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Umweltkatastrophe durch Rotschlamm Aus Kolontár wollen alle nur noch weg

 ·  Sie zählen zu den dreißig reichsten Bürgern Ungarns - und wollen die durch die Schlammflut geschädigte Bevölkerung mit einer lächerlichen Summe abspeisen. Die beiden Hauptaktionäre des für den Unfall verantwortlichen Aluminiumwerks müssen sich den Vorwurf des Zynismus gefallen lassen.

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Der Rotschlamm, der sich wegen des Bruchs des Rückhaltebeckens einer Aluminiumfabrik in Ajka, 40 Kilometer nördlich des Plattensees, über Kanäle, Bäche und Flussläufe über ein 40 Quadratkilometer großes Gebiet verbreitete, hat am Donnerstag einen Donau-Seitenarm in Györ (Raab) erreicht. Davor war die rote Substanz, über deren Giftigkeit die Auffassungen auch unter Fachleuten auseinandergehen, bereits in das österreichisch-ungarische Flüsschen Raab, einen Nebenfluss der Donau gelangt. Messungen am Zusammenfluss haben einen leicht erhöhten Laugengehalt (pH-Wert) ergeben. Normalerweise liege der Wert bei acht, die Messungen hätten Werte um neun ergeben, gab die zuständige Wasserbehörde bekannt.

Wegen der sofort eingeleiteten Maßnahmen zur Dekontaminierung - mittels Ausbringens von mehreren hundert Tonnen Gips - habe der pH-Wert beständig unter zehn gehalten werden können. Das sei ein Wert, der nach Aussagen von Fachleuten keine längerfristigen Umweltschäden bewirke, sagte Tíbor Dobson vom ungarischen Katastrophenschutz. Laut WWF ist der Unfall in Ungarn schlimmer als die Cyanid-Katastrophe von Baia Mare in Rumänien vor zehn Jahren. Dort trat 2000 kontaminiertes Wasser aus dem Sammelbecken einer Gold-Aufbereitungsanlage aus. Der mit Schwermetallen versetzte Cyanid-Schlamm gelangte über die Theiß in die Donau - ein großes Fischsterben war die Folge.

Die beiden Hauptaktionäre zählen zu den dreißig reichsten Ungarn

Schwere Kritik muss sich der Betreiber des in Ajka ansässigen Aluminiumwerks der MÁL AG gefallen lassen. Greenpeace verlangte von den Eigentümern die volle Übernahme aller Kosten für die Schadensbeseitigung und Schadenersatzzahlungen an die in Mitleidenschaft gezogene Bevölkerung. Die beiden Hauptaktionäre zählen nach Angaben der Umweltschutzorganisation „zu den dreißig reichsten Ungarn". „Die Ankündigung des Unternehmens, den Menschen eine Entschädigung von lediglich 110.000 Euro zu zahlen, ist nicht nur inakzeptabel, sondern angesichts der Todesfälle, der Verletzten und der Schäden vor Ort hochgradig zynisch", ließ Greenpeace verlauten. Die Schäden seien selbst bei vorsichtiger Schätzung auf umgerechnet mehr als 30 Millionen Euro zu veranschlagen. Die beiden Hauptaktionäre der MÁL zählen nach Angaben der Umweltschutzorganisation „zu den dreißig reichsten Ungarn und besitzen zusammen ein Vermögen von 39,5 Milliarden Forint, umgerechnet ergibt das 145 Millionen Euro", sagte Greenpeace-Chemiker Herwig Schuster.

Umweltkatastrophe: Aus Kolontár wollen alle nur noch weg

Nicht nur Greenpeace, auch Vertreter der betroffenen Gemeinden sowie der Komitate (Bezirke) fordern sowohl von der Aluminium-Firma als auch von den ungarischen Behörden „volle Transparenz sowie die lückenlose Aufklärung. „Angesichts der Tragödie wäre es mehr als angebracht, wenn die beiden Eigentümer die seit fünfzehn Jahren angesammelten Gewinne aus ihren Aluminium-Geschäften den Opfern des Unfalls zur Verfügung stellen", sagte Schuster. Die betroffenen Gemeinden wollen gemeinsam Strafanzeige gegen das Unternehmen stellen, dessen Vorstand stets darauf hinweist, dass man alle ungarischen Vorschriften ebenso eingehalten habe wie EU-Vorgaben.

Die Einführung einer Deponiesteuer wurde verhindert

Der ungarische Ministerpräsident Orbán, der am Donnerstag morgen im Katastrophengebiet eingetroffen war, ließt sich an Ort und Stelle vom Geschehen seit Montag unterrichten und suchte die am meisten beeinträchtigten Ortschaften Kolontár, Devecser und Somlóvásárhely auf. In Kolontár sagte er, es sei am besten, die versehrten Teile einzuebnen, das versuchte Erdreich abzutragen und eine gänzlich neue Siedlung zu errichten. Die Regierung werde dafür sorgen, dass die für das Unglück Verantwortlichen zur Rechenschaft gezogen würden und „die volle Härte des Gesetzes zu spüren“ bekämen. Informationen dieser Zeitung zufolge, die von einem inzwischen pensionierten langjährigen führenden Mitarbeiter des Unternehmens bestätigt wurden, ist die MÁL AG aus dem kommunistischen Bauxit- und Aluminiumindustrie-Konglomerat des Landes hervorgegangen. Ebenso zwei weitere ungarische Aluminiumerzeuger, die zusammen eine Million Tonnen des Leichtmetalls erzeugen, wovon MÁL etwa zwei Drittel herstellt.

Geschäftsleute aus der post-kommunistischen Elite erwarben die Anlagen demnach im Zuge der Privatisierung während der sozialistisch-liberalen Regierung des Gyula Horn (1994-1998); „für einen Pappenstiel", wie die linksliberale (ehemalige Partei-)Zeitung „Népszabadság“ bemerkte. Dank ihrer Vernetzung im politischen Filz der Nach-Wende-Zeit hätten die neuen Eigentümer die Einführung einer Deponiesteuer für die Abfalllagerung in freier Natur verhindert und sich zudem niedrige Strompreise gesichert, damit die Aluminium-Produktion kostengünstig war.

„Man weiß bis jetzt nicht, wie das alles miteinander reagiert“

Die meisten Einwohner der heimgesuchten Dörfer wollen indes offenbar nur noch so schnell wie möglich weg aus dem verseuchten Gebiet. In Kolontár gab es eine Bürgerversammlung, bei der sich mehr als 90 Prozent der Bewohner für Absiedlung aussprach. Laut Andreas Beckmann vom Donau-Karpaten-Büro des WWF soll ein weiteres Becken der Aluminiumfabrik mit giftigem Inhalt instabil geworden sein. „Reservoir 9, das neben dem geborstenen Reservoir 10 liegt und ähnlich giftige Stoffe enthält, ist ebenfalls geschwächt. Die Behörden versuchen nun, auch den Inhalt dieses Beckens zu neutralisieren und kontrolliert zu entleeren", sagte Beckmann der österreichischen Agentur APA.

In den Dörfern rund um das Aluminiumwerk herrsche jedenfalls Endzeitstimmung: „Von Normalisierung kann keine Rede sein. Die Einwohner von Kolontár wollen nur noch weg.“ Das Ökosystem des Flüsschens Marcal sei komplett zerstört, überall seien tote Tiere zu sehen. Es seien Tonnen von Materialien in das Gewässer gekippt worden, um die ätzende Lauge zu binden: „Man weiß bis jetzt nicht, wie das alles miteinander reagiert. Es sei möglich, dass die Schwermetalle wieder freigesetzt werden.“ Für die Donau sieht der WWF-Mitarbeiter allerdings „keine besondere Gefahr".

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