09.06.2009 · Eine Woche nach dem Absturz der Air-France-Maschine geht die Suche nach der Unglücksursache weiter. Möglicherweise waren Sonden am Airbus vereist, die die Geschwindigkeit messen. Verstopfte oder verklebte Sonden haben schon in der Vergangenheit zu Abstürzen geführt.
Von Peter-Philipp SchmittDie amerikanische Grabwespe ist den meisten Piloten geläufig - weil sie wohl maßgeblich zum Absturz einer Birgenair-Maschine im Jahr 1996 beigetragen hat. Sceliphron caementarium wird verdächtigt, in einer der Staudrucksonden (Pitotröhren) genistet zu haben. Normalerweise misst die Sonde den Staudruck, also den äußeren Luftdruck (bezogen auf Temperatur und Flughöhe) sowie den Luftwiderstand, also gewissermaßen den Fahrtwind der Maschine. Weil die Pitotröhre verstopft war, wurde der Staudruck nicht korrekt wiedergegeben, und der Kapitän ging von einer höheren Fluggeschwindigkeit aus.
Der Autopilot drosselte die Triebwerke und vergrößerte den Anstellwinkel: Das Flugzeug hob die Nase, um die Geschwindigkeit zu verringern. Als die Piloten schließlich die Automatik ausstellten, war es zu spät. Nur wenn Luft um die Tragflächen strömt und sich dabei oben ein Unterdruck aufbaut, der die Maschine anhebt, bleibt das Flugzeug in der Luft. Wird es zu langsam oder zu schnell, verändern sich die Druckverhältnisse an den Tragflächen. Die Strömung reißt ab, das Flugzeug gerät ins Trudeln und kann abstürzen.
Klebestreifen als Absturzursache
Die Pitotröhren sind von großer Bedeutung für die Piloten. Sie geben maßgeblich die Geschwindigkeit an. Bei Flugzeugen, die längere Zeit am Boden stehen, werden die Röhren darum sorgfältig abgeklebt (nicht so im Fall der Birgenair-Maschine), damit kein Schmutz oder Insekt hineingelangt. Acht Monate nach der Birgenair-Maschine stürzte am Flughafen Lima in Peru ein Flugzeug der Gesellschaft Aeroperú in den Pazifik (70 Tote), weil man vergessen hatte, die schützenden Klebestreifen an den Röhren zu entfernen. Das Unglück konnte aufgeklärt werden: Die Klebestreifen fanden sich noch am Wrack.
So viel Glück werden die Ermittler im Falle des verunglückten Air-France-Flugzeugs wohl nicht haben: Zwar lassen sich die meisten der 24 Fehlermeldungen, die in den letzten vier Minuten noch an das Wartungszentrum der Fluggesellschaft gesendet wurden, nach Angaben des Hamburger Luftfahrtfachmanns Heinrich Großbongardt damit erklären, dass die Pitotröhren verstopft - genauer: vereist - waren. Doch beweisen lässt sich diese Ursache letztlich vermutlich nicht. Das Hauptbeweisstück ist längst geschmolzen.
„So etwas gibt es nur in Hollywood.“
Pitotröhren vereisen normalerweise nicht, da sie beheizt werden. Allerdings könnte bei einer der drei Sonden ein Defekt vorgelegen haben. Wird der Staudruck dann falsch bemessen, lägen im Cockpit widersprüchliche Angaben über die Geschwindigkeit vor. In diesem Fall überließe der Autopilot dem Mensch das Ruder - so hat es die Air-France-Maschine auch gemeldet. Selbst in einem normalen Gewitter kann ein Flugzeug massiv durchgeschüttelt werden. Der Pilot muss auf ständige Geschwindigkeitsänderungen reagieren. Dabei flog AF 447 weitgehend im Dunkeln, das Cockpit hatte weder Sichtpunkte am Himmel noch am Boden. Der Pilot musste seine Geschwindigkeit unter allen Umständen halten, was schier unmöglich war, wenn er nicht wusste, wie schnell er überhaupt flog. Er durfte trotz aller Turbulenzen nicht zu langsam oder zu schnell werden. Je nach Gewicht seiner Maschine (Beladung, Betankung) und je nach Flughöhe konnten wenige Dutzend Kilometer pro Stunde Unterschied dabei schon katastrophale Folgen haben. "Ein Tropengewitter, wie es sie über dem Atlantik gibt, kann in so einer Lage eine Besatzung schnell an ihre Grenzen bringen", sagt Großbongardt. Zeit für einen Funkspruch habe dann niemand mehr. "So etwas gibt es nur in Hollywood."
Die mechanischen Belastungen des Flugzeugs sind in so einem "Hexenkessel" enorm. Einzelne Komponenten - Sensoren, Rechner - könnten schnell nacheinander ausfallen, was die 24 Fehlermeldungen erklären würde. Die letzte Nachricht, die automatisch einging, verzeichnete einen abfallenden Kabinendruck. Großbongardt glaubt, dass zu diesem Zeitpunkt die Maschine am Auseinanderbrechen war, vielleicht weil zuvor Leitwerk oder Höhenruder abgerissen wurden. "Dafür sprechen die über fünf Kilometer verstreuten Wrackteile." Dass etwas mit den Staudrucksonden nicht stimmte, war bekannt. Air France berichtet, dass es dabei war, von Airbus weiterentwickelte Pitotröhren einzubauen. Die Unglücksmaschine flog noch mit den alten Sonden.
Moment mal ! ("Der Pilot musste seine Geschwindigkeit unter allen Umständen ...
K. Peter Luecke (microplan2002)
- 09.06.2009, 12:19 Uhr
Von Vermutungen und Redundanzen
C M (Cristiano)
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erstaunlich gefährlich
ulrich wessinger (wessinger)
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Hollywood?
Georg Eisenmann (LinguaConsult)
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Richtigstellung
Tilman Pott (Tilmanpott)
- 10.06.2009, 07:30 Uhr
Peter-Philipp Schmitt Jahrgang 1967, Redakteur im Ressort „Deutschland und die Welt“.
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