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Amoklauf von Blacksburg „Ich hätte sterben können“

17.04.2007 ·  Beten, verarbeiten, sprechen. Die 29.000 Studenten der „Virginia Tech“ versuchen nach dem Amoklauf mit ihrem Schock fertig zu werden. Nicht nur in Blacksburg wehen die Fahnen auf Halbmast. Matthias Rüb über den ersten Tag nach der Tragödie.

Von Matthias Rüb, Blacksburg
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Alles war vorbereitet für einen Beginn, allenfalls für einen Augenblick des Verharrens vor der nächsten Etappe. Für die „freshmen“ sollte in drei Wochen das erste Semester zu Ende gehen; für die „seniors“ standen die Prüfungen bevor, ehe es weitergehen sollte mit dem Graduiertenstudium oder auch mit dem Weg ins Berufsleben.

Der Rasen auf dem ausladenden Campusgelände war zum ersten Mal nach dem ungewöhnlich langen und harten Winter frisch geschnitten und frisch gedüngt. Um die Bäume und in den Beeten lag der erdig duftende dunkelbraune Mulch. Die Knospen der Narzissen warteten auf die ausgebliebene Sonnenwärme.

Schlimmster Amoklauf in der amerikanischen Zivilgeschichte

Doch am Morgen eines Tages, der für immer in die Geschichte der kleinen Stadt Blacksburg im Westen des Bundesstaates Virginia und ins Gedächtnis der Amerikaner eingebrannt bleiben wird, hatte es sogar noch einmal leicht geschneit. Der eisige Wind hatte Zweige und Äste von den Bäumen gerissen und auf die Straßen, die Rad- und Gehwege geworfen. Und das Leben von 33 Menschen war zu einem gewaltsamen, unbegreiflichen Ende gekommen, beim schlimmsten Amoklauf in der amerikanischen Zivilgeschichte.

Als sich der Abend über den Campus der 1872 gegründeten Polytechnischen Universität im Shenandoa-Tal mit den ausladenden Laubwäldern senkt, die heute alle Welt nur als „Virginia Tech“ kennt, sind die Wolken fortgeblasen. Die neugotischen Gebäude der Institute, Laboratorien und Studentenwohnheime scheinen noch unwirklicher in der ohendies künstlich wirkenden, von fleißiger Gärtnerhand übergepflegten Parklandschaft dieses amerikanischen Hochschulcampus.

Gähnende Sinnleere mit irgendeiner Symbolik füllen

Die ersten Sterne blitzen am Himmel. Die meisten, aber nicht alle Zufahrtsstraßen zum mehr als tausend Hektar großen Campusgelände sind gesperrt, zahllose Polizeiautos der Universitätspolizei, der Polizei der Stadt Blacksburg, des Landkreises Montgomery und des Bundesstaates Virginia stehen mit unablässig flackernden Blau- und Rotlichtern quer auf den Fahrbahnen.

Auf den Wetterwechsel, das abrupte Aufklaren nach wochenlangem Regen- und Sturmwetter weisen manche der Studenten hin, die aus den Wohnheimen kommen, ihre Rollkoffer hinter sich herziehen und in der zum Medienzentrum und zum Treffpunkt für Studenten und ihre Angehörigen umgerüsteten Alumni-Halle auf ihre Eltern warten, um die Nacht daheim zu verbringen. Es ist der von vielen unternommene hilflose Versuch, eine gähnende Sinnleere mit irgendeiner Symbolik zu füllen. Die jüngste Nummer der seit 1903 publizierten Studentenzeitschrift „Collegiate Times“, die am Abend des Amoklaufs in der Alumni-Halle ausliegt, trägt das Datum „Freitag, 13. April 2007“.

Pressekonferenzen bis zum späten Abend

Vielleicht ist auch die fast unheimliche Geschäftigkeit und Professionalität, mit der die Verantwortlichen den Schwall des weltumspannenden Interesses an den Vorgängen auf dem Universitätscampus im ländlichen Westzipfel des Bundesstaates zu kanalisieren verstehen, eine Art nützlicher Übersprungshandlung. Gut fünf Dutzend Übertragungswagen von Fernsehsendern stehen mit laufenden Generatoren auf dem Parkplatz. An Hunderte Journalisten werden eilig gefertigte Akkreditierungen ausgegeben, Getränke und Snacks stehen zur Verfügung. Augen- und Ohrenzeugen beantworten bald gefasst, bald weinend die immergleichen Fragen.

Im Abstand von jeweils anderthalb Stunden werden bis zum späten Abend Pressekonferenzen abgehalten. Viel erfährt man freilich nicht - nichts über den Täter und dessen mögliche Motive, nichts über die Opfer. Nur Zahlen: 33 Tote, zwei im Studentenwohnheim „West Ambler Johnston Hall“ und 31 im Vorlesungsgebäude „Norris Hall“, unter ihnen der Täter, der mit zwei Handfeuerwaffen um sich schoss und sich schließlich selbst richtete, ehe es zu einem Feuergefecht mit den herbeigeeilten Polizisten hätte kommen können.

Beten. Verarbeiten. Sprechen.

Vom lärmenden Medienzentrum bis zur fast vollständigen Stille des christlichen Begegnungszentrums der „Baptist Collegiate Ministries at Virginia Tech“ (BCM @ VT) an der Washington Street 307 sind es fünf Minuten Fußweg. „Pray. Process. Talk“ (Beten. Verarbeiten. Sprechen) steht auf einem Schild vor dem Flachbau, der schräg gegenüber vom Ort der ersten beiden Morde in der „West AJ Hall“ liegt. Am Eingang hängt ein Plakat mit der Aufschrift: „Auch wenn Worte unsere Trauer nicht zum Ausdruck bringen können, so wissen wir doch, dass unsere Gebete sich an jenen richten, der unsere Schmerzen lindern kann.“ Gebetet und leise gesprochen wird viel vor dem Gebäude und in den Räumen des christlichen Begegnungszentrums.

Mehr als die Hälfte der Studenten tragen Pullover, Hosen oder Mützen mit der Aufschrift „Virginia Tech“ oder auch mit der allseits bekannten Abkürzung „VT“. Es gibt Getränke, Obst und Pizza. Das Tischfußball-Spiel steht verwaist in der Mitte des Kellerraums. Auch auf den Stühlen an den Klapptischen sitzt kaum einer der gut fünf Dutzend Studenten. Die meisten stehen, einige sitzen auf dem Teppichboden. Es ist leise im Raum, es wird mehr geflüstert als gesprochen. Am Fernsehgerät in einem Nebenzimmer, über das die Übertragung der letzten Pressekonferenz flimmert, ist der Ton abgedreht.

Renommierte Universität, ruhig und idyllisch gelegen

Susan Handley aus Baltimore im benachbarten Bundesstaat Maryland und Tom Slabach aus dem Landkreis Fairfax im Norden von Virginia sind „freshmen“ im Studiengang Ingenieurwissenschaften. Die „Norris Hall“, wo der Amokläufer in mehreren Unterrichtsräumen ihre Kommilitionen und Professoren erschoss, ehe er die Waffe gegen sich selbst richtete, kennen die beiden 19 Jahre alten Studenten gut, weil sie selbst dort oft Unterricht haben. Zum Zeitpunkt der Verbrechen waren sie in ihren eigenen Wohnheimen oder anderswo auf dem Campus unterwegs.

Die zumal als Ausbildungsstätte für technische und naturwissenschaftliche Fächer renommierte Universität haben sie gewählt, weil sie „nah der Heimat“ war, ruhig und idyllisch gelegen ist. Tom erzählt zudem, sein älterer Bruder studiere hier als „senior“ - er ist wohlauf wie er selbst. Susan sagt, sie habe „Virginia Tech“ einer Universität im Bundesstaat New York vorgezogen, weil sie geglaubt habe, im ländlichen Viriginia gebe es weniger Alltagskriminalität als im städtischen Bundesstaat New York.

„Jeder konnte zum Opfer werden.“

„Es ist seltsam, obwohl ich heute hätte sterben können, habe ich auch jetzt keine Angst“, sagt sie. Und Tom pflichtet ihr bei: „Es ist wie bei den Terroranschlägen vom 11. September 2001 - jeder konnte zum Opfer werden.“ Niemand könne sich vor den irrsinnigen Taten eines verwirrten Einzeltäters oder auch eines Terroristen schützen. Tom ist sich ziemlich sicher, dass ein Kommilitone, den er flüchtig kannte, zu den Opfern zählt.

Er habe zum Zeitpunkt der Tat ein Seminar im Fach Deutsch in der „Norris Hall“ gehabt. Seither habe er nichts von ihm gehört - auch Freunde, die enger mit ihm bekannt waren, hätten ihn nicht erreichen können. Die beiden sind zwar zum ersten Mal hier im BCM, aber sie treffen sich regelmäßig in einer anderen Gruppe. „Vielleicht ist es für uns Christen leichter, mit all dem umzugehen, weil für uns der Tod nicht das Ende ist“, sagt Tom. Vielleicht.

Das ganze Land steht unter Schock

Am späten Abend fahren die ersten Leichenwagen auf den Campus, obwohl die Toten die Nacht über am Tatort bleiben, damit die Ermittlungen anderntags fortgesetzt werden können. Der Tag nach dem Amokalauf ist ein klarer Tag mit stahlblauem Himmel. Aus Washington haben sich Präsident George W. Bush und seine Frau Laura für die Trauerfeier am Nachmittag angekündigt. Im Kongress wird die geplante Anhörung von Justizminister Alberto Gonzales wegen der Affäre um die Entlassung von acht Bundesstaatsanwälten um zwei Tage verschoben.

Das ganze Land steht unter Schock und ist in Trauer. Wie gelähmt schaut man nach Blacksburg, wo der von einem Besuch in Japan frühzeitig zurückgekehrte Gouverneur für den Landkreis Montgomery den Notstand verhängt hat. Viele Eltern, Angehörige und Freunde sind gekommen, obwohl längst alles Hotels der Stadt ausgebucht sind und der Präsident von „Virginia Tech“ am Vorabend von solchen Fahrten abgeraten hat.

Wichtige Fragen bleiben zunächst unbeantwortet

Die erste Pressekonferenz des Tages in der jetzt überfüllten Alumni-Halle bringt erste Antworten, obschon die wesentlichen Fragen, warum es zu der Tat kam und ob der Amoklauf gut zwei Stunden nach dem ersten Doppelmord bei einer frühzeitigen Warnung oder gar der Räumung des gesamten Campus hätte verhindert werden können, unbeantwortet bleiben. Als wahrscheinlicher Täter im Wohnheim „West AJ Hall“ wie auch im Unterrichtsgebäude „Norris Hall“ wird der 23 Jahre alte Student Cho Seung-Hui genannt,der aus Südkorea stammt (Siehe auch:FAZ.NET-Spezial: Der Amoklauf von Blacksburg).

Aus einer der beiden beim Täter gefundenen Handfeuerwaffen seien die Schüsse an beiden Tatorten abgefeuert worden. Auch einige Namen der Opfer sickern durch, nachdem die von den Behörden schon unterrichteten Angehörigen die Medien unterrichtet haben. Augenzeugen berichten, der junge Mann habe in gespenstischer Ruhe und ohne sichtbare Gefühlsregung offenbar mit dem Ziel geschossen, möglichst viele Menschen zu töten.

Alle Fahnen wehen auf Halbmast

Aus den Krankenhäusern wird berichtet, es gebe keinen unter den mindestens 15 Angeschossenen, der nur eine Schusswunde erlitten habe. Zwei Zugangstüren zu dem Gebäude hatte der Täter mit Ketten verschlossen, um der nach dem ersten Notruf aus dem Gebäude herbeigeeilten Polizei den Zugang zu versperren. Die meisten Studenten sowie ein Professor starben offenbar im Deutsch-Seminar, wo von etwa 20 Teilnehmern bis zu 15 erschossen oder verletzt wurden. In anderen Seminarräumen schoss der Täter durch die verbarrikadierten Türen. Erst wenn alle Opfer identifiziert sind und alle Angehörigen unterrichtet, soll die Liste der Toten veröffentlicht werden.

Alle Flaggen in Blacksburg, das mit seinen knapp 40.000 Einwohnern ganz und gar für und mit „Virginia Tech“ und seinen fast 29.000 Studenten lebt, wehen auf Halbmast. So wird es bald im ganzen Land sein. Ans Schaufenster des Geschäfts mit Fanartikeln der „Hokies“ genannten Sportvereine der Universität steht in großen Lettern: „Die Hokie-Nation trauert.“ Es ist ein schöner Tag mit fast unwirklich klarer Luft. Vielleicht beginnt jetzt der Frühling im Shenandoah-Tal. Aber das hat nichts zu bedeuten.

Quelle: F.A.Z., 18.04.2007, Nr. 90 / Seite 9
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Jahrgang 1962, politischer Korrespondent für Nordamerika mit Sitz in Washington.

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