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Pflanzenprojekte von Tita Giese Zwischen dem Pflaster das Grün

 ·  Tita Giese will nicht Gärtnerin sein und nicht Künstlerin. Aber sie verwandelt urbane Resträume in verwunschene Orte – von Landschaftsgärtnern und Grünflächenämtern hält sie nichts.

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© Edgar Schoepal Keine Angst vor Yucca-Palmen: Tita Giese bringt den öffentlichen Raum nicht nur in Düsseldorf zum Blühen.

Auf dem Firmenschild steht „Tita Giese“. Nichts weiter. Tita Giese steht für sich. Schon am Telefon hat die resolute Stimme klargemacht, was die Giese alles nicht sein will. Keine Künstlerin, keine Gärtnerin und vor allem - ganz grässlich - keine Gestalterin. „Ich gestalte nichts. Ich arbeite mit Pflanzen.“ Wie sich also einer Frau nähern, die schon in vielen Städten mit gärtnerischer Raffinesse Kunstwerke schafft? Wie eine Frau bezeichnen, die trotzdem nicht Gärtnerin noch Künstlerin sein will?

Das Falttor der Einfahrt zum Hinterhof ist mit Spiegeln beklebt. So tritt, wer Einlass in den Versuchsgarten im Düsseldorfer Stadtteil Düsseltal begehrt, erst einmal sich selbst gegenüber. Das ist verwirrend. Aber dann steht die ganz in Schwarz gekleidete Tita Giese auch schon im mintgrün gestrichenen Durchgang und führt den Gast wortreich auf ihre erste Gartenbühne. Es ist ein weites Feld, auf dem kniehoch Schachtelhalm mit Farnen wächst und dazwischen Magnolien wie Säulen aufragen. „Mich interessiert die monochrome Fläche, der Stufeneffekt wie im Amazons-Regenwald. Was ich dann daraus mache, sind Tapeten.“

Tita Giese will die Stadt nicht verschönern, sie will die Stadt auch nicht begrünen. Das ist überhaupt ihr Lieblingshasswort: begrünen. Sie nimmt es gern in den Mund, um von Landschaftsgärtnern und Grünflächenämtern zu sprechen. „Wenn Landschaftsgärtner und Grünflächenamtsmitarbeiter bepflanzen, werfen sie erst einmal ihr Programm auf dem Computer an, geben die Fläche ein und legen auch noch fest, wo Halbschatten ist und so. Heraus kommen dabei immer dieselben Standardantworten: ein paar Dickmännchen, ein bisschen Kirschlorbeer, zwei Bäume und dazwischen Gras.“

Tita Gieses Hasswort: begrünen

In der Zeit von Joseph Beuys hat Tita Giese an der Düsseldorfer Kunstakademie studiert. Aber die Entdeckung ihres Lebens machte sie nicht an der Kunstakademie, sondern hinter dem heruntergekommenen Haus in Oberkassel, in dem sie mit ihrem Mann, dem 1974 gestorbenen Künstler Imi Giese, und weiteren WG-Genossen lebte. Im Hof lag Kopfsteinpflaster. Was zwischen den Steinen wuchs, beobachtete sie aufmerksam. Und sie begann, mit dem, was gemeinhin als Unkraut gilt, zu experimentieren. „Ich habe keine Ausbildung, ich probiere aus. Ich kann eigentlich nichts“, sagt Tita Giese ein wenig kokett.

Im Hinterhof also wuchs im Kleinen heran, was sie bis heute macht: Lücken in einer asphaltierten Stadt bepflanzen, unwirtliche in verwunschene Orte verwandeln. Es sind die Restflächen, die sie besonders faszinieren. Ihr erstes Projekt war eine Straßenzunge im Düsseldorfer Industriegebiet. Kaum hatte Tita Giese dort fertig gepflanzt, machte sie eine prägende Erfahrung mit der städtischen Begrünungsbehörde. Mitarbeiter des Gartenbauamts sprühten Unkrautvernichtungsmittel und zeigten sie an, weil sie die Baumbügel entfernt hatte.

Heute ist Tita Giese nicht nur in Düsseldorf etabliert. Mittlerweile hat sie Verkehrsinseln auf der Berliner Allee in der Landeshauptstadt mit Palmen, Bambus, Farnen, Efeu, Schilf und Rhabarber in einen kleinen Großstadtdschungel verwandelt. Zwischen der Markthalle und den Deichtorhallen in Hamburg hat sie eine Verkehrsinsel mit Bambus, Palmen und Gräsern bepflanzt. Gemeinsam mit den Architekten Herzog & de Meuron konzipierte sie einen aufsehenerregenden hängenden Garten in der Münchner Salvatorpassage. Und am Kottbusser Tor in Berlin plant Tita Giese hinter Glaswänden ein Sumpfbecken mit Schilf.

Präriegras im Rotlichtviertel

Eines ihrer aufsehenerregendsten Projekte findet sich auf dem Düsseldorfer Stresemannplatz, einem Nicht-Ort „zwischen Rotlichtviertel und Islamismus“, wie Tita Giese lächelnd sagt. Von allen Seiten rollen Autos, Busse, Lastwagen heran, Straßenbahnschienen zerschneiden den Raum. Der Verkehr lässt elf Restflächen von dem Platz übrig, von denen Tita Giese schwer angetan war. Der Stresemannplatz sei der richtige Ort für ihr Projekt „Mittelamerikanische Inseln“, fand sie. In den Favelas von Bogotá hatte sie gesehen, dass die Leute Yucca-Palmen in alte Autoreifen pflanzen. So kam sie auf die Idee, die Verkehrsinseln auf dem Stresemannplatz mit gestapelten Autoreifen einzufrieden und die Flächen mit Yuccas zu bepflanzen.

„Yuccas sind wirklich ideal. Sie gedeihen in der mexikanischen Hochebene, wo es im Sommer elendiglich heiß und im Winter eiskalt ist, sie müssen nicht gedüngt werden und vertragen den Schmutz.“ Zudem hat Tita Giese amerikanisches Präriegras auf ihrem Stresemann-Archipel eingesetzt. Das ist ebenfalls eine ziemlich zähe Pflanze, die extreme Trockenheit erträgt und eine erstaunliche theatralische Begabung hat. Das Gras wechselt im Jahresverlauf seine Farbe: Beige, Grün, Rot. Für ein Kunstobjekt hält Tita Giese ihre „mittelamerikanischen Inseln“ nicht. Alles bleibe Realität am Stresemannplatz. Doch nehme sie in Kauf, dass ihre Projekte am Ende besser seien als schlechte Kunst.

Das Geschwätz von Natürlichkeit ärgert sie

Ihre botanischen Experimente betreibt Tita Giese heute in einem weitläufigen Innenhof, den mehrstöckige Wohnhäuser bilden. Wo sonst Sandkästen, Schaukeln, Wäschespinnen, Mülltonnen, Gelbe Säcke, Fahrräder und Garagen den urbanen Hinterhaus-Mikrokosmos bilden, hat Tita Giese Versuchsparzellen angelegt. Sie züchtet keine Pflanzen, sie probiert nur aus. Wie man Mahonien oder Essigbäume beschneiden kann oder wie man Bambus so kultiviert, dass er nicht verbuscht, sondern in eleganten einzelnen Stäben den Raum vertikal zerteilt.

Auch mit Bodenbelag experimentiert Tita Giese. Ein Feld hat sie mit Miesmuschelschalen belegt, zwischen japanischem Zwergahorn liegen Eierbriketts, ein anderes Feld ist mit geschredderten CDs belegt. Und als sie vor ein paar Jahren an einem Laden für Karnevalsbedarf vorbeifuhr, kam ihr die Idee, im Herbst unansehnliche Stellen in ihrem Schachtelhalmfeld mit Konfetti statt mit Kies zu belegen. „Das funktioniert ganz hervorragend und stört auch die Regenwürmer nicht.“ Natürlich sei, was sie mache, „hochgradig künstlich“, sagt Tita Giese. Aber Gärten seien immer künstlich gewesen. Das ganze Geschwätz von Natürlichkeit ärgert sie sowieso. Immer wieder bekommt sie vorgehalten, dass sie keine heimischen Arten für ihre Projekte verwendet. „Aber kaum etwas in unseren Parks und Gärten ist heimisch. Kastanien und Platanen kommen aus dem Nahen Osten.“

Derzeit befasst sich Tita Giese mit einer der schwierigsten Düsseldorfer Restflächen. Die Böschungen des Kö-Grabens an der Luxusmeile sehen aus wie ein „gerupftes Huhn“, findet sie. Tatsächlich versucht die Stadt schon seit Jahren vergeblich, am Kö-Graben Rasen zu kultivieren. „Dass unter den dichten Kastanien- und Platanenkronen kein Rasen wachsen kann, ist doch klar. Das sind doch richtige Filzkugeln, weil es angeblich nicht natürlich ist, die Baume auszudünnen.“ Tita Giese schlägt vor, das Ufer mit hellem Kies zu belegen und dazwischen verschiedene Efeusorten zu pflanzen, die mit der Zeit eine Art Camouflage-Muster bilden. Den Oberbürgermeister hat sie schon begeistern können. Doch es regt sich auch Widerstand. Diesmal sind es Denkmalschützer, die zu wissen glauben, wie schon immer alles zu sein hatte.

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Jahrgang 1969, politischer Korrespondent in Nordrhein-Westfalen.

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