21.05.2011 · Weil sie Knospen essen und an Baumrinde knabbern, gelten Hirsche vielerorts als Schädlinge - und Jäger sind zum Abschuss verpflichtet. Dabei könnte es in deutschen Wäldern leicht doppelt so viel Rotwild geben.
Von Carl-Albrecht von TreuenfelsDer Rothirsch gilt unter Jägern als König des Waldes. Doch in diesen Wochen kommt er wenig majestätisch daher. Die meisten männlichen Tiere der größten Wildart in deutschen Wäldern haben im Februar und März ihr Geweih abgeworfen: Die beiden Stangen lösen sich als Folge hormoneller Veränderungen von selbst an Sollbruchstellen und fallen einfach ab. Nur die ein- und zweijährigen Hirsche tragen im April und Mai noch ihr Spießer- oder Gabelgeweih, das sie später verlieren als die älteren Hirsche. Ohne den knöchernen Kopfschmuck wirken die rotbraunen Tiere halb so eindrucksvoll - und sind von den weiblichen Tieren allein durch ihre größeren, nämlich bis zu 250 Kilogramm schweren Körper zu unterscheiden.
Doch bald nach dem jährlichen Verlust beginnen auf dem Kopf aus den Rosenstöcken unter einer Bastschicht zwei neue Stangen aus Knochensubstanz zu wachsen. In vier bis fünf Monaten bildet sich ein neues Geweih, das die Hirsche im Spätsommer durch das Fegen von seinem Bast befreien. Mitunter tragen Hirsche im besten Mannesalter von acht bis 14 Jahren zwölf und mehr Kilogramm schwere Knochengebilde zwischen den Lauschern. Je mehr Enden und je dicker die Stangen, desto wertvoller sind sie als Jagdtrophäen. Eine gut ausgebildete Krone erhöht die Bedeutung der Trophäe zusätzlich.
Wie viele Hirsche geschossen werden dürfen, hängt vom Bestand ab
Das mächtige Geweih dient dem Hirsch in der herbstlichen Brunft - damit imponiert er weiblichen Tieren und kämpft unter Rivalen um deren Gunst. Die Geweihe lassen Rückschlüsse auf den Zustand der Tiere und ihrer Populationen zu. Erlegte Hirsche und Abwurfstangen werden daher genau begutachtet. Auf den Hegeringschauen der Jäger in diesen Wochen werden die Trophäen des vergangenen Jagdjahres (Ende 31. März) gezeigt: von Rotwild, Rehen, Dam- und Sikahirschen, Mufflons, Gämsen. Manchmal sieht man dann auch das Gewaff, die Eckzähne von Keilern.
Bei den Hegeringsversammlungen und Trophäenschauen wird über die Zahl des erlegten Schalenwilds berichtet, auch von Zählungen der Bestände in den einzelnen Revieren. Auf dieser Basis legt die Untere Jagdbehörde mit der Jägerschaft die Abschusszahlen des neuen Jagdjahres fest. Dabei kommt es immer wieder zu heftigen Diskussionen über die Höhe der Abschussquoten, Jagdzeiten und Jagdmethoden, besonders bei Rehen und Rothirschen. Die sich stark vermehrenden Wildschweine gelten ohnehin schon fast als ganzjährig bejagbar.
Reh- und Rotwild schadet dem Wald
Reh- und Rotwild sind in den Augen vieler Waldbesitzer und Forstleute in erster Linie Schädlinge. Sie behindern das Aufwachsen eines gesunden Mischwalds, indem sie den sprießenden Pflanzen die Knospen verbeißen und die Rinde an den Stämmen halbstarker Bäume schälen oder verfegen. Rehe sind hierzulande die kleinste und am weitesten verbreitete Schalenwildart. Im Jagdjahr 2009/2010 wurden in Deutschland 1.153.073 Rehe geschossen, weitere 214.483 wurden als Fallwild, vornehmlich Opfer des Straßenverkehrs, gemeldet. Daraus ergibt sich ein Bestand von mehr als zwei Millionen Tieren im Frühjahr, wenn die Kitze geboren sind.
Ganz anders sieht es beim Rotwild aus. Sein Bestand wird mit rund 180.000 Tieren für Deutschland angegeben. 67.356 wurden im vorletzten Jagdjahr erlegt, 2749 kommen als Fallwild hinzu. Nach Meinung vieler Jäger und mancher Naturschützer ist der Rotwildbestand in deutschen Revieren viel zu niedrig. Viele Politiker und Forstwirte wiederum halten die Bestandszahlen für zu hoch. Für sie gilt die Parole „Wald vor Wild“. Die andere Seite wirbt für „Wald und Wild“, also für eine gleichmäßig verteilte Besiedlung durch das Rotwild.
Jäger sind zum Abschuss verpflichtet
In einigen Bundesländern wurden rotwildfreie Gebiete geschaffen, in denen keines der Tiere geduldet wird und sofort abzuschießen ist. Besonders eifrig tut sich dabei der Freistaat Bayern hervor. Nach Angaben der Deutschen Wildtier-Stiftung, die sich für die nach der Ausrottung von Wisent und Elch größte Wildtierart in Deutschland einsetzt, leben in Bayern Rothirsche auf nur 14 Prozent der Landesfläche - die sind amtlich als Rotwildbezirke ausgewiesen. Verlassen die Tiere, die als ehemalige Steppenbewohner die offene Landschaft als Lebensraum bevorzugen und gerne weite Wanderungen unternehmen, die Grenzen dieser Räume, sind sie bald tot.
Jäger, die in den rotwildfreien Gebieten ein Revier haben, sind zum Abschuss verpflichtet. Auf diese Weise sind ganze Regionen wie der Steigerwald, die Fränkische Alb, der Frankenwald, große Teile des Bayerischen Walds und weite Agrarlandschaften frei von den Tieren. Das Motto des fünften Rotwildsymposiums in München Ende vergangenen Jahres lautete denn auch „Der Rothirsch - unfrei im Freistaat“. Die meisten der etwa 300 Teilnehmer empfanden die Einschränkungen als unsinnig. Die Begrenzungen auch in einigen weiteren Bundesländern führen dazu, dass nur ein Viertel Deutschlands von Rotwild besiedelt ist.
Wiesen können den Wald schonen
Rothirsche lassen sich dort, wo sie nicht durch Jagd, Spaziergänger und Verkehr gestört werden, am Tag außerhalb des dichten Waldes blicken - wie auf dem über 2000 Hektar großen Gut Klepelshagen der Deutschen Wildtier-Stiftung im südöstlichen Mecklenburg-Vorpommern oder im 4000 Hektar großen staatlichen Gatterrevier Schönbuch in Baden-Württemberg. Aber wegen der dauernden Verfolgung und Beunruhigung halten sich die Tiere in den meisten Gegenden tagsüber im Schutz der Wälder auf und ziehen nur nachts zur Nahrungsaufnahme auf die Felder und Wiesen. Im Wald bilden sie besonders im Winter große Rudel von mitunter mehr als 100 nach Geschlechtern getrennten Tieren, die sich dann gerne an den Bäumen gütlich tun.
Inhaber von Jagdrevieren richten daher in genügend großen Wäldern Wildäcker und -wiesen ein, um dort den Tieren auch tagsüber Gelegenheit zum Äsen und Wiederkäuen zu geben - vier bis fünf Kilogramm Gräser, Kräuter und Blätter braucht ein ausgewachsenes Tier am Tag. Will man sie erfolgreich von Bäumen abhalten und Wildschäden mindern, müssen die Tiere in den Einständen Ruhe haben. Auch darf an den Wildäckern nicht gejagt werden, denn Rotwild merkt sich sehr gut, wo es verfolgt werden könnte.
Auch der doppelte Bestand wäre drin
„Edelhirsche“ (Rotwild war früher dem Adel als Jagdbeute vorbehalten) beschränken sich nicht auf enge Reviergrenzen, sondern ziehen in mancher Nacht mehr als 20 Kilometer weit. Daher reichen zur artgerechten Bewirtschaftung der Bestände die Hegeringe nicht aus. Die Inhaber von Jagdrevieren mehrerer Hegeringe schließen sich immer öfter zu Rotwildhegegemeinschaften zusammen, um großräumig auf einigen 10.000 Hektar zu hegen und zu jagen. Das erfordert mitunter den Verzicht auf Abschüsse im eigenen Revier, wenn man eine ausgewogene Population aufbauen und gleichzeitig den Schaden begrenzen möchten.
Man könnte jedenfalls in Deutschland leicht doppelt so viele Rothirsche wie jetzt haben. Man müsste nur Hegegemeinschaften einrichten, Jagdzeiten verkürzen, die Nachtjagd verbieten, rotwildfreie Zonen aufheben, Ruhezonen einrichten, Wildschäden in einer Größenordnung von bis zu fünf Prozent akzeptieren, zusätzliche Wildbrücken über Autobahnen bauen, mit der Landschaftszersiedelung aufhören und den jährlichen Jagdbetrieb am Rotwild als Leitart orientieren. So wäre dem Hirsch geholfen - auch wenn der Wolf sich weiter bei uns ausbreiten und im Sommer manches Hirschkalb reißen sollte.
Jagd ist Naturschutz
heinz herzing (heinz48)
- 21.05.2011, 12:00 Uhr
Guter inhaltlicher Diskussionsansatz, der nicht `durch die Lappen gehen´ sollte,
Peter Herbeck M.A. (peterherbeck)
- 21.05.2011, 12:08 Uhr
@heinz herzing (heinz48)
Michael Mitzsch (Mutzsch)
- 21.05.2011, 12:29 Uhr
Jagen ist ...
Volker F Falter (FalterVF)
- 21.05.2011, 13:07 Uhr
keiner hat mich bisher
Christof Kehr (ChristofKehr)
- 21.05.2011, 13:50 Uhr