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Torpediertes U-Boot in Norwegen : Gefahr aus dem Meer

Die Bewohner der Insel Fedje fürchten sich vor dem Quecksilber im Wrack eines torpedierten U-Boots Bild: Sebastian Balzter

Seit 65 Jahren liegt ein mit Quecksilber beladenes U-Boot der deutschen Kriegsmarine vor der norwegischen Insel Fedje auf Grund. Die Bewohner fürchten eine Umweltkatastrophe. Die Behörden schieben die Verantwortung von sich.

          Den Eintrag „Wutbürger“ gibt es im norwegischen Wörterbuch noch nicht. Aber wenn Lisbeth Stuberg mit funkelnden Augen über die Maschinerie der Behörden ihres Heimatlandes spricht und von Politikern, die sich vor ihrer Verantwortung drücken, dann verkörpert sie den vor dem Stuttgarter Hauptbahnhof geprägten Begriff geradezu. Das Wohnzimmer mit Blick auf die Fischerboote in der Bucht von Fedje ist harmlos eingerichtet, auf dem Tisch stehen Pralinen und eine Kanne Tee, aber sogar Stubergs dunkle Locken kräuseln sich wie im Zorn. Sie hat einen Fackelzug organisiert, als die zuständige Ministerin zum Ortstermin nach Fedje kam, auf die kleine Insel an der norwegischen Westküste. Sie hat die Plakate hinunter zum Hafen getragen, wo die Fernsehteams warteten. Sie stand im eisigen Wind an der Kaimauer, um dem prominenten Gast aus Oslo ins Gesicht zu rufen: „Hebt U-864!“

          Sebastian Balzter

          Redakteur in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Fast drei Jahre sind seither vergangen, aber die Reste von U-864 liegen immer noch auf dem Meeresgrund. Gut eine Seemeile westlich von Fedje hatte sie im Herbst 2003 ein norwegisches Minensuchboot lokalisiert. Mehr als ein halbes Jahrhundert nach seinem Abschuss begann damit die zweite turbulente Phase in der Geschichte des fast 90 Meter langen Unterseeboots der deutschen Kriegsmarine. Die erste hatte am 9. Februar 1945 geendet. Ein britischer Torpedo schlug mittschiffs ein, der Rumpf zerbrach, die Teile sanken 150 Meter in die Tiefe. Überlebende gab es nicht.

          „Jetzt muss schnell etwas geschehen“

          Aber es gibt bis heute in einem amerikanischen Archiv eine abgefangene Packliste: U-864 hatte demnach außer der 73 Mann starken Besatzung Pläne für Geheimwaffen an Bord, die nach einem Reparaturaufenthalt im U-Boot-Bunker von Bergen den japanischen Verbündeten der Nationalsozialisten das Kriegsglück zurückbringen sollten, ein genauso spektakulärer wie verzweifelter, von den Alliierten entschlüsselter Geheimplan aus der Endphase des Zweiten Weltkriegs. Zu ihm gehörten auch rund 65 Tonnen Quecksilber aus deutscher Herstellung für die japanische Waffenproduktion, abgefüllt in 1857 Stahlflaschen.

          „Hebt das U-Boot!”: Mit Plakaten will Lisbeth Stuberg Aufmerksamkeit erregen
          „Hebt das U-Boot!”: Mit Plakaten will Lisbeth Stuberg Aufmerksamkeit erregen : Bild: Sebastian Balzter

          Vor ihnen hat Lisbeth Stuberg Angst: „Das ist die größte Umweltgefahr in der Geschichte Norwegens.“ Auf 60 Jahre sei die Lebensdauer der Flaschen berechnet worden. Nun arbeiten sich Salzwasser und Meeresbewohner schon seit 65 Jahren an dem Material ab. Tauchfahrten haben Flaschen mit Korrosionsschäden zutage gefördert. „Jetzt muss schnell etwas geschehen“, sagt Stuberg. Zwei Möglichkeiten gibt es seit dem zweifelsfreien Nachweis einer bislang allerdings nicht näher bestimmten Menge Quecksilber an Bord von U-864 vor sechs Jahren: die von den Behörden favorisierte Abdeckung des Wracks mit einer Hülle aus Sand und Beton und die von der Bürgerinitiative bevorzugte Hebung. Zuerst kämpfte Stuberg gegen die Abdeckung, die sie auf lange Sicht nicht für belastbar hält. „Damit kehrt man doch nur den Dreck unter den Teppich.“ Inzwischen aber wäre ihr alles lieber als Nichtstun.

          Erinnerungen an Minamata

          Sie selbst ist vor 14 Jahren auf die Insel gezogen, die 80 Kilometer nordwestlich von Bergen in der Nordsee liegt. Ihr Mann ist hier zu Hause, und für die vier Kinder schien es keinen besseren Platz zum Aufwachsen zu geben. Ganze sieben Quadratkilometer groß ist Fedje. Die Häuser sind aus Holz und weiß gestrichen, die Luft riecht nach Fisch und Salzwasser, die 600 Bewohner halten zusammen: Jeder zweite reihte sich damals in den Fackelzug ein.

          „Ich rief am lautesten, deshalb haben sie mich zur Sprecherin gemacht“, sagt Stuberg. Zwei weitere Frauen unterstützen sie dabei, arbeiten vor Parteitagen die Telefonlisten mit den Nummern der Delegierten ab, unterschreiben offene Briefe, begleiten Stuberg zur Anhörung ins Parlament in Oslo. Alle denken sie an Minamata: In der japanischen Kleinstadt starben in den sechziger Jahren mehr als 2000 Menschen an einer Quecksilbervergiftung, eine Chemiefabrik hatte das Metall verklappt. Die Menge war geringer als die an Bord von U-864 vermutete giftige Fracht.

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