29.07.2010 · In China jagt eine Umweltkatastrophe die nächste. Weil starke Regenfälle 3000 Chemiefässer in einen Fluss unweit der Stadt Julin gespült hatten, wurden 4,3 Millionen Menschen vorübergehend von der Trinkwasserversorgung abgeschnitten.
Von Till Fähnders, PekingIn China scheinen es Mensch und Natur derzeit besonders schwer miteinander zu haben. Im ganzen Land sind bei den Überschwemmungen in diesem Jahr schon 928 Menschen ums Leben gekommen. Vor allem am Jangtse, dem drittlängsten Fluss der Erde, ist die Lage dramatisch. Der Drei-Schluchten-Damm arbeitet am Rande seiner Kapazität. Das Versprechen, der größte Staudamm der Welt werde derartige Fluten verhindern, kann er wohl nicht halten.
Die Überschwemmungen sind durch anhaltende Regenfälle hervorgerufen worden. Manche andere Katastrophe ist dagegen von Menschenhand gemacht. Die Ölpest im Gelben Meer vor der Hafenstadt Dalian ist zwar offiziell „unter Kontrolle“. Doch es war die größte Öl-Verschmutzung der chinesischen Geschichte. Behörden und Rettungskräfte waren nur ungenügend darauf vorbereitet.
Wichtigste Trinkwasserquelle der Stadt ist mit Chemikalien verunreinigt
Die neueste Katastrophen-Meldung kam am Donnerstag aus der Stadt Jilin im Nordosten Chinas. Dort wurde die Wasserversorgung für 4,3 Millionen Einwohner vorübergehend eingestellt. Der Fluss Songhua, wichtigste Trinkwasserquelle der Stadt, war mit einer Chemikalie verunreinigt worden. Durch die Flut wurden etwa 3000 Chemie-Fässer mit jeweils 170 Kilogramm brennbarer Flüssigkeit sowie 4000 leere Fässer aus einer Fabrik in den Fluss gespült. Fotos zeigen, wie die blauen Tonnen und anderer Müll auf der Oberfläche des Flusses treiben. Die Unterbrechung der Wasserversorgung rief bei den Bewohnern Panikkäufe hervor. Viele deckten sich in den Läden mit Wasservorräten ein.
Das zuständige Unternehmen begründete die Maßnahme dagegen mit Wartungsarbeiten an der Elektrik, wie die Zeitung „China Daily“ berichtete. Eine Vergiftung des Flusses lasse sich zunächst nicht nachweisen. In der Bevölkerung weckten die Vorgänge jedoch Erinnerungen an einen Vorfall am Songhua-Fluss im Jahr 2005. Nach Explosionen in einem Chemiewerk war der Fluss damals schwer verschmutzt worden. Die Einwohner der Millionenstädte Jilin und Harbin mussten tagelang ohne Wasserversorgung ausharren.
Entwicklung der Wirtschaft hat Priorität
Auch dieser Vorfall hatte dazu beigetragen, dass sich Bevölkerung und Regierung seit ein paar Jahren verstärkt mit der verheerenden Umweltzerstörung auseinandersetzen. Doch hat für sie die Entwicklung der Wirtschaft und des Wohlstands nach wie vor Priorität, und es werden weiterhin viele Gewässer durch Fabrikabwässer belastet. Wie das Umweltministerium vor kurzem berichtete, ist nur noch knapp die Hälfte des Wassers in Chinas Seen und Flüssen trinkbar. Ein Viertel des Wassers ist sogar zu dreckig, um es industriell nutzen zu können. Vor kurzem wurde wieder ein besonders schwerer Fall bekannt, bei dem eine Kupfermine des Bergbauunternehmens Zijin den Ting-Fluss in der südchinesischen Provinz Fujian vergiftet hatte. Ohne größere Folgen für die Umwelt ist dagegen offenbar die Explosion in einer Fabrik in der ostchinesischen Stadt Nanking geblieben. Bei der schweren Explosion waren am Mittwoch mindestens 13 Menschen ums Leben gekommen.
Auch die hohe Luftverschmutzung ist in China weiter ein großes Problem, wie sich derzeit wieder beobachten lässt. In der Hauptstadt Peking herrscht in diesem Sommer nicht nur eine schwer erträgliche Hitze, sondern an vielen Tagen auch ein starker Smog, der die Sichtweite teilweise auf wenige hundert Meter begrenzt. Wie das Umweltministerium vor kurzem mitteilte, ist die Luftqualität in Chinas Städten in den ersten sechs Monaten zum ersten Mal seit dem Jahr 2005 wieder gesunken. Nach Angaben von Fachleuten lässt sich das zum Teil mit den schweren Sandstürmen begründen, die den Norden des Landes im Frühjahr heimgesucht hatten. Doch habe im Zuge der wirtschaftlichen Erholung auch die industrielle Produktion zugenommen, und es wird wieder mehr gebaut. Nicht zuletzt die wachsende Zahl der Privatautos trägt zur dicken Luft in Chinas Städten bei.
Kein Mitleid
Stefan Wellhäuser (Wellano920)
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