhr
Herr Kant - Ihre Fragen ergeben sich aus der Berichterstattung
Horst Trummler (Vandale6906)
- 22.03.2011, 13:00 Uhr
Wo bleiben eigentlich die Roboter,
Stephan Hoppe (shoppe57)
- 22.03.2011, 13:08 Uhr