24.10.2006 · Zwanzig Jahre nach dem katastrophalen Chemieunfall bei Sandoz lebt der Rhein wieder. Viele Schadstoffe sind kaum noch nachzuweisen. Auf die Fische lauern inzwischen andere Gefahren.
Nur der Stör fehlt noch. Alle anderen Fischarten haben sich, zwanzig Jahre nach dem verheerenden Unfall im Baseler Chemieunternehmen Sandoz, wieder im Rhein eingefunden. Die meisten von ihnen sind sogar wieder eßbar. Nur im Aal ist die Schadstoffbelastung noch zu hoch. Im Rückblick war die Umweltkatastrophe beinahe ein Segen für Vater Rhein. Der zuvor als Kloake Europas verschrieene Strom ist heute ein lebendiger Fluß. „Erst Sandoz hat wirklich auf die chronische Belastung aufmerksam gemacht“, sagt Fritz Holwarth, der Präsident der Internationalen Kommission zum Schutz des Rheins (IKSR).
Beim Brand einer Lagerhalle am 1. November 1986 waren tonnenweise Schädlings- und Unkrautbekämpfungsmittel mit dem Löschwasser in den Fluß geschwemmt worden. Die rot gefärbte Giftwelle tötete auf ihren ersten Kilometern rheinabwärts die gesamte Pflanzen- und Tierwelt. Die Konzentration war so hoch, daß noch im Mittel- und Unterrhein massenhaft Fische starben. Das Trinkwasser entlang des Stroms wurde vorübergehend knapp, weil an manchen Stellen bis zu drei Wochen lang kein Rheinwasser entnommen werden konnte.
Andere Risiken treten in den Vordergrund
Viele Milliarden Euro wurden seitdem in den Bau von Kläranlagen investiert; Kraftwerke und Industrieanlagen mußten die Einleitung gefährlicher Abwässer stoppen; verschärfte und harmonisierte Vorschriften gegen Störfälle sollen ein neues Sandoz verhindern. Nach menschlichem Ermessen sei ein ähnlich folgenreicher Unfall heute undenkbar, sagt Holwarth. Die Grundbelastung mit vielen Schadstoffen liegt mittlerweile um siebzig Prozent unter dem Niveau vor der Katastrophe. Manche Substanzen, die noch in den achtziger und neunziger Jahren Flora und Fauna bedrohten, sind gar nicht mehr nachweisbar. Dafür treten jetzt andere Risiken wie die wachsende Hochwassergefahr in den Vordergrund. Auch der Schadstoffeintrag aus der Landwirtschaft ist keineswegs unter Kontrolle. „Am Rheinwasser läßt sich feststellen, wann die Weinberge am Neckar gespritzt werden“, sagt Holwarth.
Ganz andere Gefahren drohen den Lachsen, die in diesen Wochen den Strom und seine Nebenflüsse hinaufwandern. Viele von ihnen landen im Netz oder an der Angel, bevor sie ihre Laichplätze erreichen. Offenbar werden im niederländischen Rheindelta illegal größere Mengen gefangen und teuer als Wildlachs verkauft. „Wir sind da dran, auch die niederländischen Behörden haben die Vorfälle aufgegriffen“, so Holwarth. Machtlos allerdings sind die Rheinschützer gegen die Treibnetze, mit denen irische Fischer trotz EU-Verbots noch immer auf Lachsfang im Atlantik gehen. Die Folgen sind am Rhein zu sehen: Seit zwei Jahren geht die Zahl der Wanderlachse dort wieder zurück.