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Tief „Britta“ Orkan im Norden - Schnee und Glätte im Süden

02.11.2006 ·  Der erste schwere Herbststurm ist über Nordeuropa hinweggefegt. Eine Jahrhundertflut brandete an die ostfriesische Küste. In der Ostsee sank ein Frachter; zwei Seeleute kamen ums Leben. Im Südosten Deutschlands hielt der Winter mit Schnee und Glätte Einzug. Mit FAZ.NET-Bildergalerie.

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Orkan über Norddeutschland, Jahrhundertflut in Ostfriesland, 17-Meter-Wellen in der Nordsee, Hochwasser in Hamburg und Schnee in Bayern, Sachsen und Thüringen: Mit heftigen Wetter-Turbulenzen hat der November in Deutschland Einzug gehalten.

In der Nordsee geriet am Mittwoch vor Borkum ein Schiff in Seenot, vor der norwegischen Küste trieb eine Bohrplattform mit 75 Menschen im aufgewühlten Meer. Auf der Ostsee zwischen den schwedischen Inseln Öland und Gotland ist der 155 Meter langer Frachter „Finnbirch“ mit 14 Besatzungsmitgliedern gekentert. Dreizehn von ihnen konnten bis zum späten Abend geborgen werden, ein Mann starb im Krankenhaus, für den verletzten vermißten Seemann gibt es keine Hoffnung mehr.

Riesenglück hatten vier niederländische Seeleute: Sie überlebten in ihrem 19 Meter langem Rettungskreuzer, obwohl ihr Schiff drei Mal in der tobenden See vor Borkum durchgekentert war.

Orkan im Norden - Schnee und Glätte im Süden

Bis 17 Meter hohe Wellen

Die Wetterverhältnisse vor Ort waren extrem schwierig. Auf See herrschten Windstärken von 9 bis 12 Beaufort. Nach Angaben des Bundesamtes für Seeschifffahrt und Hydrographie (BSH) in Hamburg wurden in der Nacht im Seegebiet nördlich von Borkum im Durchschnitt 10 Meter hohe Wellen gemessen. Einzelne Wellen hätten sogar 16 bis 17 Meter erreicht.

Fast hätten die Retter ihr Leben verloren, als sie in der aufgewühlten See anderen in Not zur Hilfe eilten. Das niederländische Rettungsboot „Anna Margaretha“ war auf dem Weg zum havarierten Küstenmotorschiff „Cementina“. Das 100 Meter lange Schiff trieb wegen einer defekten Ruderanlage vor Borkum. Die Wellen machten den Rettungskreuzer zu ihrem Spielball. Die vier niederländischen Seeleute wurden nach dem Durchkentern ihres Schiffes vorübergehend vermißt. Erst Stunden später meldeten sie sich per Handy bei ihrer Einsatzstelle, nachdem ihr Funk ausgefallen war. Sie konnten gerettet werden. Bis auf einige kleinere Verletzungen sind alle wohlauf. Auch die Besatzung der „Cementina“ wurde geborgen.

Der schwedische Frachter „Finnbirch“ ist am Mittwoch abend gekentert und wenige Stunden später untergegangen. Unmittelbar nach dem Sinken des 155 Meter langen Schiffes begann bei orkanartigem Sturm und fast fünf Meter hohen Wellen ein dramatischer Wettlauf um das Leben der 14 Besatzungsmitglieder. Dreizehn von ihnen konnten von einem Hubschrauber geborgen werden. Der zuletzt geborgene Mann erlag jedoch später im Krankenhaus von Kalmar seinen Verletzungen. Für den letzten noch vermißten Seemann gibt es nach mehr als zehn Stunden im eiskalten Wasser keine Hoffnung mehr. Die Suche wurde eingestellt. Die zehn Philippiner und vier Schweden hatten zuvor stundenlang unter akuter Lebensgefahr auf der Seitenfläche ihres Schiffes vergeblich auf Rettung gewartet. Als wahrscheinliche Ursache für das Unglück galt eine Verschiebung der Last.

Im Südosten brach der Winter ein

Kälte und Glatteis machten am frühen Donnerstagmorgen vielen Menschen vor allem im Südosten Deutschlands das Leben schwer. Bayern und das sächsische Erzgebirge waren besonders betroffen.

In Teilen Bayerns ging auf glatten Straßen zeitweise gar nichts mehr. Nach Unfällen wurden die Autobahn 9 und die A93 in Fahrtrichtung Süden teilweise gesperrt. Es bildeten sich kilometerlange Staus. Plötzlich auftretende Schneeglätte führte zu mehreren kleineren Unfällen geführt, sagte ein Polizeisprecher. Viele Auto- und Lastwagenfahrer waren - wie immer - auf die winterlichen Straßenverhältnisse nicht ausreichend vorbereitet. Auf der A93 war ein Lastwagen bei Selb umgekippt und hatte die Durchfahrt versperrt.

Auch im sächsischen Erzgebirge kämpften Lastwagenfahrer mit Glatteis. Beim Grenzübergang Altenberg nach Tschechien stellten sich mehrere Lastwagen quer. Die Strecke wurde daraufhin für Lastwagen gesperrt. Auf dem höchsten Berg in Sachsen, dem Fichtelberg, hatte es am Mittwoch erstmals geschneit. Am Mittwochabend meldete der Deutsche Wetterdienst fünf Zentimeter Schnee. Dazu wehte ein kräftiger Wind, der in Böen fast Orkanstärke erreichte.

Containerschiff losgerissen

Der erste schwere Herbststurm mit Windgeschwindigkeiten bis 156 Kilometern pro Stunde hat an Land jedoch deutlich geringere Schäden angerichtet als zunächst befürchtet. Der Wasserstand im Hamburger Hafen fiel mit 2,58 Metern über dem mittleren Hochwasser geringer aus als erwartet. Das Bundesamt für Seeschifffahrt und Hydrographie (BSH) war von drei Metern und erheblichen Überschwemmungen im Hafen ausgegangen. (Siehe auch: Video: Sturmflut in Hamburg)

In der Nacht zu Mittwoch hatte sich im Hamburger Hafen ein Containerschiff losgerissen, das mit Hilfe eines Schleppers aber wieder gesichert werden konnte, berichtete die Feuerwehr. Niedrig gelegene Teile des Fischmarktes in Hamburg-Altona wurden überschwemmt. Die Flut zerstörte eine Großbaustelle am Stauwehr in der Elbe bei Geesthacht in Schleswig-Holstein, Menschen wurden nicht verletzt.

Schnee auf dem Brocken

Eine der schwersten Sturmfluten der vergangenen 100 Jahre war am Mittwoch über die Küste Ostfrieslands gefegt. Mit Geschwindigkeiten bis zu 145 Stundenkilometern waren die Orkanböen der Tiefs „Britta“ in der Nacht über die Insel Borkum gerast. Fähren in Niedersachsen stellten ihren Betrieb ein. Im Landkreis Friesland fiel die Schule aus. Bei Braunschweig durchbohrte ein Ast eines umstürzenden Baumes die Frontscheibe und das Armaturenbrett eines Busses. Fahrer und Fahrgäste kamen mit dem Schrecken davon. Auf dem Brocken im Harz lagen am Mittwoch bei minus 2,5 Grad fünf Zentimeter Schnee.

An der deutschen Ostseeküste sorgte der Sturm für eine leichte Sturmflut. Schäden an den Hochwasserschutzanlagen wurden bis zum Abend aber nicht verzeichnet.

Vor der norwegischen Küste riß sich in der Nacht eine Bohrplattform mit 75 Menschen an Bord von mehreren Schleppern los. Es bestehe keine Gefahr für die Besatzung, teilte die Rettungszentrale bei Stavanger mit. In Südschweden waren 55.000 Haushalte ohne Strom. Im Bezirk Norrland verbrachten tausend Passagiere, deren Züge im Schnee stecken geblieben waren, die Nacht in ihren Abteilen. In Dänemark wurde die 20 Kilometer lange Brücke über den Großen Belt für Autos gesperrt. Die wichtige Verkehrsverbindung zwischen dem Festland und der Hauptstadt Kopenhagen konnte auch von Zügen nur auf einer Spur genutzt werden.

Quelle: FAZ.NET mit Material von dpa, AFP, AP
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