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F.A.Q. Interview: Wann möchten Sie zur Kalaschnikow greifen, Herr Matthes?

Wann möchten Sie zur Kalaschnikow greifen, Herr Matthes?

Ein Abend im Restaurant des Deutschen Theaters in Berlin: Der Schauspieler Ulrich Matthes erzählt vom Theaterspielen und von noch ganz anderen Dingen.

26.10.2017

Interview: FRIEDERIKE HAUPT
Fotos: JONAS HOLTHAUS

In einem Nebensatz behauptet er, dass er, wenn ein Theaterzuschauer huste, am Klang erkennen könne, ob Krankheit oder Absicht dahinterstecke. Ach so? Matthes lässt durchblicken, dass er sich über hustende Zuschauer schon seit Jahrzehnten seine Gedanken macht. Was weiß er über mich und alle anderen, die schon mal gehustet haben im Theater? Wir verabreden uns zu einem Gespräch nur über das Husten.

FRANKFURTER ALLGEMEINE QUARTERLY: Herr Matthes, welchen Platz belegt Husten in der Rangliste der nervigen Geräusche, die aus dem Theatersaal ertönen, während Sie oben auf der Bühne spielen?

ULRICH MATTHES: Mit einem riesigen Abstand Platz Nummer eins!

Eine Geschichte aus „Frankfurter Allgemeine Quarterly“, dem neuen Magazin der F.A.Z.

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FAQ: Hustende Zuschauer sind schlimmer als klingelnde Handys?

ULRICH MATTHES: An das Handyklingeln habe ich mich komischerweise gewöhnt. Irgendwie habe ich da das Gefühl, es kann ja mal passieren.

FAQ: Husten auch.

ULRICH MATTHES: Aber nicht jedes Husten passiert einfach so!

FAQ: Ich hab gelesen, im Theater husten Leute doppelt so oft wie unter freiem Himmel oder in ihrem Wohnzimmer. Es scheinen also tatsächlich nicht nur Kranke krankheitsbedingt zu husten. Welche Gründe vermuten Sie?

ULRICH MATTHES: Ein Teil des beglückenden Erlebnisses, das man im Theater haben kann, ist ja die gemeinsame Konzentration vieler Menschen auf eine Sache. Ich nenne das mal, hochgegriffen, Andacht. Diese Andacht kann bei unruhigeren Gemütern dazu führen, dass sie sich selber und allen anderen beweisen müssen, dass sie noch auf der Welt sind.

FAQ: Oha. Wer macht denn so was?

ULRICH MATTHES: Ich glaube, das ist eher eine männliche Eigenschaft. Frauen sind geneigt, mal von sich selbst abzusehen. Männer können das schlechter. Und eine Gruppenveranstaltung, in der eine gesteigerte Aufmerksamkeit für andere Menschen gefragt ist, reizt manche Männer – vielleicht solche, die in Berufen arbeiten, in denen sie aufgefordert sind, den Ton anzugeben – dazu, zu sagen: Übrigens, ihr könnt euch seinodernichtseinmäßig noch so abstrampeln, mich gibts auch noch!

Bei Not-Hustern denkt er: „Oh Gott, die armen Bronchien. Bräuchten ja Hustensaft oder gar ein Antibiotikum.“

FAQ: Und diese Art von Huster glauben Sie akustisch von anderen Hustern unterscheiden zu können?

ULRICH MATTHES: Allerdings. Die machen dann einfach kurz mal (Matthes hustet nun auf eine Art nachdrücklich, zielstrebig und unverschleimt, dass sofort klar ist: Hier will einer husten, er hustet nicht bloß einfach so): Ähä-ähä. Dann haben sie sich selber, ihrer Frau, ihrer Schwiegermutter, die vielleicht auch noch mitgeschleppt worden ist, und vor allem den Schauspielern signalisiert, dass nicht die da oben im Mittelpunkt stehen, sondern der Zuschauer.

FAQ: Wenn das so eine Dominanzsache ist, auch eine Sache von Männern, die im Beruf den Ton angeben: Kommen dann solche Huster Ihrem Gefühl nach eher aus den ersten Reihen, von den teuren Plätzen?

ULRICH MATTHES: Das würde ich so nicht sagen. Andererseits sind die ersten Reihen im ersten Rang genauso teuer wie die Karten in den ersten vier, fünf Reihen im Parkett. Und wenn ich auf der Bühne was höre, das aus einiger Entfernung kommt, kann ich nicht zuordnen, von wo genau.

FAQ: Kann ein einzelner Huster einen ganzen Abend versauen?

ULRICH MATTHES: Tja. Ich nehme die Energie eines Zuschauerraums sehr genau wahr. Die ist von Abend zu Abend völlig unterschiedlich. Ein einziger lachlustiger Mensch ist in der Lage, eine ganze Vorstellung radikal zum Positiven zu verändern. Der kann andere mitreißen in ein Gelächter, das uns Schauspieler anturnt: Sei es zu größerer Freiheit des Spiels, sei es zu höherer Konzentration, um diesem zum Teil auch überbordenden Lachen etwas entgegenzusetzen. Und ein einzelner Huster kann einen Abend zum Negativen verändern. Oft, sehr oft folgt einem Huster ein zweiter, dritter, vierter, fünfter. Weil die Leute denken: Ach, jetzt hat der – jetzt will ich auch mal. Manchmal setze ich ganz bewusst eine Pause, wenn einer gehustet hat und ich gleich einen irre bedeutenden Satz zu sagen habe – damit mein Satz nicht in den Nachfolgehustern untergeht.

FAQ: Was wäre die nächste Eskalationsstufe?

ULRICH MATTHES: Wenn zu oft ein „Ich bin auch noch da“-Huster aus einer bestimmten Ecke kommt, werfe ich böse Blicke.


„Ein einzelner Huster kann einen Abend zum Negativen verändern. Oft folgt ein zweiter, dritter, vierter. Weil alle denken: Ach, jetzt will ich aber auch mal.“
MAX MUSTERMENSCH

FAQ: Nur damit rechtschaffene Leute jetzt keine Angst vor Ihnen kriegen und nur noch vermummt in Ihre Stücke kommen, aus Angst, Sie mit einem Huster zu erzürnen: Sie wüten nur gegen die Ego-Huster, nicht gegen die Not-Huster?

ULRICH MATTHES: Genau. Wenn ich spüre, dass ein Mensch wirklich krank ist, entwickle ich keine Aggression, da denke ich eher: Oh Gott, die armen Bronchien! Bräuchten ja Hustensaft oder gar ein Antibiotikum. Aber beim „Ich bin auch noch da“-Husten wird, wenn es immer wieder kommt, meine Aggression so groß, dass ich mich in meinem Spiel gestört fühle.

FAQ: Haben Sie auch schon einmal mehr gemacht als böse Blicke geworfen?

ULRICH MATTHES: Was würden Sie denn tun?

FAQ: Hm. Keine Ahnung. Was meinen Beruf angeht: Ich habe immerhin schon mal das Telefon aufgeknallt, als ein Leser mir die gleiche Belehrung dreimal hintereinander ins Ohr gebrüllt hat.

ULRICH MATTHES: Das Husten ist aber etwas anderes, man kann sich schwerer dagegen wehren. Husten ist ja erst mal neutral. Mit mehr als bösen Blicken habe ich mich nie zur Wehr gesetzt. Aber wenn ich eine Kalaschnikow hätte, die unsichtbar ist: Ich hätte sie möglicherweise schon das eine oder andere Mal betätigt.

Ulrich Matthes als Willy Loman in „Tod eines Handlungsreisenden“ von Arthur Miller… Foto: Picture Alliance
…hier bei der Premiere der Inszenierung im Deutschen Theater Berlin am 17. März 2017. Foto: Picture Alliance

FAQ: Gibt es eigentlich noch mehr als diese zwei Arten des Hustens? Was ist denn zum Beispiel mit dem Husten, der dem Schauspieler signalisieren soll, dass der Huster sich langweilt?

ULRICH MATTHES: Das fällt für mich in die Kategorie des Ich-bin-auch-noch-da. Interessanterweise wird tatsächlich erfahrungsgemäß bei Dutzenden Vorstellungen eines Stückes an bestimmten Stellen über Jahre hinweg von niemandem gehustet, weder von den „Ich bin auch noch da“-Leuten noch von den Kranken.

FAQ: Was sind das für Stellen?

ULRICH MATTHES: Solche, die auf der Bühne emotional sehr aufgeladen sind.

FAQ: Zum Beispiel?

ULRICH MATTHES: Eine Szene gibt es zum Beispiel in dem Zwei-Personen-Stück „Gift“. Meine Kollegin Dagmar Manzel und ich treffen uns als geschiedenes Paar auf dem Friedhof, am Grab unseres Sohnes, der nun schon neun Jahre tot ist. Wir reden darüber, wie wir die letzten Stunden am Krankenbett dieses Sohnes verbracht haben. 85 Mal haben wir das bestimmt schon gespielt. Und da ist immer Stille, immer. Weil es die Leute offensichtlich so berührt, dass sie das Husten vergessen. Das Gefühl ist in der Lage, den Reflex zu besiegen.

FAQ: Dann müssten Sie ja eigentlich nur dermaßen gut spielen, dass die Leute die ganze Zeit berührt sind. Dann hustet keiner jemals mehr.

ULRICH MATTHES: Sie haben recht! Aber – wir sind ooch nur Menschen.

FAQ: Eigentlich hab ich ja auch Unsinn erzählt. Man kann doch kein Theaterstück nur aus Emo-Sprechblasen zusammenkleben zu einem einzigen großen Gefühlsrausch.

ULRICH MATTHES: Zumal, wenn man bei Aristoteles bleibt: Es können nicht alle Teile des Dramas so spektakulär sein wie die Katharsis oder die Katastrophe. Es wird eben darauf hingeführt. Hinzu kommt: Das Alter des Publikums spielt auch eine Rolle.

Ego-Huster im Theater machen Ulrich Matthes aggressiv.

FAQ: Greise husten öfter.

ULRICH MATTHES: Das haben Sie gesagt.

FAQ: Ist doch nichts dabei. Jedenfalls, wenn es Not-Huster sind. Oder husten Greise auch auf die Ego-Art öfter als andere?

ULRICH MATTHES: Beides. Aber sie husten vor allem krankheitsbedingt.

FAQ: Ärgert es Sie auch deswegen besonders, wenn gehustet wird, weil Sie das Signal bekommen: Das, was du da gerade machst, ist eh nicht so wichtig?

ULRICH MATTHES: Natürlich. Ich habe doch wochenlang nachgedacht darüber, wie ich einen Satz, in den reingehustet wird, sage. Meint die Figur es ein bisschen ironisch, ist sie gerade wütend, geh ich mit der Stimme hoch, mach ich ne Pause nach dem Wort? Darüber habe ich mir Gedanken gemacht. Die werden dann vielleicht von Vorstellung zu Vorstellung komplett über den Haufen geworfen, weil ich mich den Impulsen des Abends hingebe, aber trotzdem: Es ist ja doch ein gestalteter Vorgang. Es ist eine Durchknetung eines Textes von Satz zu Satz zu Satz, von Szene zu Szene. Und dann kommt der Körper noch dazu! Insofern hängt man als Schauspieler doch an jeder dieser Äußerungen. Man hängt zum Teil an den vermeintlich unspektakulären Stellen besonders. Und dann wird signalisiert: Diese Stelle halte ich, siebzehnte Reihe, fünfter Platz von links, für so unwesentlich, dass ich acht Hustenstöße von mir gebe – und die Stelle ist futsch. Und zwar nicht nur für den Huster, sondern auch für sechzig Leute drum herum. Da möchte man doch zur Kalaschnikow greifen.

FAQ: Ist es also Ihr Schicksal, bis ans Ende Ihrer Bühnentage mit den Hustern zu leben, oder hoffen Sie noch auf eine Änderung irgendeiner Art?

ULRICH MATTHES: Was sollte das für eine Änderung sein? Ein Hustensaft speziell für Theaterbesucher?

Ulrich Matthes als Herr Geiser in „Der Mensch erscheint im Holozän“… Foto: Picture Alliance
…hier bei der Premiere des Theaterstücks nach Max Frisch im Deutschen Theater Berlin am 23. September 2016. Foto: Picture Alliance

FAQ: Ich habe gelesen, in den Vereinigten Staaten gibt es in Opernhäusern, Konzertsälen, auch Theatern manchmal so einen Glaskasten hinten im Saal, einen sogenannten Crying Room, und der ist reserviert für Mütter mit kleinen Kindern, aber auch für Leute, die schon wissen, dass sie einen sehr starken Husten haben, aber unbedingt die Aufführung sehen wollen...

ULRICH MATTHES: Da fange ich sofort selber an zu husten! Vor empathischem Entsetzen über die Vorstellung, dass die armen Huster in einem Käfig sitzen müssen.

FAQ: Ich glaube, es bringt Ihnen als Schauspieler auch nichts, weil die Ego-Huster sich ja sowieso nicht freiwillig da reinsetzen, die fühlen sich ja gut und gesund und wollen ja gerade, dass ihr Husten gehört wird.

ULRICH MATTHES: Eben. Wenn ich so was höre, will ich mich sofort vor die armen Kranken stellen, ihnen ein Hustenbonbon reichen, ihnen sagen, lass mal, in ein paar Tagen ist es wieder gut. Dass diese Menschen in einen Glaskasten mit womöglich noch schreienden Kindern gezwungen werden – so was kann sich nur die Nation ausgedacht haben, die auch Trump zum Präsidenten gewählt hat.

FAQ: Also, Fazit?

ULRICH MATTHES: Ich werde wahrscheinlich bis in mein hohes Alter böse Blicke werfen.

FAQ: Eine Sache noch. Auf der Internetseite hustenkultur.de in der Rubrik „Manierlich“ habe ich gelesen, als schwer Erkälteter sollte man schon vor Beginn der Aufführung zu anderen Theaterbesuchern hingehen, die Plätze hinten am Rand haben, und ihnen einen Platztausch anbieten. Der Deal ist: Die Fremden haben den Vorteil, weiter vorne zu sitzen, und Sie, dass Sie beim Hustenanfall schnell den Saal verlassen können.

ULRICH MATTHES: Ich bin aber nicht willens, mich nach den Maximen einer Seite namens Hustenkultur zu richten. Und erst recht nicht nach einer Rubrik namens Manierlich!

FAQ: Na gut, aber wie finden Sie den Rat unabhängig von der Quelle?

ULRICH MATTHES: Ballaballa.

Ulrich Matthes, geboren in Berlin, ist einer der bekanntesten Theaterschauspieler Deutschlands. Seit 2004 arbeitet er fest am Deutschen Theater in Berlin, ist aber auch in Kino- und Fernsehfilmen („Der Untergang“, Tatort: „Im Schmerz geboren“) zu sehen.

FAQ: Warum?

ULRICH MATTHES: Ja, warum eigentlich? Ich fänd es so wichtigtuerisch. Vorher zu jemandem, der außen sitzt, zu sagen: Übrigens, ich habe gerade einen Husten, könnten wir, falls ich möglicherweise im dritten Akt einen Hustenanfall erleide und die Aufführung störe, Plätze tauschen? Wenn mich das einer fragen würde, würde ich sagen: Haben Sie keine andern Sorgen? Schon die Rubrik, in der das geschrieben steht: Manierlich! Das ist doch etepetete.

FAQ: In der Rubrik steht übrigens auch der Hinweis für Konzertbesucher, dass sie, wenn sie schon unbedingt in einer Pianissimo-Passage husten müssen, im Takt husten sollten: „immer auf der Eins“. Schon ein bisschen beknackt, muss ich zugeben. Jetzt aber noch eine allerletzte Frage: Was machen Sie eigentlich als Schauspieler, wenn Sie spielen und merken, dass Sie husten müssen?

ULRICH MATTHES: Das ist ja das Tolle: Lahme können wieder gehen auf der Bühne, Blinde können wieder sehen, Rollstuhlfahrer werden in ihrem Rollstuhl an den Rand der Bühne geschoben, stehen auf und können wieder laufen für die Dauer der Vorstellung! Und husten muss man auch nicht. Das sind die herrlichen Eigengesetze der Bühne! Und ich meine es null esoterisch, es hat nur was mit einer Menge Adrenalin oder mit dem Schauspielerethos zu tun: Der Lappen geht hoch, und man hustet nicht. Der Lappen geht hoch, und man spielt auch mit 39 Grad Fieber. Mit 39,1 hab ich auch schon gespielt. Und ohne zu husten.

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Quelle: Frankfurter Allgemeine Quarterly

Veröffentlicht: 25.10.2017 08:18 Uhr