16.03.2008 · Das genaue Ausmaß der Explosionskatastrophe in einem Munitionswerk nahe der albanischen Hauptstadt Tirana ist weiter ungewiss, denn viele Menschen werden noch vermisst. Bestätigt wurden indes aber neun Todesopfer.
Bei einer Serie von Explosionen in einem Munitionslager nahe der albanischen Hauptstadt Tirana sind in der Nacht zum Sonntag mindestens neun Menschen getötet worden. Fast 300 weitere, darunter viele Kinder, erlitten nach Angaben der Behörden Verletzungen. Der nahegelegene Ort Gerdec wurde zum Katastrophengebiet erklärt. Das Schicksal von mehr als 100 Menschen, die sich zum Zeitpunkt der Explosionen im zentralen Gebäude des Geländes befanden, blieb zunächst unklar.
Bundeskanzlerin Angela Merkel und Nato-Generalsekretär Jaap de Hoop Scheffer äußerten sich bestürzt über das Unglück, das sich bei der Zerstörung überzähliger Munition ereignet haben könnte. Die Explosionen begannen am Samstag und dauerten bis in die Nacht zum Sonntag über einen Zeitraum von insgesamt 14 Stunden an. Hunderte Soldaten und Polizisten riegelten das Gelände, über dem noch immer Rauch aufstieg, am Sonntag ab.
Hunderte Häuser zerstört
Verteidigungsminister Fatmir Mediu sagte, wegen der enormen Hitze könne noch weitere Munition explodieren. Es sei unklar, wie viel davon schon zerstört worden sei. In ehemaligen Militärhallen lagern nach Angaben des Verteidigungsministeriums rund 100.000 Tonnen Munition aus kommunistischer Zeit. Im vergangenen Jahr wurden 6000 bis 7000 Tonnen zerstört. Mit dieser Aufgabe ist auch eine amerikanische Firma beauftragt. Unter den im Militärlager vermissten Menschen sollen auch zehn Mitarbeiter dieser Firma sein.
Ministerpräsident Sali Berisha sagte, die Detonationen in dem rund zehn Kilometer nördlich von Tirana gelegenen Dorf Gerdec hätten mehr als 300 Gebäude in der Umgebung zerstört und 2000 Häuser beschädigt. Drei Ortschaften mit insgesamt 4000 Einwohnern wurden evakuiert. In dem Gebiet fiel der Strom aus. Fernsehbilder zeigten einen riesigen Feuerball über dem Lager, Trümmerteile und Munitionssplitter fielen auf Häuser und Autos. (Siehe auch: Explosionsserie auf albanischem Militärstützpunkt) Noch in zwei Kilometer Entfernung wurden Häuser beschädigt. Der Ministerpräsident kündigte finanzielle Hilfe für die Bewohner und einen raschen Wiederaufbau des Unglücksgebiets an.
Erste Explosion löst Kettenreaktion aus
Die erste Explosion hatte eine Kettenreaktion ausgelöst. Noch Stunden später waren Detonationen zu hören, sogar im 190 Kilometer entfernte Skopje. Die Behörden erklärten unter Berufung auf Augenzeugen, zwischen der ersten Explosion und den folgenden seien etwa zehn Minuten vergangen. Daher hätten viele Menschen rechtzeitig das Gelände verlassen können. Innenminister Budschar Nischani zufolge arbeiteten zum Zeitpunkt des Unglücks 121 Menschen in dem Munitionslager.
Ministerpräsident Berisha nannte die vom früheren kommunistischen Regime seit 1945 in Albanien gehortete Munition eine fortwährende Bedrohung und Gefahr: „Es gibt eine kolossale, verrückte Menge von Munition.“ Nach Angaben der Nachrichtenagentur Associated Press wollte Berisha menschliches Versagen nicht ausschließen, erklärte aber, wahrscheinlich sei die Munition aufgrund ihres Alters von selbst explodiert.
Die Nato-Friedenstruppe im benachbarten Kosovo schickte Hubschrauber und Blutkonserven zum Unglücksort. In Pristina bildeten sich lange Schlagen vor dem größten Krankenhaus, in dem die Menschen Blut spenden wollten. Mehrere Verletzte wurden zur Behandlung nach Griechenland und Italien geflogen. Das Deutsche Rote Kreuz schickte nach eigenen Angaben Medikamente und Verbandsmaterial für die Versorgung von Verbrennungen.