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Rhein-Niedrigwasser Die Hungersteine liegen frei

21.07.2003 ·  Am Rhein beklagen die Binnenschiffer die Trockenheit - die Winzer sehen einem guten Herbst entgegen.

Von Eckhart Kauntz, Mainz
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Früher war auf den Rhein Verlaß. Pünktlich zu den Herbstferien verlor der Fluß seine Scham und gewährte tiefe Einblicke in sein Inneres. Ganze Schulklassen zogen unter der Anleitung von profilhungrigen Kommunalpolitikern dann an die Ufer und nutzten den niedrigen Wasserstand zur Entrümpelung. Heuer fällt der Herbst mitten in den Sommer. Die Schneeschmelze in den Alpen, die ansonsten den Rhein bis in den Sommer hinein ausreichend mit Wasser versorgt, setzte dank hoher Temperaturen schon im zeitigen Frühjahr ein - und lief entsprechend früher aus. Der Rhein kennt nun keine Schamfrist mehr. Im Hochsommermonat Juli hat der Fluß bereits die Hungersteine bei Bingen und Oberwesel freigelegt, und er strunzt mit Stränden, deren Existenz seine Anlieger bereits vergessen hatten. Familienverbände mit Kind, Kegel und Sonnenschirm säumen die Ränder des zusehends mickrig daherkommenden Flusses und suchen Erquickung in dem Wasser, das bei Temperaturen bis zu 27 Grad sich so warm anfühlt wie das Mittelmeer. Wegen des fast lückenlosen Netzes der Abwässerreinigung am Rhein und an seinen Nebenflüssen aber läßt er manches Gestade südlich der Alpen hinsichtlich der Wasserqualität sogar trübe ausschauen. Am Pegel in Mainz, der nach einem Tiefstand von 1,7 Meter in diesem Sommer mittlerweile wieder die Zwei-Meter-Marke überschritten hat, sich aber gegenüber dem Mittelwasser von 3,72 Meter immer noch außerordentlich niedrig präsentiert, wird derzeit ein Sauerstoffgehalt von 6,7 Milligramm pro Liter gemessen. Für Hans-Bernd Elwart, den Leiter der Abteilung Wasserwirtschaft im Mainzer Umweltministerium, ist das ein Ausweis der inzwischen erreichten Güte des Rheinwassers. "Noch bis in die achtziger Jahre hatten wir bei einer Wassertemperatur von 27 Grad kaum noch Sauerstoff im Rhein feststellen können."

Die Binnenschiffer betrachten den heißen und trotz der Regenfälle der letzten beiden Tage zugleich auch bisher extrem trockenen Sommer mit Sorgen. Die zu anderen Zeiten bis an das höchste Bord beladenen Schiffe würden bei voller Auslastung auf Grund laufen. Der Rhein, der als Wasserschiffahrtsstraße in den letzten Jahren seine Rolle als Verkehrsträger für Schüttgut, Mineralölprodukte und Container ausgebaut hat, erfordert alle Aufmerksamkeit der Kapitäne. Bei Kaub müssen sich schwächer motorisierte Lastkähne der Hilfe von Schleppern bedienen, um flußaufwärts gegen die Strömung im engen Bereich der Fahrrinne am Binger Loch durchzukommen. Viele Schiffe auf dem Rhein ragen wegen des gebotenen Teillastbetriebes ungewohnt hoch aus dem Rhein hervor und zeigen sich so größer und mächtiger als gewohnt, bringen ihren Eignern aber weniger Einkommen. Erste Vergleiche mit der Situation von 1947 werden gezogen. Damals aber stand der Pegel in Mainz bei 1,10 Meter. Dank der reichlichen Niederschläge der vergangenen Winter hat die Trockenheit bisher nicht zu einer Versorgungslücke beim Grundwasser geführt. Derzeit werden, wie es im Mainzer Umweltministeriums heißt, etwa 20 Prozent des überschüssigen Grundwasservorrates genutzt. Die kommunalen Wasserversorger haben ihre Gebühren auf der Grundlage eines niedrigeren Absatzes kalkuliert und können durch die hitzebedingte zusätzliche Nachfrage an Wasser, der kaum zusätzliche Kosten gegenüberstehen, auf unerwartete Einnahmen hoffen.

Anders als die Getreide- und Kartoffelbauern, die teils erhebliche Verluste bei Quantität und Qualität ihrer Produkte haben hinnehmen müssen, sehen die Weinbauern am Rhein und an seinen Nebenflüssen einem guten Herbst entgegen. Der Verband der Prädikatsweingüter Deutschlands spricht von einem Vegetationsvorsprung von zwei bis drei Wochen. In Franken hat der Winzer Paul Fürst bereits am 7. Juli die ersten Blaufärbungen beim Frühburgunder festgestellt, ein außergewöhnliches Ereignis, das selbst im heißen Sommer des Jahres 2000 nicht zu verzeichnen war. Die Sonnenscheinstundenanalyse der Fachhochschule in Geisenheim ergibt für das erste Halbjahr 2003 mit 1140 Stunden einen Wert, der im Durchschnitt der Jahre erst Ende August erreicht wird. Deshalb sind Pilzkrankheiten oder die gefürchtete Peronospera in diesem Jahr bisher kein Thema gewesen. Gepflegte Weinberge mit guter Humusversorgung lassen auch in den nächsten Wochen, sollte die trockene Witterung anhalten, keinen Trockenstreß bei den tief wurzelnden Reben erwarten. Erste Hagelschäden an der Nahe und in Württemberg allerdings zeigen, daß auch ein schöner Sommer die Erwartungen der Winzer nicht immer zu erfüllen vermag. Daß bis zur Ernte noch viel passieren kann, weiß auch Michael Prinz zu Salm-Salm, der Präsident der Vereinigung der Prädikatsweingüter Deutschlands: "Ohne viel Mühe wird es auch in diesem Jahr nicht gehen, wenn man Spitzenqualität ernten möchte."

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 22.07.2003, Nr. 167 / Seite 9
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