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Spanien Nichts grünt mehr grün

01.07.2005 ·  Die Iberische Halbinsel leidet unter einer "Jahrhundertdürre" - und dabei hat der Sommer erst begonnen. Die Folgen lassen sich nicht nur am fallenden Wasserspiegel ablesen, sondern sind nahezu überall im Land zu spüren.

Von Leo Wieland, Toledo
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Der Tajo, der Toledo mit seinem nassen Arm umfängt, ist stellenweise so seicht, daß die Fische nach Luft schnappen. Doch nicht nur sie leiden zu Anfang der mediterranen Feriensaison unter einer unbarmherzigen Sonne aus zumeist wolkenlosem Himmel. Was auf der Iberischen Halbinsel schon den Namen einer Jahrhundertdürre verdient hat - es ist die schlimmste seit mehr als 60 Jahren -, läßt inzwischen in Spanien wie in Portugal Mensch und Vieh aufstöhnen. Dabei hat der Sommer, dem die beiden traditionell heißesten und trockensten Monate noch mit „glänzenden“ Wettervorhersagen für den Tourismus bevorstehen, erst begonnen.

Weil im vergangenen Dreivierteljahr ein gutes Drittel weniger Regen fiel als im Durchschnitt, ist der Wasserspiegel der wichtigsten Stauseen auf die Hälfte und der der wichtigsten Flüsse - vom Ebro über den Duero bis zum Tajo - um zwischen 20 und 40 Prozent gesunken. Die Folgen sind nahezu überall zu spüren, wenn auch mit unterschiedlicher Intensität. In der Mitte der kastilischen Hochebene, wo sich der Wachstumsmoloch Madrid wie eine Betontortilla in alle Windrichtungen ausbreitet, wird das „britische Entwicklungsmodell“ diskutiert. Das sind die wohlhabenden Vororte mit Wüstenklima und Chalets mit Rasen, Swimmingpool und Dutzenden naher Golfplätze, die in sorgloser Dynamik der Sierra entgegenstreben.

Die Bauern fürchten um ihre Ernte

Am Mittelmeerbogen von Katalonien bis zur Costa del Sol sind Influx und Expansion bei immer knapperen Wasserreserven ähnlich ungebrochen. Allein in der Region Valencia, die im vergangenen Jahrzehnt vorwiegend für sonnenhungrige Ausländer 800.000 Wohnungen baute, sind für die nächsten zehn Jahre eine weitere Million (mit 90 Golfplätzen) vorgesehen. Weiter südlich fürchten in den Zitrusplantagen und Gemüsegärten von Murcia, einer der wettbewerbsfähigsten landwirtschaftlichen Regionen der Europäischen Gemeinschaft, die Bauern aus Wassermangel um ihre Ernte.

Anderswo wurden Getreidefelder zur Sicherheit schon geschnitten, als die Ähren noch halb grün waren. Und drüben im ärmeren, während der vergangenen Jahre schon von verheerenden Waldbränden gebeutelten Portugal warnen die Bauern, daß ihre Ernten schon „abzuschreiben“ seien und es nun darauf ankomme, Kühe, Ziegen und Schafe vor dem Verdursten zu bewahren. Weil der aus Spanien einfließende Duero weniger als die vertraglich vereinbarte Wassermenge in sein portugiesisches Delta trägt, hat der Nachbar von der Madrider Regierung sechs Millionen Euro Schadensersatz verlangt. Diese ziert sich mit Hinweis auf höhere Gewalt und benutzt im Solidaritätsschriftverkehr mit den EU-Behörden in Brüssel schon den Begriff „Naturkatastrophe“, um lindernden Ausgleich aus europäischen Fonds zu beantragen. Die bis dato errechneten Schäden und Einnahmeausfälle werden in Spanien auf bis zu vier und in Portugal auf bis zu zwei Milliarden Euro beziffert. Die 250 Millionen aus dem Gemeinschaftstopf, von denen von Oktober an die Rede ist, nehmen sich dagegen aus wie ein Tropfen auf den heißen Stein.

Die Strandduschen werden abgedreht

Lange ist das Thema Wasser auf der nur begrenzt umweltbewußten Iberischen Halbinsel nicht so stark in die Debatte geraten. Aber wenn der Druck in der Wasserleitung sinkt, die Strandduschen zum Teil abgedreht werden, die Tankwagen ganze Ortschaften mit Trinkwasser versorgen müssen und in andalusischen Olivenhainen Brunnen so tief wie für Erdöl gegraben werden, sind eben viele Bürger unmittelbar betroffen. Das gilt auch für die Touristen, denen die Behörden versichern, es gebe noch keinen Grund zu einem Wasseralarm. Aber auch die spanischen Medien nehmen aus gegebenem Anlaß die Gelegenheit wahr, zu fragen, warum in Madrid der Kubikmeter noch immer nur ein Viertel des Preises in Hamburg kostet oder warum ein ganzes Fünftel des spanischen Wassers in defekten Leitungen verlorengehe, während es in dem viel regenreicheren Deutschland nicht einmal zehn Prozent seien.

Während die zunehmende Versteppung der Iberischen Halbinsel vor dem Hintergrund einer Klimaveränderung mit höheren Temperaturen, längeren Dürreperioden sowie geringeren und dann abrupten Niederschlägen vom Umweltministerium und wissenschaftlichen Instituten mit Fakten und Argumenten erörtert wird, spielt daneben die Politik eine häufig parteiisch eigensüchtige Rolle. Das große Projekt einer teilweisen Umleitung des Ebrowassers nach Süden, welches die konservative Regierung Aznar schon begonnen hatte, wurde von dem sozialistischen Nachfolger Zapatero gestoppt. Lag das nur daran, daß die inzwischen auch sozialistische Regierung Kataloniens sich um eine Versalzung des Deltas Sorgen machte, oder auch daran, daß in den Regionen Valencia und Murcia noch die Volkspartei bestimmt?

Ein Kompromiß von 82 Hektokubikmetern

Am Freitag mußte die Madrider Regierung nun als Schiedsrichter darüber entscheiden, wieviel Wasser in den nächsten drei Monaten aus dem Tajo über einen Kanal in den Segura-Fluß nach Murcia umgeleitet werden soll. Der sozialistische Ministerpräsident Barredo in Toledo wollte ausschließlich etwas „Trinkwasser“, aber „keinen Tropfen zum Gießen“ abgeben. Er hatte zuvor schon einen „Spionagehubschrauber“ in die Nachbarregion entsandt, aus dessen Luftaufnahmen er schloß, daß die Obstgärten im Süden noch ausreichende Vorräte hätten.

Der konservative Ministerpräsident von Murcia Valcarcel hatte in seiner Empörung dem knauserigen Nachbarn daraufhin ein „Umweltverbrechen“ für den Fall vorgehalten, daß seine Zitronenbäume eingehen, die Melonen verdorren und das wirtschaftliche Wachstum „um Jahre zurückgeworfen“ würden. Der Kompromiß von 82 Hektokubikmetern - ein bißchen mehr als der eine abgeben und der andere haben wollte - ist nur ein Vorspiel auf die ohne Hilfe von oben noch drohenden Verteilungskämpfe in einem Spanien zunehmend egoistischer und vom Virus des „Nationalismus“ angekränkelter Provinzen.

Expo 2008: „Wasser und nachhaltige Entwicklung“

Derweil kalkulieren neben den Bauern auch die Industrie und besonders die Energiewirtschaft ihre Einbrüche bei Wasserkraftwerken ohne Wasser. Die Rufe nach mehr Atomstrom wurden bislang nicht lauter, weil ein Kernkraftwerk schon aus Mangel an Kühlwasser abgeschaltet werden mußte. Nur in der aragonesischen Hauptstadt, wo sich der nicht umgeleitete Ebro mit vermindertem Volumen unter den Brücken Saragossas dahinschleppt, glauben die Stadtväter bei aller Misere mit einem Projekt einen wirklich guten Griff getan zu haben: der Expo 2008 zum Thema „Wasser und nachhaltige Entwicklung“.

Quelle: F.A.Z., 02.07.2005, Nr. 151 / Seite 9
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Jahrgang 1950, politischer Korrespondent für die Iberische Halbinsel, Marokko und Tunesien mit Sitz in Madrid.

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