Home
http://www.faz.net/-gum-6l01j
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Umweltkatastrophe in Ungarn Kontamination der Donau scheint unausweichlich

 ·  Das Ausmaß der Umweltkatastrophe in Ungarn, bei der zehn Menschen ums Leben gekommen sind, nimmt immer dramatischere Formen an. Wie nun bekannt wurde, wird das krebserregende und leicht radioaktive Gift wohl auch in die Donau fließen.

Artikel Bilder (1) Bildergalerie Lesermeinungen (8)

Nach der Heimsuchung durch die zerstörerische rote Flut wird Schuld zugewiesen. Die durch einen Chemie-Unfall verursachte größte Umweltkatastrophe seit Menschengedenken in Ungarn lässt naturgemäß Kritik laut werden. Die Politik zu kritisieren, ist auch dort wohlfeil und billig: „Die Geschehnisse sind die Folge der jahrzehntelangen Verantwortung - und natürlich Verantwortungslosigkeit - der politischen Kaste", schrieb die linksliberale (ehedem kommunistische Partei-)Zeitung „Népszabadság“ am Mittwoch, zwei Tage nach dem Dammbruch eines Rückhaltebeckens des Aluminiumerzeugers MÁL AG in Ajka (Eikau), 35 Kilometer nördlich des Plattensees, bei dem sich eine Schlammlawine über 40 Quadratkilometer Fläche, in Kanäle, Bäche und Flüsse ergoss. In Kommentaren anderer Blätter konnte man lesen, die Abfälle der in den neunziger Jahren privatisierten ungarischen Aluminiumindustrie hätten „nahezu bedenkenlos unter freiem Himmel gelagert werden können“. Die Politik habe es versäumt, strengere Vorschriften zu erlassen und - wie etwa in der Schweiz, in Österreich oder Großbritannien - eine Deponiesteuer einzuführen.

Das Ausfließen des ätzenden Rotschlamms, eines Abfallprodukts bei der Herstellung von Tonerde, aus der wiederum Aluminium gewonnen wird, konnte erst am Dienstagabend unter Kontrolle gebracht werden. Höchstwahrscheinlich zehn Menschen fanden den Tod, mehr als 120 wurden verletzt, vierzig davon schwer. Mehrere hundert Häuser sind durchflutet worden und dürften vorerst unbewohnbar bleiben. Über die von dem Vorgang beeinträchtigten Komitate (Bezirke) Veszprém, Vas und Györ wurde der Notstand verhängt. Mehr als 500 Helfer des ungarischen Katastrophenschutzes waren pausenlos im Einsatz. Auch österreichische Firmen, die in der Umgebung tätig sind, stellten Helfer ab. Der Notstandsalarm wurde am Dienstagnachmittag auch auf die Flüsschen Marcal und Torna sowie auf das Westtransdanubische Trinkwasserreservoir ausgeweitet. Am Mittwoch schien auch die Kontamination von Raab und Donau als unausweichlich. Weshalb man sich vornehmlich auf die Neutralisierung der ätzenden Lauge konzentriert, die als „krebserregend und leicht radioaktiv“ eingestuft wird. Damit soll vor allem eine Ausbreitung der Katastrophe verhindert werden. In einem zweiten Schritt, so das ungarische Umweltministerium, müsse wohl das gesamte kontaminierte Erdreich abgetragen werden, erst danach könne man mit der Renaturierung beginnen.

In der Brühe baden, um zu sehen, ob sie giftig ist oder nicht

Staatspräsident Pál Schmitt eilte herbei und besuchte Angehörige der vier in den Fluten Umgekommenen. Dabei handelt es sich um einen 35 Jahre alten Mann, der in seinem Auto ertrank, um eine ältere Frau und zwei unmündige Kinder. Sechs Personen werden noch vermisst, es ist aber nicht sicher, ob sich alle zum Zeit des Unglücks in den Orten aufhielten. Viele der Verletzten werden im Budapester Militärhospital behandelt, auch sie suchte der Präsident auf und bedankte sich gleichzeitig bei den Hilfskräften. Dasselbe tat Ministerpräsident Viktor Orbán. Im ungarischen Fernsehen sprach er von „menschlichem Versagen". Auch Orbán lobte die Koordinierung und die Hilfseinsätze, eine radioaktive Belastung, wie von Umweltorganisationen und Anwohnern gemutmaßt wurde, schloss er aus. Indes empfahl sein Innenminister Sándor Pintér jenem MÁL-Vorstandsmitglied, das geäußert hatte, der Schlamm sei unschädlich; er könne ja einmal „in der Brühe baden, um zu sehen, ob sie giftig sei oder nicht.“ Pintér wies darauf hin, dass das Unternehmen „praktisch keine Versicherungsabdeckung hat“, die Regierung aber dafür Sorge tragen werde, „dass jeder ein Dach über dem Kopf hat".

Umweltkatastrophe in Ungarn: Die Kontamination der Donau scheint unausweichlich

Aufgrund einer Weisung des Budapester Umweltministeriums musste MÁL seine Produktion mit sofortiger Wirkung stilllegen. Staatssekretär Zoltán Illés forderte das Unternehmen auf, umgehend mit den Reparaturarbeiten am gebrochenen Speicher für Rotschlamm zu beginnen. Es bestehe der Verdacht, dass im Speicher mehr Rotschlamm gelagert war als behördlich erlaubt. Die Aluminiumfabrik wies dies zurück. Das Unternehmen habe die technologischen Verfahren „sorgfältig eingehalten“ und „keinerlei Anzeichen für das Eintreten einer Naturkatastrophe wahrgenommen". Zugleich wies es darauf hin, dass Rotschlamm nach EU-Standards, an die man sich pingelig halte, „nicht als ,gefährlicher Abfall'“ gelte. Die ungarischen Behörden ermitteln wegen Fahrlässigkeit. Die MÁL AG baut in der Umgebung der 30 000-Einwohner-Stadt Ajka Bauxit ab. Dieses wird mittels Natronlauge „aufgebrochen", das gewonnene Aluminium abgefiltert. Eisen- sowie Titanoxide, Blei, Kadmium, Arsen und Chrom - allesamt Gifte, die Flora und Fauna zerstören - bleiben übrig und zusammen mit der für den Abscheidprozess benötigten Natronlauge bilden sie die Hauptbestandteile des im geborstenen Becken zuvor verwahrten Rotschlamms im Umfang von etwa einer Million Kubikmetern, für das laut österreichischem Umweltministerium „ein Schutzplan für lediglich 300 000 Kubikmeter existiert“.

„Das hier aufzuräumen, wird Monate dauern“

„Diese Stoffe sind extrem giftig, aber nicht radioaktiv, die Umweltbelastung ist aber erheblich", teilten die Umweltschutzorganisationen „Global 2000“ und „Greenpeace“ mit. Der toxische Rotschlamm, der sich über die typisch ungarischen oberirdischen dörflichen Abflusskanäle sowie Bach- und Flussläufe verbreitet habe, gelange nicht nur ins Grundwasser und vergifte es, sondern werde in (ge)trockne(te)m Zustand als Staub durch Wind kilometerweit verfrachtet. Der Fluss Marcal sei bereits tot, hieß es in einer Stellungnahme des WWF, das ausgeflossene Material sei „sehr wohl leicht radioaktiv", weshalb auch bereits 500 bis 600 Tonnen Gips zur Bindung ausgebracht worden seien. Die Umweltkatastrophe sei „beispiellos in der ungarischen Geschichte“ und könne „Ökosysteme, Flusslandschaften, Grund, Boden und Trinkwasservorräte massiv gefährden". Sich in Kolontár und Umgebung aufzuhalten, sei derzeit nicht ratsam: „Die Luft ist vergiftet und in den Häusern stehen die Menschen bis zur Hüfte im Schlamm.“ Die gesundheitlichen Langzeitfolgen seien unabsehbar. Nicht nur seltene Arten wie Otter, Eisvogel, Uferschwalbe seien bedroht, sondern die gesamte Tierwelt des Gebietes „ist dem Untergang geweiht". Das offenbar deutlich über die erlaubte Norm gefüllte Rückhaltebecken dürfte nicht das einzige sein, laut WWF gibt es weitere giftige Depots im Donauraum, die zum Teil verlassen und ungesichert seien. Allein in Ungarn befänden sich Reservoire mit einem geschätzten Gesamtvolumen von 50 Millionen Kubikmetern. Eines dieser Becken befinde sich bei Almásfüzitö direkt an der Donau.

Besonders schlimm traf das Unglück die unmittelbar ans Werk angrenzenden Ortschaften Kolontár, Devecser und Somlávásárhely, durch die sich der Rotschlamm ergoss. Hausrat und Autos wurden bis zu zwei Kilometer entfernt auf Feldern gefunden. Mittlerweile rückten Pioniereinheiten des ungarischen Heeres mit speziell ausgerüsteten Dekontaminierungseinheiten ein, um zumindest die Straßen wieder befahrbar zu machen. Schienenverbindungen in der Region bleiben bis aus weiteres gesperrt.

„Das hier aufzuräumen, wird Monate dauern", sagte Umweltstaatssekretär Illes, „es entstehen „Kosten von Dutzenden Millionen Euro“. In einer ersten Bürgerversammlung in diesen Ortschaften gaben sich Anwesende resignativ und verstört. Trotz Zusagen der Regierung sowie von Vertretern der Bezirksverwaltung, dass man alles tue, um den „Wiederaufbau“ zu gewährleisten, wollen Dorfbewohner keine Zukunft mehr sehen in ihrem heimatlichen Landstrich. Und für einige Bauern sind „unsere Orte totes Land, die Tiere tot“. Hier Landwirtschaft zu betreiben, sei „auch in der kommenden Generation nicht mehr möglich, und Häuser sowie Gebäude, selbst wenn sie verschont geblieben sind“, seien „nichts mehr wert.

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen