Das lichtdurchflutete Gebäude ist auch heute noch eine Wohltat. Ursprünglich sollte die von Walter Gropius entworfene Schuhleistenfabrik die Arbeitszufriedenheit steigern und die erforderliche Präzisionsarbeit bei der Fertigung erleichtern. Entstanden ist dabei ein Schlüsselwerk der Moderne.
Klassiker des Industriebaus, stilbildendes Urmodell und architekturgeschichtliche Ikone: Kaum eine andere Fabrik hat so viele Überhöhungen auf sich gezogen wie das Fagus-Werk im niedersächsischen Alfeld. Schon gut zwei Jahrzehnte nach dem Bau bemerkte eine Ausstellung des Museum of Modern Art in New York, die Fabrik komme dem neuen Stil näher als irgendein anderes Gebäude, das vor 1922 erbaut wurde.
Das Welterbekomitee der Unesco hat das am späten Samstag abend in Paris gewürdigt und das Fagus-Werk zum Weltkulturerbe erklärt. Damit sind nun 35 deutsche Stätten auf der Liste des Welterbes. Falls die Unesco bis zum Mittwoch alle 37 Kultur- und Naturerbestätten anerkennen sollte, die in diesem Jahr vorgeschlagen wurden, dürfen fast 950 Stätten diesen Titel tragen, der touristisch begehrt, aber auch mit besonderen Anforderungen und Lasten verbunden ist. Sichtbar wurde das etwa beim Oberharzer Wasserregal, das im vergangenen Jahr als Weltkulturerbe anerkannt wurde: Es dauerte ein Jahr, bis die von der Unesco geforderte neue Trägerstiftung zustande kam – mit ihrer ersten Sitzung am Donnerstag in Goslar.
Deutschland ist zumindest indirekt an gleich vier der 37 Bewerbungen beteiligt. Am Samstag waren schon fünf Buchenwälder in Hessen, Brandenburg, Mecklenburg-Vorpommern und Thüringen zum universellen Erbe der Menschheit erklärt worden. Zudem hofft man darauf, dass am Montag das architektonische Werk des Schweizers Le Corbusier ausgezeichnet wird, zu dem zwei Häuser in der Stuttgarter Weißenhofsiedlung zählen; außerdem prähistorische Pfahlbauten rund um die Alpen, darunter 18 Pfahlbauten in Baden-Württemberg und Bayern; und nicht zuletzt, dass auch der Nationalpark Hamburgisches Wattenmeer ins Weltnaturerbe aufgenommen, also der Titel für das Wattenmeer auf den Hamburger Streifen ausgedehnt wird – vor drei Jahren hatte sich die Stadt wegen der Elbvertiefung noch dagegen gesperrt.
Das Fabrikgebäude sollte sich von der zeitgenössischen Architektur abheben
Buchen spielen offenkundig dieses Mal eine Rolle: Fagus ist der lateinische Name für Buche. Rotbuchen waren früher wichtigster Werkstoff für Schuhleisten. Fagus-Firmengründer Carl Benscheidt wählte für seine Schuhleistenfabrik diesen Namen. Er war ein weitsichtiger Mann, auch in der Sozialpolitik und Fürsorge für seine Arbeiter. Genau hundert Jahre nach der Fabrikgründung ist sein Name indes vor allem verbunden mit dem Wagemut, den erst 27 Jahre alten Architekten Walter Gropius, der zuvor vergeblich zahlreiche Bewerbungsschreiben versandt hatte, mit dem Bau des Fabrikgebäudes zu betrauen. Er sollte sich von allem abheben, was es bis dahin gab. Fast zur gleichen Zeit wurde das Rathaus im nahen Hannover gebaut: massiv, dunkel, verwinkelt und verspielt, ein wilhelminischer Prachtbau. Die Fabrik dagegen wurde licht und leicht.
Es scheint, als würde der Bau aus Stahlskelett und Glasfassaden auf seinem Sockel von violett-schwarzem und ledergelbem Klinker schweben. Am meisten bewundert werden die Ecken des Hauptgebäudes, in dem Verwaltung und Teile der Produktion sitzen. Statt Träger und Säulen markieren scheinbar stützenfreie Fenster die Gebäudekanten, die gleichsam um die Ecke biegen. Bei der Fenstergröße und Sprossenanordnung nutzte Gropius optische Tricks. So wurde die Konstruktion aus Glas und Stahl zum Markenzeichen des Neuen Bauens.
Vermutlich ist das Fagus-Werk die einzige Fabrik, die seit 100 Jahren ununterbrochen in einem Bau fertigt – seit 1946 steht er unter Denkmalschutz. Heute entsteht hier Mess- und Brandschutztechnik sowie Maschinenbau in Hochtechnologie. Der Vorschlag der Kultusminister, das Werk auf die Weltkulturerbeliste zu setzen, lief seit 13 Jahren; seit zehn Jahren stand es auf der Warteliste in Paris.
Das Fagus-Werk wurde zum Vorbild für die moderne Architektur
Als Gropius binnen weniger Monate das Fagus-Werk entwarf und baute, begann auch andernorts die Moderne. Im gleichen Jahr malte Wassily Kandinsky das erste abstrakte Aquarell, zwei Jahre davor komponierte Arnold Schönberg erstmals atonal, in der Literatur machten die Expressionisten von sich reden. Das Bauhaus-Archiv in Berlin würdigt das Fagus-Werk seit Mittwoch mit einer Ausstellung von Fotos von Bau und Fertigung; auch sie Meisterwerke der neusachlichen Fotografie. In Alfeld weist das fünfstöckige Museum – die Inhaber des Unternehmens achten auch in der vierten Generation ihr Erbe – auf die Entstehungsgeschichte. Der Sender Arte wird am Samstag (13.55 Uhr) eine Fernsehdokumentation zu Fagus und Walter Gropius ausstrahlen.
Wer das Fagus-Werk mit seinen klaren Linien sieht, denkt spontan an das Bauhaus in Dessau, ebenfalls erbaut von Gropius. Alfeld aber war als Erstlingswerk das Vorbild. Das Bauhaus – schon seit 1996 Weltkulturerbe – folgte erst 15 Jahre später. Am 7. Dezember 1910 schrieb Gropius an Benscheidt, am 29. Mai 1911 wurde der Grundstein gelegt, im Herbst 1911 die Produktion aufgenommen: Das war eine Entscheidungsfreude, die heute Städteplaner und Baudezernenten staunen lassen sollte, auch wenn Gropius von „einigen Überredungskünsten der Baupolizei gegenüber“ sprach.
Das Fagus-Werk steht direkt an der Bahnlinie und ist für jedermann frei zugänglich. Von 1847 an wandelte sich Alfeld durch den Bau der Bahnstrecke Hannover-Kassel zur Industriestadt. Moderne Techniken hatten auch Gropius geholfen, Handwerk und Kunst zu vereinen: Ziehmaschinen für Flachglas, Autogenschweißung von Metallen, neue Betongussverfahren. Der Industrialisierung verdankt die Kleinstadt in der Nähe von Hildesheim, dass sie spätestens jetzt auf der Weltkarte der Architektur steht. Im Geburtsort des neuen Bauens kann man noch weitere Gropius-Schöpfungen bewundern: Villen, Arbeiterhäuser, von ihm entworfene Küchenmöbel. Weltrang aber brachte das Fagus-Werk.