Home
http://www.faz.net/-guq-6vwbo
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Orkan über Deutschland Trotz Verwüstung - „Joachim ist kein Kyrill“

16.12.2011 ·  Wind, Schnee, Regen: Sturmtief „Joachim“ tobt sich über Deutschland aus. Die Orkanböen verursachten ein Verkehrschaos, Weihnachtsmärkte mussten schließen. Die Zukunft wird weiß.

Artikel Bilder (12) Lesermeinungen (1)
© dpa Orkan „Joachim“ hat sich am Freitag mit Sturm, Regen und Schnee über die Mitte Deutschlands Richtung Nordosten bewegt.

Orkan und Schnee haben Deutschland zum Start ins vierte Adventswochenende heimgesucht. Sturmtief „Joachim“ riss am Freitag auf seinem Weg durchs Land vielerorts Bäume um. Heftiger Regen überflutete im Hunsrück Straßen. Schnee stürzte Bayern, Thüringen und Teile Sachsen-Anhalts ins Winterchaos. Vor allem im Süden ließ der Sturm mit Stärke 12 die Muskeln spielen. Die befürchtete Schneise der Verwüstung blieb aber aus. „Joachim ist kein Kyrill“, sagte Dorothea Paetzold vom Deutschen Wetterdienst (DWD).

Bei Neuschnee und glatten Straßen waren die Staus im Sauer- und Siegerland bis zu 20 Kilometer lang. Auch in Thüringen häuften sich nach heftigem Schneefall Verkehrsprobleme. Bei Dutzenden Unfällen wurden mehrere Menschen schwer verletzt. In der Südwestpfalz und in Baden-Württemberg stoppten umgestürzte Bäume den Bahnverkehr zeitweise. Auf den Brocken im Harz fuhren vorsorglich ebenfalls keine Züge mehr. In Frankfurt am Main bremste „Joachim“ den Flugverkehr. An anderen Airports fielen Flüge aus. Vielen Schülern bescherte der Orkan dagegen „Sturmfrei“.

  1/11  
© dapd Schon am Vormittag gab es Orkanböen der Stärke 12, unter anderem im Schwarzwald.

Der DWD warnte vor Unwetter mit heftigen Schneefällen, Dauerregen und schwerem Sturm. Der Kern des Tiefs, in dem vergleichsweise moderate Böen der Stärke 7 wehten, zog vom Rheinland über das südliche Niedersachsen weiter zum Oderbruch. Die Stärke des Orkans „Kyrill“, der im Januar 2007 verheerende Schäden angerichtet hatte, erreichte „Joachim“ nicht. Am Nachmittag hob der DWD seine Unwetterwarnungen für das Saarland, Rheinland-Pfalz, Hessen und das nördliche Bayern wieder auf.

Schlechte Aussichten für weiße Weihnachten

Wenn „Joachim“ durchgezogen ist, soll es stürmisch bleiben und gleichzeitig deutlich kälter werden. Das verursacht am Wochenende weiße Winterpracht: Vor allem im Süden und Südosten sinkt die Schneefallgrenze bis ins Flachland. Danach wird es aber wieder milder - für weiße Weihnachten stehen die Aussichten laut DWD eher schlecht.

Auf dem Feldberg im Schwarzwald erreichten die Orkanböen eine Geschwindigkeit von bis zu 156 Stundenkilometern. Entwurzelte Bäume blockierten in Baden-Württemberg Bahnstrecken und Straßen. Im Südwesten des Schwarzwaldes wurden Regenfälle von bis zu 40 Litern pro Quadratmeter erwartet. Der Wetterdienst warnte unter anderem vor Erdrutschen. Bei Dauchingen entgleiste ein Nahverkehrszug, als er auf einen umgestürzten Baum fuhr. Verletzt wurde laut Polizei niemand. In Freiburg riss eine Sturmböe eine Fahrradfahrerin vom Rad, sie kam mit Kopfverletzungen ins Krankenhaus.

In Südthüringen passierten auf den winterlich weißen Straßen viele Unfälle. In Mönchsberg rutschte ein mit 15 Kindern besetzter Schulbus auf dem Weg zur Schule gegen eine Mauer. Kinder und Fahrer blieben unverletzt. Im Laufe des Tages entspannte sich die Lage wieder, wie ein Polizeisprecher sagte. „Die Straßen sind wieder schwarz.“

Geschlossene Weihnachtsmärkte

Für Rhein und Mosel gab es - nur wenige Wochen nach der November-Dürre - eine Hochwasserwarnung der rheinland-pfälzischen Behörden. In Rheinland-Pfalz standen wegen Starkregens viele Straßen unter Wasser. „Die Bäche neben den Straßen laufen einfach über“, sagte ein Polizeisprecher. In der Pfalz war nach dem Ausfall der Regionalzüge kein Notverkehr mit Bussen möglich, weil Bäume Straßen blockierten. Die Behörden rieten zudem von Waldspaziergängen ab.

In Neustadt/Weinstraße drehte eine Windböe einen Geländewagen aufs Dach - die vier Insassen wurden nach Polizeiangaben schwer verletzt. Die Autobahn 61 war am Vormittag nahe Alzey zeitweise voll gesperrt, da mehrere Anhänger umgeweht worden waren. Ein Lastwagen drohte gar von der Brücke zu fallen, wie die Polizei mitteilte.

In Saarbrücken wurden Bäume entwurzelt und Straßen sowie Keller überflutet. Baustellenschilder und Verkehrszeichen wurden umgeworfen, eine Ampel beschädigt. Zeitweise stoppten auch hier die Züge. In Friedrichshafen am Bodensee und im sächsischen Chemnitz wurden die Weihnachtsmärkte wegen des Sturms geschlossen. Auch der Augsburger Christkindlesmarkt blieb vorsorglich gesperrt.
Am größten deutschen Flughafen in Frankfurt gab es einzelne Verspätungen, aber keine Ausfälle. Zahlreichen Schülern bescherte „Joachim“ einen Frühstart ins Wochenende: Im hessischen Hanau etwa wurden alle Schüler nach der fünften Stunde nach Hause geschickt.

Stromausfall in Frankreich

In Berlin fiel bei starkem Wind der erste Schnee. Unterdessen erreichte die Schlechtwetterfront Tschechien und machte manche Straßen unpassierbar. Die Autobahn D8 in Richtung Dresden war am Freitag zeitweise blockiert, weil der Verkehr im Erzgebirge im Schneetreiben steckenblieb, meldete das tschechische Fernsehen.
Bei einem Ausläufer des Sturmtiefs kam im Südosten Spaniens ein Rentner ums Leben. Der 70-Jährige wurde nach Angaben der Behörden am Freitag in Almansa beim Einsturz des Dachs seines Wohnhauses von Trümmern erschlagen. Im Baskenland wurden neun Menschen unter anderem von herabstürzenden Teilen verletzt.
In Frankreich tobte sich „Joachim“ schon in der Nacht aus. In dem Sturm strandete vor der Südküste der Bretagne der unter Malta-Flagge fahrende Frachter „TK Bremen“. Die Behörden lösten Umweltalarm aus, da Öl auslief. Die Tanks sollten ausgepumpt werden. Der Frachter sei abgesehen von 220 Tonnen Treibstoff weitgehend leer.

In Westfrankreich fiel nach Regierungsangaben in rund 400.000 Haushalten der Strom aus, davon 100.000 in der Bretagne. In Straßburg blieb der Weihnachtsmarkt am Freitag zeitweise geschlossen - auf Anordnung der Stadtverwaltung. Um den 30 Meter hohen Weihnachtsbaum im Zentrum wurde eine Absperrung errichtet.
Auch in Großbritannien kehrte am Freitag der Winter ein, einige Flüge fielen aus. Im schottischen Glasgow wurden sechs Zentimeter Schnee gemessen, in Nordirland vier Zentimeter. Auch im Südosten der Region um London schneite es bei Temperaturen um den Gefrierpunkt.

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen