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Welt der Vögel Unheimliche Feldruhe

 ·  In der Agrarlandschaft sinkt die Zahl der Vögel dramatisch. Allein in Deutschland trifft es mehr als 40 Arten. Schuld ist unter anderem der Anbau von Energiepflanzen wie Mais und Raps.

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© Carl-Albrecht von Treuenfels Bedrohte Arten: Vogelschwund

Die Maisernte ist beendet, auf den Feldern breitet sich Trostlosigkeit aus. Wenn die bis zu drei Meter hohen Maispflanzen, von Häckslern zerkleinert, zu den Silos gefahren oder neben Agrargasanlagen zu hohen Silagebergen aufgeschichtet und von Traktoren zusammengepresst sind, bleiben Äcker zurück, die nicht einen Hauch von Natur erahnen lassen. Fährt dann noch der Güllewagen seine Runden und versprüht stinkende Brühe zur Düngung des Bodens über den Maisstoppeln, bleibt für viele Wochen eine leblose Brache zurück.

Manche Landwirte und industrielle Maisanbauer pflügen die Stoppeln sogleich nach der Ernte unter. Doch das ist auch nicht viel naturfreundlicher. Bei der ausgefeilten Erntetechnik der Maschinen fallen nur wenige Körner auf den Boden. Für Wildtiere lohnt sich die Suche nach Futter kaum. Dennoch landen Großvögel wie Kraniche und Wildgänse immer wieder kurz auf den Stoppeln, denn im Herbst gibt es für sie als Bewohner der offenen Landschaft neben frisch eingesäten Feldern, auf denen die ausgebrachten Körner oder die jungen Getreidepflanzen sich als Mahlzeit anbieten, nur wenige andere Nahrungsflächen.

Das sogenannte Dauergrünland wird immer kleiner, trotz Umbruchverbots in einigen Bundesländern werden weiter ausgedehnte Gräserflächen in Maisäcker umgewandelt. Die „Vermaisung“ der Landschaft schreitet fort, in erster Linie als Folge einer fehlgeleiteten Energiepolitik und zum großen Nachteil für die biologische Vielfalt. Die schrumpft besonders unter den Vögeln rapide, wie eine von 1989 bis 2010 vom Dachverband Deutscher Avifaunisten (DDA) ausgeführte Erfassung der Bestandsänderungen häufiger deutscher Brutvogelarten belegt.

„Die Auswirkungen der Klimapolitik sind dramatisch“

Für gut 40 der 260 regelmäßig in Deutschland brütenden Vogelarten sind Felder, Wiesen und Weiden der für sie bestimmende Lebensraum. Die Agrar- oder Feldvögel sind in ihrem Brutbestand überwiegend auf landwirtschaftlich genutzte Flächen angewiesen. Das hat sie besonders in den vergangenen zehn Jahren in eine Notlage versetzt. „Es gibt seit 1991 doppelt so viele abnehmende wie zunehmende Arten, nur noch ein Drittel der Arten ist mehr oder weniger stabil“, sagt Martin Flade vom DDA. „Seit der Energiewende, nämlich dem Erneuerbare-Energien-Gesetz 2005 und seit der Abschaffung der obligatorischen Flächenstilllegungen der EU 2007 können nur noch vier von 30 untersuchten Arten ihren Bestand halten, 26 Arten nehmen ab.“

Die Untersuchung in Brandenburg endet mit der Feststellung, „dass die Auswirkungen des Klimawandels auf die Bestandsentwicklung unserer Brutvögel bisher noch schwach, die Auswirkungen der Klimapolitik (Energiepolitik) dagegen dramatisch sind“. Auf der Liste der Vogelarten, die einst jedermann auf dem Lande bekannt waren, heute jedoch in vielen Gegenden auf der Roten Liste stehen, finden sich so geläufige Namen wie Roter Milan, Rebhuhn, Weißstorch, Kiebitz, Feldlerche, Goldammer, Bluthänfling, Uferschnepfe und Sumpfohreule.

Sie gehören zu den vielen Arten (siehe Kasten), deren Bestand von landwirtschaftlich genutzten Flächen wie Äckern, Grünland, zeitweiligen Brachen sowie Hecken, Baumgruppen, Feldrainen und -gehölzen abhängt - zur Brut und zum Nahrungserwerb. Den ersten Platz der hoch gefährdeten Agrarvögel belegt in Deutschland die Großtrappe. Von diesem schwergewichtigen Feldbewohner („Märkischer Strauß“) gab es 1939 noch 4.000, im vergangenen Februar aber nur noch 123 Vögel - in Brandenburg und Sachsen-Anhalt, wo sie mit einem aufwendigen Schutzprogramm gehegt werden.

15 Jungvögel sind in diesem Sommer nach Auskunft des Fördervereins Großtrappenschutz e.V. in Buckow hinzugekommen. Keine der anderen Feldvogelarten ist so dezimiert worden. Doch auch andere Arten haben Einbußen von 70Prozent und mehr erlitten. Über vielen Äckern jubiliert im Frühling schon lange keine Feldlerche mehr. Den Ortolan, eine einst weit verbreitete Ammernart, kennt kaum noch jemand.

In einem gemeinsamen Positionspapier haben die Deutsche Ornithologen-Gesellschaft und der DDA ausführlich die Belastungsfaktoren aufgeführt: Rückgang des Dauergrünlandes; Zunahme des Mais- und Rapsanbaus; Ausräumen der Landschaft; Entwässern von Feuchtgrünland; immer intensivere Grünlandnutzung durch häufigere Mähtermine und den Anbau von blütenarmen Graseinheitssorten; das verstärkte mechanische Bearbeiten der Felder mit immer kürzeren Bewirtschaftungsintervallen; die Ernte von Energiepflanzen und die Ackerbearbeitung zur Brutzeit der Bodenbrüter; geringere Fruchtfolgen; geringere Vielfalt der angebauten Kulturpflanzen; vermehrtes Ausbringen von Dünger und Gülle; größerer Einsatz von Pflanzenschutzmitteln mit der Folge, dass Insekten und Samen von Wildpflanzen fehlen; Verdichtung der Vegetationsstruktur; weitgehender Wegfall brachliegender Flächen; Flächenversiegelung beim Bau von Schweine-, Hühner- oder Putenmastanlagen neben den Höfen.

Das Papier vergisst nicht den Hinweis, dass auch natürliche Feinde wie Raubsäuger und Vogelarten wie Krähen oder die - selbst bedrohte - Wiesenweihe natürliche Verluste unter den am Boden brütenden Vögeln verursachen. Dem Erhalt der Feldvögel würde demnach das Ausgliedern von Flächen aus der intensiven landwirtschaftlichen Nutzung dienen. Dazu gehört auch das Zurückfahren des Anbaus von Energiepflanzen. Als Ziel werden zehn Prozent der Ackerflächen für ein- oder mehrjährige Stilllegungen genannt.

Wie segensreich sich für viele Vögel die EU-Regelung für zeitweilige Brachen in den vergangenen beiden Jahrzehnten ausgewirkt hat, zeigte die vorübergehende Bestandssteigerung bei Grauammer, Goldammer und Feldlerche. Auch das Ausweiten des ökologischen Landbaus, wenn er denn mit Naturschutz einhergeht, kann Positives bewirken. Schon die Anlage von „Lerchenfenstern“ (Flächen von 100 bis 200 Quadratmetern in größeren Feldeinheiten, die unbewirtschaftet bleiben) steigert den Bruterfolg. Extensivierung von Grünland, Offenlandschaften mit nur extensiver Nutzung, Artenschutzprojekte und Vertragsnaturschutz unter Einbeziehung der Landwirte, politische Vorgaben im Rahmen von „Cross Compliance“ für alle landwirtschaftlichen Betriebe: Es ließe sich viel für die biologische Vielfalt tun.

Bis 2010 wollte die Europäische Union den Artenschwund stoppen. Das ist nicht gelungen. Jetzt ist die nächste Wegmarke für 2020 gesetzt. Auf die Freiwilligkeit der Landwirte zu setzen, wäre fatal. Nicht wenige haben den Bezug zur Natur verloren. Wenn sie in den klimatisierten Kabinen der Traktoren und Mähdrescher sitzen, bekommen sie von der Restnatur rundherum wenig mit. Manche Funktionäre meinen, die Bauern wüssten selbst am besten, wie sie mit der Natur umzugehen haben. Doch das stimmt nicht. Wenn der Frühling über den Feldern und Wiesen nicht stumm werden soll, muss die Landwirtschaft mit dem amtlichen und privaten Naturschutz zusammenarbeiten.

In vielen Gebieten sind es unter den Zugvögeln nur die alten Tiere, die in immer geringerer Zahl jedes Jahr in ihre angestammten Reviere zurückkehren, aber keinen Nachwuchs mehr ausbrüten oder aufziehen können. Das geht nur so lange gut, wie die Altvögel leben. Eins von vielen Beispielen für diese Entwicklung ist der Große Brachvogel, der aus den meisten seiner früheren Brutgebiete verschwunden ist. Da die Schnepfenvögel mit dem langen gebogenen Schnabel älter als 30 Jahre werden können, täuschen sie mancherorts einen stabilen oder nur langsam abnehmenden Bestand vor. Der erlischt dann aber plötzlich mit dem Tod der letzten Vögel.

Seltene Vögel

Vierzig Vogelarten, die auf Feldern, Wiesen und Weiden brüten und ihre Nahrung suchen (in ungeordneter Reihenfolge): Großtrappe, Kranich, Rebhuhn, Wachtel, Fasan, Turmfalke, Rotmilan, Mäusebussard, Wiesenweihe, Schleiereule, Sumpfohreule, Steinkauz, Weißstorch, Kiebitz, Wachtelkönig, Uferschnepfe, Bekassine, Großer Brachvogel, Neuntöter, Goldammer, Grauammer, Ortolan, Feldlerche, Heidelerche, Haubenlerche, Feldsperling, Braunkehlchen, Wiesenpieper, Brachpieper, Schafstelze, Stieglitz, Bluthänfling, Steinschmätzer, Feldschwirl, Grünfink, Dorngrasmücke, Sperbergrasmücke, Kuckuck, Aaskrähe, Saatkrähe. Daneben gibt es zahlreiche andere, die zu bestimmten Jahreszeiten Felder und Grünland intensiv zur Nahrungssuche nutzen. (C.-A.v.T.)

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