18.04.2010 · Nach fast 200 Jahren Schlummer brach der isländische Vulkan Eyjafjalla wieder aus - und stürzte so den Flugverkehr ins Chaos. Wie lange spuckt er noch Lava? Seriöse Forscher sagen dazu nichts. Man kann nur auf einen Wechsel des Windes hoffen.
Von Horst RademacherEyjafjalla ist ein kleiner Vulkan, ein Zwerg unter den gewaltigen Feuerbergen auf der Erde. Er war bislang unter dem mächtigen Gletschereis Südislands, dem Jökull, verborgen. Nichts hat er mit den wirklich großen Vulkanen gemein, dem Fudschijama in Japan, dem Mount Rainier im amerikanischen Nordwesten, dem Popocatépetl in Mexiko oder dem Merapi in Indonesien.
Selbst im Vergleich zu den gefährlichen Vulkanen Islands, Katla, Krafla, Hekla oder Grimsvötn, ist Eyjafjalla ein Leichtgewicht. In der von der Smithsonian Institution in Washington penibel geführten Liste aller Vulkane auf der Erde trägt er die Nummer 1702-02. Der Eintrag ist nur zwei Zeilen lang, während die Eruptionsgeschichte der großen und gefährlichen Feuerberge ganze Seiten füllt.
Nach 200 Jahren Schlummer brach er wieder aus
Bis zum März war vom Eyjafjalla nur eine Eruption bekannt. Sie begann im Dezember 1821 und war, obwohl sie etwa mehr als ein Jahr dauerte, selbst für Island unbedeutend. Dennoch hat es dieser magmatische Winzling auf der Insel im hohen Nordatlantik mit seiner feinen Asche jetzt geschafft, seit Tagen den Flugverkehr in ganz Nordeuropa sowie auf den wichtigen Transatlantikrouten stillzulegen.
Nach fast 200 Jahren Schlummer brach Eyjafjalla am 20. März wieder aus. Vier Wochen lang beschränkte sich die Eruption auf basaltische Lavaflüsse und mehr als 100 Meter hohe Lavafontänen, die aus einer Spalte an der Seite des Vulkans außerhalb des Gletschers ausbrachen. Touristen konnten sich den Lavaströmen nähern.
Am 12. April endeten diese Flankenausbrüche. Die Forscher des Nordischen Vulkanforschungszentrums an der Universität von Island glaubten schon, Eyjafjalla würde wieder in seinen magmatischen Schlaf fallen.
Alle Anzeichen standen auf Ausbruch
Doch am späten Abend des 13. April begannen die Seismometeranzeigen im Vulkanzentrum und beim isländischen Wetterdienst in Reykjavik neue Warnzeichen zu melden. Genau unter dem im Gletschereis verborgenen Gipfelkrater des fast 1.700 Meter hohen Vulkans ereignete sich ein Erdbebenschwarm. Im Laufe der Nacht ließ dessen Intensität nicht nach. Vielmehr ging die seismische Aktivität am frühen Morgen des Mittwoch in den vulkanischen Tremor über.
Das intensive Brummen des Feuerbergs wurde in den nächsten Stunden immer stärker. Für Vulkanforscher ist das oft ein untrügliches Zeichen dafür, dass Magma im Vulkanschlot aufsteigt und eine Eruption unmittelbar bevorsteht. Ob Eyjafjalla aber tatsächlich ausgebrochen war, ließ sich wegen der Dunkelheit noch nicht feststellen.
Acht Kilometer hoch schoss die Vulkanasche
Am nächsten Morgen blieb der Gletscher und damit auch der Vulkan zunächst unter dichten Wolken verborgen. Aber es gab dennoch erste Anzeichen für einen Ausbruch. Die Bewohner entlang der südlich des Gletschers verlaufenden isländischen Ringstraße westlich des Ortes Vik sahen große Mengen Schmelzwasser aus dem Gletscher dringen.
Eine Maschine der Küstenwache überflog den Gletscher. Als die Piloten ihr Radar auf den Vulkan richteten, entdeckten sie eine zwei Kilometer lange Spalte, die unter der Eiskappe in Nord-Süd-Richtung verlief.
Kurze Zeit später durchbrach die dunkle Wolke aus Vulkanasche die helle Decke aus Regenwolken und schoss bis in acht Kilometer Höhe. Dort wurde sie vom Nordwestwind erfasst und begann ihre Drift in Richtung Britische Inseln und europäisches Festland.
Nach Meinung von Freysteinn Sigmundsson, einem Vulkanologen an der Universität in Reykjavik, ließ nicht nur das im Magma enthaltene Gas die Wolke in große Höhen steigen. Sobald das Gletschereis mit dem heißen Magma in Berührung kam, verdampfte es schlagartig. Diese Explosionen gaben den Lavapartikeln zusätzlichen Schub und ließen sie bis in die obere Troposphäre und damit in die Luftstraßen der Düsenflugzeuge steigen.
Auch noch am Sonntag, vier Tage nach dem Beginn des Ausbruchs, hielt diese Art der Eruption an. Die Aschewolken stiegen pulsartig alle paar Minuten aus dem Vulkankrater.
Niemand wagt eine genaue Vorhersage
Aufgrund seismischer Messungen können Forscher heute den Beginn einer Vulkaneruption meist recht gut vorhersagen. Aber sie können nicht die Dauer eines Vulkanausbruchs abschätzen. Für solche groben Berechnungen müssen sich die Vulkanologen meist auf die Erfahrungen mit früheren Ausbrüchen des Vulkans stützen.
Für Eyjafjalla gibt es aber keine derartige Geschichte. Man weiß nur, dass der Vulkan vor 190 Jahren ein ganzes Jahr lang aktiv war. Es ist aber nicht bekannt, ob damals die Aschewolken bis nach Europa zogen. Und selbst wenn es so gewesen wäre, hätte wahrscheinlich niemand davon Notiz genommen.
Damals gab es nämlich weder Wettersatelliten, mit denen man die Ausbreitung der Wolke hätte verfolgen können, noch Flugzeuge, deren Triebwerke in der Vulkanasche versagt hätten.
Zur Zeit wagt also kein ernstzunehmender Vulkanologe eine Vorhersage über den Fortgang der Eruption des Eyjafjalla. Erleichterung könnte nur das Wetter schaffen, wenn nämlich die Richtung, aus der der Höhenwind über Island weht, von Nordwest auf West dreht. Dann würden die Aschewolken in Richtung Lappland und in die hohe Arktis wehen, weit weg von allen Flugrouten.
Es könnte durchaus noch schlimmer kommen.
Als nämlich am 8. Juni 1783 der Vulkan Laki, einer der großen Nachbarn des Eyjafjallajökull auf Island, ausbrach, geriet die gesamte Nordhalbkugel der Erde aus den Fugen. Innerhalb von acht Monaten spuckte der Vulkan 14 Kubikkilometer Basalt aus. Die Aschewolke hing sogar noch über Syrien.
Die Wolke enthielt giftige Gase, die mit Fluss- und Schwefelsäure gesättigt waren. Die Hälfte der Weidetiere auf Island fielen diesen Gasen zum Opfer. Von nordwestlichen Winden getrieben, zog die giftige Wolke bis zum europäischen Festland und drang dort in die Atemwege der Einwohner ein.
Allein in England, so schätzen Historiker, starben damals 23.000 Menschen an den Gasen. Außerdem führte die Gas- und Aschewolke entlang der Küsten Englands, der Niederlande, Belgiens und Frankreichs immer wieder zu ungewöhnlich dichtem Nebel. Die Schwaden waren so dicht, dass tagelang keine Schiffe auslaufen konnten.
Auch das Klima änderte sich. Die Sommer der Jahre 1783 bis 1785 waren so trocken, dass viele Feldfrüchte verdorrten. Es kam zu Missernten. Die Winter in Europa und Nordamerika waren dagegen ungewöhnlich kalt und schneereich. Würde Laki heute auf gleiche Weise ausbrechen oder sich die Eruption des Eyjafjallajökull ähnlich entwickeln wie die des Laki damals, dann wäre die Unterbrechung des Flugverkehrs das kleinere Übel.
Jetzt ist es schon...
Frank Lehmann (lefra)
- 19.04.2010, 12:11 Uhr