Home
http://www.faz.net/-gup-qx0k
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Airbus-Absturz Zu schnell und zu spät

05.08.2005 ·  Kanadische Ermittler erheben nach der Bruchlandung eines Airbus in Toronto schwere Vorwürfe gegen die Air-France-Piloten. Das Flugzeug sei bei der Landung viel zu spät aufgesetzt worden.

Artikel Bilder (2) Lesermeinungen (0)

Nach der spektakulären Bruchlandung eines Airbus 340 der Fluggesellschaft Air France in Toronto haben kanadische Ermittler schwere Vorwürfe gegen die französischen Piloten erhoben. Das Flugzeug mit 309 Insassen an Bord sei bei der Landung zu spät aufgesetzt worden, berichtete am Freitag die Zeitung „Globe and Mail“.

Bei stürmischem Wetter und starkem Regen habe der Copilot, der die Landung ausführte, die „sichere Zone“ der 2800 Meter langen Bahn verfehlt. Das Flugzeug sei erst „weit hinter der normalen Aufsetzzone“ auf den Boden gebracht worden und infolgedessen über die Bahn hinausgeschossen, zerbrochen und schließlich ausgebrannt. Allen Insassen gelang es dabei, das Wrack rechtzeitig und überwiegend unverletzt zu verlassen. Nach Angaben des kanadischen Chefermittlers Real Levasseur raste der Airbus am Ende der Landebahn trotz Notbremsung mit immer noch rund 150 Stundenkilometern auf das unbefestigte Gelände des Flughafens.

Wollte der Pilot durchstarten?

Wie die Zeitung unter Berufung auf nicht näher bezeichnete Ermittler berichtete, gebe es zudem Hinweise darauf, daß der Copilot versucht haben könnte, die Maschine durchzustarten, nachdem klar wurde, daß die Reststrecke der Bahn zu kurz war. Aufzeichnungen des Bodenradars deuteten darauf hin, daß die Geschwindigkeit nach dem Aufsetzen zunächst erhöht statt verringert wurde. Während die Besatzung sehr viel Lob für die rasche Evakuierung des Unglücksflugzeugs und damit für die Rettung der Passagiere erhalten hatte, konzentrieren sich die weiteren Ermittlungen nun auf das Geschehen im Cockpit.

„Wir benutzen das Wort ,Pilotenirrtum' nicht mehr“, zitiert die Zeitung den Chefermittler Real Levasseur. „Aber manche ,menschlichen Faktoren' sind folgenschwer.“ Allerdings wurde der genaue Punkt des Aufsetzens nach Darstellung von „Globe and Mail“ bislang nicht völlig eindeutig festgestellt. Die weiteren Ermittlungen würden sich auf diese Frage konzentrieren, zumal sich erhärte, daß alle technischen Systeme des Flugzeugs tatsächlich einwandfrei funktionierten. Einige Passagiere hatten vermutet, die Maschine sei von einem Blitz getroffen worden, da kurz vor der Landung an Bord das Licht ausgegangen sei.

Piloten werden befragt

Weiteren Aufschluß sollen die Aufzeichnungen des Flugschreibers sowie neue Befragungen des Copiloten und später auch des Kapitäns der Maschine bringen. Dieser befand sich am Freitag noch mit Rückenverletzungen in ärztlicher Behandlung. Wann er für vernehmungsfähig erklärt wird, war auch drei Tage nach der Beinahekatastrophe unklar. Der Flugschreiber soll nach kanadischen Medienberichten nach Frankreich geschickt werden. Einem Labor in Ottawa war es offenbar nicht gelungen, die in der sogenannten Black Box aufgezeichneten Gespräche so auf Computer zu übertragen, daß sie angehört werden können.

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen
Themen zu diesem Artikel