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Dienstag, 18. Juni 2013
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Sturm „Sandy“ tobt an Amerikas Ostküste

 ·  Offiziell ist „Sandy“ kein Hurrikan mehr, sondern nur noch ein Sturm. Die Schäden sind trotzdem gewaltig. Straßen stehen unter Wasser, Hunderttausende Menschen sind geflohen. Fast eine Million Menschen haben keinen Strom mehr. In New York ist eine Hausfassade eingestürzt.

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© REUTERS Ein Polizeiauto im Hafen von Brooklyn.

An der amerikanischen Ostküste hat der Wirbelsturm „Sandy“ mit Überflutungen und massiven Stromausfällen katastrophale Zustände ausgelöst. Der Wirbelsturm zog am Montagabend (Ortszeit) seine Bahn vom Meer in den Süden des Bundesstaates New Jersey hinein. Er peitschte Wasser durch die Straßen, Teile der Strandpromenaden wurden beschädigt. Auch in anderen Küstenabschnitten machte sich „Sandy“ mit sintflutartigen Regenfällen, hohem Wellengang und Überflutungen bemerkbar. Dabei gilt „Sandy“ offiziell nicht mehr als Hurrikan, sondern wurde zu einem „post-tropischen Sturm“ herabgestuft.

Selbst in der Millionenmetropole New York hat der Sturm schwere Schäden aus, obwohl der Weg des Sturmzentrums weit daran vorbeiführt. Die New Yorker Feuerwehr meldete den Einsturz einer Hausfassade an der 8. Avenue, dabei sei niemand verletzt worden. An der West Side kippte ein Baukran um. Vorsichtshalber waren Schulen, Behörden und öffentliche Einrichtungen bereits am Montag geschlossen geblieben. Die Wall Street machte wegen des Sturms erstmals seit dem 11. September dicht. Busse fuhren nicht, und die U-Bahn wurde ebenso wie viele Straßentunnel aus Angst vor Überflutung gesperrt. Viele New Yorker meldeten Stromausfälle.

Der Gouverneur des Bundesstaates Maryland hatte die Menschen in seinem Bundesstaat am Montag davor gewarnt, dass es Tote geben werde. „Sandy“ werde 24 bis 36 Stunden über Maryland hängen, sagte Martin O’Malley. „Die nächsten Tage werden schwer werden. In diesem Sturm werden Menschen sterben.“

Die Bundesbehörden in Washington würden am Dienstag wegen des Unwetters den zweiten Tag in Folge geschlossen bleiben, teilte die Personalverwaltung der amerikanischen Regierung mit. Das auf Risikobewertungen spezialisierte Unternehmen Eqecat schätzte, dass 60 Millionen Menschen in den Vereinigten Staaten von dem Sturm betroffen sein könnten. Nach Angaben des Verteidigungsministeriums waren am Montag 1900 Soldaten der Nationalgarde wegen „Sandy“ im Einsatz. Weitere 60.000 Mann seien in Bereitschaft versetzt worden, um im Katastrophenfall zu helfen. Auch 140 Hubschrauber stünden für Rettungsbemühungen zur Verfügung.

Mehr als 1100 Kilometer lang ist der Küstenstreifen von Maine bis nach South Carolina, der die Auswirkungen von „Sandy“ zu spüren bekommen könnte. Hunderttausende Menschen wurden angewiesen, sich in Sicherheit zu bringen. Neben Starkregen und Überschwemmungen warnten Meteorologen in höheren Lagen auch vor massiven Schneefällen. Die heftigen Winde könnten vor allem in ländlichen Gebieten die oberirdischen Stromleitungen zum Einsturz bringen und zu tagelangem Elektrizitätsausfall führen.

Hunderttausende ohne Strom

Entlang der Ostküste sind Entlang der wind- und regengepeitschten Ostküste waren bis dahin bereits mehr als eine Million Menschen ohne Strom. Energieversorger hatten mehr als 10.000 Arbeiter im Einsatz, um umgestürzte Bäume von Stromleitungen zu entfernen.

In New York stürzte ein Baukran auf einem Hochhaus um; das Gebäude musste evakuiert werden. Da war „Sandy“ allerdings noch Stunden von der Küste entfernt. Nach Einschätzung des Hurrikanzentrums in Florida sollte das Auge des Sturms im Laufe des Abends (Ortszeit) gute 100 Kilometer südlich von New York die Küste erreichen. Der Sturm bewegte sich zuletzt mit etwa 30 Meilen in der Stunde auf die Küste zu. Die Winde in seinem Wirbel erreichten aber in der Spitze 150 Kilometer in der Stunde, später noch 135 Kilometer in der Stunde.

„Das Schlimmste kommt noch“, hatte der New Yorker Gouverneur Andrew Cuomo die Menschen in seinem Bundesstaat am Montagabend gewarnt. Sein Kollege aus New Jersey, Chris Christie, bereitete die Bürger auf Stromausfälle vor. „Einige Leute werden hier für lange Zeit ohne Elektrizität sein“, sagte er dem Nachrichtensender CNN. „Wir sind erst am Anfang des Sturms.“ Der Küstenstaat Delaware, der mitten in der vorhergesagten Schneise von „Sandy“ liegt, erließ für alle Straßen ein vollständiges Fahrverbot. Ausnahmen gelten nur für Rettungsfahrzeuge.

Wetterexperten befürchten, dass der Hurrikan im Nordosten der Vereinigten Staaten auf einen Wintersturm stoßen könnte. Diese Kombination könnte zum schwersten Unwetter seit August 1991 führen. Damals tötete Hurrikan „Bob“ an der Ostküste vier Menschen und verursachte von South Carolina im Süden bis Maine im Norden hohe Schäden.

Notstand im Wahlkampf

Vor der Präsidentenwahl am 6. November gefährdet „Sandy“ auch Terminpläne im Endspurt des Wahlkampfs. Präsident Barack Obama rief für die Millionenmetropolen Washington und New York sowie die Bundesstaaten Maryland und Massachusetts den Notstand aus. Er sprach von einem gefährlichen Sturm. Bewohner sollten den Warnungen der Behörden folgen. Zwar stünden Lebensmittel, Wasser und Notstromaggregate bereit, sagte Obama am Montag. Doch er warnte: „Das wird ein schwieriger Sturm werden.“

Die Menschen in den betroffenen Bundesstaaten deckten sich vorab mit Vorräten ein. Knapp wurden Wasserflaschen, Lebensmittel in Dosen, Taschenlampen und Batterien. In New York, Washington und Philadelphia wurden die öffentlichen Verkehrsnetze stillgelegt. Schulen, Unis, Büros, Läden, Lokale oder auch Theater blieben geschlossen. Die Vereinten Nationen sagten ihren Betrieb für Montag ab.

Um die Sicherheit der Händler und Angestellten nicht zu gefährden, ordnete die amerikanische Wertpapieraufsichtsbehörde SEC in New York an, dass die bekanntesten Börsen der Welt, die New York Stock Exchange (NYSE) und die elektronische Börse Nasdaq, am Montag und auch am Dienstag geschlossen bleiben.

„HMS Bounty“ in Not

Vorboten von „Sandy“ bekam der Dreimaster „HMS Bounty“ zu spüren, ein Nachbau des legendären Schiffs aus dem 18. Jahrhundert. Er geriet vor North Carolina in Seenot. Alle Besatzungsmitglieder seien am Montag mit Überlebensanzügen und Rettungswesten in zwei Rettungsboote gestiegen, teilte die amerikanische Küstenwache mit. Bei einer Rettungsaktion mit zwei Hubschraubern wurden zunächst 14 von ihnen gerettet, eine weitere Frau später, der Kapitän allerdings blieb erst vermisst.

Die Schiffe der Navy, die im Hafen Norfolk im Bundesstaat Virginia liegen, wurden verlegt. 61.000 Mitglieder der Nationalgarde waren in Katastrophen-Bereitschaft. Vielerorts sicherten Menschen ihre Häuser mit Brettern und Sandsäcken. New Yorks Bürgermeister Michael Bloomberg forderte am Sonntag 375.000 Bewohner auf, ihre Häuser zu verlassen - vor allem in den niedriger gelegenen Stadtteilen im Süden Manhattans, darunter das bekannte Viertel Tribeca.

Auch für Inseln vor New York sowie für die Bewohner von Inseln vor New Jerseys Küste wie Long Beach Island gab es Evakuierungsbefehle. Vielerorts wurden Klassenräume zu Notunterkünften.

In der Karibik hatte „Sandy“ nach jüngsten Angaben 67 Menschen in den Tod gerissen.

Airlines streichen Flüge nach Amerika

Am größten deutschen Flughafen in Frankfurt sind am Montag wegen des Hurrikans „Sandy“ bereits zwölf Flüge in die Vereinigten Staaten gestrichen worden. Betroffen seien Passagiere mehrerer Airlines, sagte ein Sprecher des Flughafenbetreibers Fraport. Die meisten der Maschinen sollten in Richtung New York abheben, abgesagt wurden auch Flüge nach Boston, Washington und Philadelphia. Fluggästen riet der Sprecher, sich bei ihren Fluggesellschaften zu informieren.

Auch der Flugplan der Deutschen Lufthansa wird wegen des Hurrikans durcheinander gewirbelt. Deutschlands größte Airline streicht am Montag neun Flüge aus Deutschland in die Vereinigten Staaten. Am Dienstag sollen vier weitere Maschinen am Boden bleiben. Damit soll es dann aber auch genug sein. Aktuell rechnet die Airline nicht mit weiteren Behinderungen durch den vor der amerikanischen Ostküste tobenden Sturm.

Höhere Gewalt - keine Schadenersatzforderung

Am Montag fallen Flüge von Frankfurt, München und Düsseldorf nach New York, Boston und Washington aus. Die amerikanischen Flughäfen seien geschlossen, begründete ein Lufthansa-Sprecher diesen Schritt. Am Dienstag nimmt die Airline Abflüge aus Frankfurt, München und Düsseldorf nach New York vom Flugplan. Die Fluggäste werden auf spätere Flüge umgebucht.
Der Kranich-Airline kann den entstehenden Schaden derzeit nicht beziffern. Da es sich hier aber um höhere Gewalt handele, werde nicht mit Schadenersatzforderungen gerechnet, sagte ein anderer Sprecher. (dpa)

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