27.11.2006 · Und weiter purzeln die Temperaturrekorde: Nachdem schon der Oktober ungewöhnlich warm war, war auch der November bisher eher selten herbstlich. Im Gegenteil: Nie zuvor war es Ende des Jahres in Deutschland so warm.
Mit 22,2 Grad in Fischen im Allgäu ist am vergangenen Samstag ein Rekordwert gemessen worden. Seit Beginn der Wetteraufzeichnungen sei es nach einem 20. November noch nie wärmer in Deutschland gewesen, teilte der Wetterdienst Meteomedia mit.
Der bisherige Rekord für die letzten Wochen des Jahres lag bei 21,7 Grad - gemessen am 16. Dezember 1999 in Freiburg. Zum Vergleich: Genau vor einem Jahr fiel im Münsterland nach einem Schneechaos der Strom aus. 250.000 Menschen saßen tagelang im Dunkeln - und stimmten sich bei Kerzenschein auf den Advent ein.
In diesem Jahr ist alles anders. Frühlingslüfte statt Novemberkälte lockten am Wochenende viele Spaziergänger ins Freie, die zwar auf den wärmenden Wollschal verzichten konnten, vielerorts aber nicht auf den Regenschirm. Knapp eine Woche vor dem meteorologischen Winteranfang (1. Dezember) wurden in Straßburg und Baden-Baden schon die Weihnachtsmärkte eröffnet. Bratäpfel und Glühwein waren aber Ladenhüter - Eisbecher wurden bevorzugt.
Eisbecher statt Glühwein: Rekordwärme im Spätherbst 2006
Zugvögel fliegen nicht los
Die ungewöhnlich warmen Herbstwochen haben inzwischen spürbare Auswirkungen auf die Natur. Die Wärme verleidet Tieren den Winterschlaf und läßt Frühlingsblumen sprießen. Zugvögel wie Kraniche hätten zudem „keine Lust“ wegzufliegen, sagte Artenschutz-Experte Peter Schütz von der nordrhein-westfälischen Landesanstalt für Ökologie, Bodenordnung und Forsten in Recklinghausen am Montag. Die Zugvögel fänden auf vielen abgeernteten Maisfeldern Futter. „Deshalb fliegen sie entweder erst im Januar weg, oder sogar gar nicht.“
Während erste Krokusse aus dem Boden wachsen, leiden nach Angaben von Schütz winterschlafende Tiere wie Frösche, Molche und Fledermäuse unter den warmen Temperaturen. „Die Tiere stehen unter Streß“, sagte er. Sie seien aktiv und fänden nicht in den Schlaf. Sollte es noch länger warm bleiben und dann Anfang des Jahres bitterkalt werden, könnten Tiere mit zu wenig Fett als Wärme- und Nahrungspolster den
Winter nicht überleben. Zudem könnten viele Frühlingsblumen erfrieren, sagte Schütz. Wärmeliebende Pflanzen hingegen profitierten von der derzeitigen Wetterlage: Beifußambrosien und Robinien blühen und tragen Früchte.
Viele Mücken im nächsten Frühjahr?
Auch die „Insekten-Saison“ hat sich durch die warmen Temperaturen verlängert - vor allem einige Mücken-, Fliegen- und Zeckenart sind nach Angaben des Düsseldorfer Professors für Zoologie und Parasitologie, Heinz Mehlhorn, noch aktiv. Da die Insekten vor dem Winter die Eier ablegen und als Larven überwintern, könnte es bei einem milden Winter im kommenden Frühjahr eine große Zahl von Fliegen und Mücken geben, sagte Mehlhorn. „Wenn es mal einen Tag richtig kalt wird, dann packen die das noch.“ Wenn es aber beispielsweise 20 Tage lang minus 20 Grad habe, dann könne sich die Zahl der Insekten über den Winter wieder normalisieren.
In den kommenden Tagen sollen sich allerdings die Temperaturen nach Angaben der Wetterdienste ein wenig der Jahreszeit anpassen. Ab Mitte der Woche soll es meist kälter als zehn Grad werden.