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Waschbären : „Die Rasselbande zerstört alles“

  • Aktualisiert am

Mehr als ein halbe Millionen Waschbären leben in Deutschland in freier Wildbahn. Bild: dpa

Deutlich mehr als eine halbe Millionen Waschbären leben in Deutschland. Die putzigen Tiere können schweren ökonomischen Schaden verursachen. Ein Gespräch mit dem Wildtierforscher Frank-Uwe Fritz Michler.

          Herr Michler, wie kommt es, dass sich der Waschbär in den vergangenen Jahren in Deutschland derart verbreitet hat?

          Die eigentliche Heimat des Waschbären ist Nordamerika. Nach Deutschland gebracht wurde er wegen seines wertvollen Fells. In Deutschland gibt es zwei große Populationen, die bis heute gut zu unterscheiden sind, etwa durch die Fellfärbung. Sie breiten sich immer weiter aus - im mitteldeutschen Raum um Kassel herum und in der nordostdeutschen Tiefebene, neuerdings vor allem in der Mecklenburger Seenplatte. Bei beiden kennen wir sozusagen die Stammväter. Im Jahr 1934 wurden am Edersee zwei Pärchen offiziell ausgesetzt. In Ostdeutschland hingegen wurden einige Tiere aus einer Farm östlich von Berlin bei Kriegsende 1945 in die Freiheit entlassen. Abgesehen davon gilt der Waschbär ohnehin als der Ausbrecherkönig. Jeder Zoo, der Waschbären hält, kennt das. In der Paarungszeit sind die Rüden nicht zu halten und klettern einfach davon, denn klettern können die Tiere besonders gut.

          Wie viele Tiere gibt es inzwischen in Deutschland?

          Wir können nur schätzen. Aber deutlich mehr als eine halbe Million Waschbären sind bei uns unterwegs.

          Offenbar gibt es so viele Waschbären, dass sie inzwischen bis in die Ortschaften kommen.

          Zwar nimmt vor allem die ostdeutsche Population immer noch zu. Aber dass die Waschbären in die Orte kommen, hat damit nicht unbedingt etwas zu tun. Der Waschbär verstädtert nicht, weil es zu viele Tiere gibt. Er kommt vielmehr in die Orte, weil er dort ideale Bedingungen vorfindet. Viele Raubsäuger haben ihm das vorgemacht, der Fuchs etwa oder schon vor Jahrzehnten der Steinmarder. Die Kasseler können ein Lied davon singen und haben sich längst darauf eingestellt. In der Müritz-Region hingegen ist der Waschbär neu und deshalb das Konfliktpotential hoch.

          Wem auch gefällt es, wenn er zuschauen muss, wie sein Kirschbaum geplündert wird - so putzig die Tiere dabei auch aussehen?

          Das ist ärgerlich, aber fällt noch unter Kavaliersdelikt. Ebenso wenn ein Waschbär den schicken Rasen regelrecht aufrollt, um an Engerlinge und Regenwürmer zu kommen. Wirklich große ökonomische Schäden entstehen, wenn sich Waschbären den Dachboden eines Hauses als Wurfplatz aussuchen. Die Rasselbande zerstört dann in acht bis zehn Wochen so ziemlich alles.

          Wie kann man sich davor schützen?

          Durch Umsicht. In Kassel stellt niemand mehr den gelben Sack über Nacht auf die Straße oder lässt die Biotonne unverschlossen. Bäume können durch Manschetten geschützt werden, auf denen die Krallen der Tiere keinen Halt finden. Fallrohre, an denen die Waschbären auf Dachböden hinaufklettern, können speziell gesichert werden. Um es so zu sagen: Das Tier lässt sich in seinem Verhalten nicht ändern, aber die Menschen können sich informieren, was effektiv ist, um sich die Plage vom Hals zu halten.

          Aber Waschbären können doch auch gejagt werden?

          Ja, aber in den besiedelten Gebieten nützt das nichts. Wie andere Raubsäuger auch, reagieren Waschbären darauf, sobald die Sterblichkeitsrate hochschnellt. Als Antwort darauf beteiligen sich schon ein Jahr alte Weibchen an der Reproduktion, was sie normalerweise nicht tun. So kann es sein, dass die Population am Ende sogar noch größer wird. Wir können das durch vergleichende Untersuchungen in Kassel und Bad Karlshafen belegen. In Kassel wurde der Waschbär früher intensiv gejagt, in Bad Karlshafen nicht.

          Wenn er nicht gerade in der Stadt lebt, liebt der Waschbär feuchte Gegenden. Weil er sich wäscht?

          Nein. Das Nahrungsangebot ist für ihn in Gegenden wie der Mecklenburger Seenplatte besonders hoch. Der Name geht auf die Beobachtung bei Waschbären in Gefangenschaft zurück, die ihre Nahrung vor dem Fressen häufig ins Wasser tragen. Das hat aber nichts mit Waschen zu tun. Es ist vielmehr eine Ersatzhandlung, weil der Waschbär im flachen Wasser seine Nahrung mit seinen Vorderpfoten sucht. Er imitiert also die Nahrungssuche an Fluss- oder Seeufern.

          Die Fragen stellte Frank Pergande.

          Quelle: F.A.Z.

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