Bei Christine Hinken ist die offene Pforte eine verglaste Haustür. Sie hat gerade Besuch. Ein Blick von draußen ins Haus hinein und auf der gegenüberliegenden Seite wieder hinaus in Richtung Terrasse genügt, um das zu sehen. Die Leute, die um den gedeckten Holztisch zusammensitzen, könnten Freunde sein, vielleicht ihre Familie. Aber völlig Fremde?
„Wir kennen uns doch“, sagt Christine Hinken. „Nein? Egal.“ Sie steht im Gras und strahlt, als man ein paar Minuten später seine Skrupel überwunden hat und die Gruppe stört. „Setzen Sie sich zu uns!“ So wie die Gartenliebhaberin, die bereits den halben Samstagnachmittag in Hinkens Garten verweilt. Christine Hinken beschmiert in den nächsten paar Stunden etliche Baguettescheiben mit Kräuterbutter und Pesto und reicht sie zum Verzehr an ihren Besuch weiter. Sie kocht schwarzen Tee und erzählt, wie sie, um ihre Pflanzen am Holzzaun zu befestigen, anstelle von Pflanzendraht aluminiumfarbene Gardinenstangen mit dünnen Drähten angeschraubt hat. „Mir ist kalt, möchte noch jemand etwas zum Überziehen?“
Es sind Fremde, die heute bei Hinken zu Gast sind. Ihr Garten ist an diesem Samstag öffentlich, und ein Stück von ihr ist es damit auch. Sie blättert in ihrem Gästebuch. Danksagungen von 2007 sind darin notiert, dazwischen die Lernaufgaben für ihren Sohn. „Ach, die hat er am Ende wahrscheinlich gar nicht gemacht.“ Im Jahr 2009 hinterließ ein Gast ein Gedicht. Als sie es später las, musste sie weinen.
Das ländliche Pendant von „Thessas Geburtstagsparty“
Dass die Deutschen ihr Gartenglück nicht mehr zuallererst mit der Hollywoodschaukel gleichsetzen, in der sie alleine oder zu zweit Nachmittage lang dösen, erkennt man auch an den Menschengruppen, die jetzt die prächtigen Azaleen, Hortensien und Funkien anderer Leute bestaunen. Das Gartenglück will geteilt werden, und so gewähren Woche für Woche Hobbygärtner Zugang zu ihren Beeten. Dort kann man Inspirationen sammeln, sich Rat holen, andere Gärtner kennenlernen oder aus einem einsamen Wochenende doch noch ein geselliges machen.
„Es geht um Kommunikation, darum, sich über den Garten zu unterhalten, und um die Idee, eine anspruchsvollere Gartenkultur zu streuen“, sagt Kaspar Klaffke aus Hannover, der das Konzept mit seiner Frau und einem befreundeten Ehepaar nach Deutschland holte. Damals, 1991, gab es 21 Angebote offener Gärten. Heute sind es allein in Hannover 165, in ganz Deutschland sind 3700 verzeichnet. Inspiriert vom Schild „Garden Open Today“, das in England seit fast 100 Jahren an den Zäunen von Privatgärten hängt, tragen die Initiativen hierzulande Namen wie „Garten für Zaungucker“, „Das offene Gartentor“, „Die offene Gartentür“ - oder, der Klassiker, „Die offene Pforte“.
Im Juni stehen die Pforten besonders weit offen, quer durch das Land an Orten wie Weide, das am östlichen Rande Nordrhein-Westfalens 400 Meter über dem Meeresspiegel liegt und seinem Namen gerecht wird. Dieser Teil der Region kommt auf gerade einmal 135 Einwohner; die Zahl der Kühe, die auf den Weiden neben dem Garten von Manuela Dollberg grasen, ist höher. Die Menschen waren nur an jenem Tag in der Überzahl, als plötzlich 500 Menschen auf dem Rasen der Dollbergs standen. Allein durch Mundpropaganda war der offene Garten der Familie praktisch zum ländlichen Pendant von „Thessas Geburtstagsparty“ geworden, jener Feier einer 16 Jahre alten Hamburgerin, die via Facebook zum Massenspektakel wurde. Offene Gärten finden sich jedoch auch in der Großstadt: Auf dem Weg in den hinterletzten Hinterhof in Berlin-Mitte, in den Garten von Martina Breyer, läuft man an einem Dutzend Mac-Bildschirmen vorbei. Daneben türmt sich nun um die Mittagszeit auf den Tellern toskanischer Nudelsalat. Und dann riecht es auch hier nach Erde.
Der Garten ist etwas halbprivates
„Sich nicht mehr am Wochenende ins Auto zu setzen, um irgendwo im Grünen eine Tasse Kaffee zu trinken, sondern mit dem Fahrrad Gärten in der unmittelbaren Nachbarschaft kennenzulernen, dieses Thema lag damals einfach in der Luft“, erinnert sich Kaspar Klaffke. Er ist buchstäblich im Garten zu Hause. Mit seiner Frau verwandelte er eine alte Gärtnerei in ein Wohn- und ein Schlafhaus. Klaffkes Flur ist ein Gewächshaus mit Kübelpflanzen, Tomaten und Paprika. Wenn Klaffke morgens aufsteht, begrüßt ihn an der Flurdecke eine Maréchal Niel, eine stark duftende französische Edelrose. Draußen sind die Beete nach Farben sortiert und mit passenden Fliesen codiert, wie die Kleider in einem besonders ordentlichen Kleiderschrank. Überhaupt fühlt man sich wie bei der Besichtigung einer neuen Wohnung, aus der die Vormieter noch nicht ausgezogen sind. Man ist leicht gestresst und übervorsichtig, weil man im fragilen Grün bloß nichts kaputtmachen möchte. Gleichzeitig ist es interessant, weil man eben sieht, wie andere Leute leben. Und der Gedanke daran, selbst einmal so wohnen zu können, ist dann auch nicht mehr ganz abwegig.
Wahrscheinlich werden die Wege zu den offenen Gärten gerade deshalb zu Trampelpfaden, weil das Gartenglück der anderen auch für einen selbst erreichbar sein könnte - und deshalb nur noch größere Sehnsüchte weckt. Die offenen Gärten sind die begehbare „Landlust“. Die in der Zeitschrift Porträtierten könnten schließlich auch unsere Nachbarn sein. „Jeder darf mitmachen“, sagt Klaffke. „Es kommt keine Jury, und es werden auch keine Anforderungen gestellt - bis auf diejenige, Freude daran zu haben, sich mit anderen über das Thema Garten auszutauschen.“ Der Garten sei etwas Halbprivates, so Klaffke. „Es ist legitim, in Nachbars Garten zu gucken.“ Wie selbstverständlich könne man sich darüber unterhalten. „Unter Umständen kommt man dann auf ganz andere Themen. Es ist eine Plattform.“
Beim Gartenfest von Frau Graf grillt ein Sternekoch
Kletterten Julia Roberts und Hugh Grant im Film „Notting Hill“ in den Neunzigern noch bei Nacht über die Mauer eines abgeschlossenen Londoner Gartens, suchen wir heute ganz unverblümt nach Wegen, um unsere freie Zeit im privaten Umfeld Fremder zu verbringen. Hobbyköche stehen gemeinsam in anderer Leute Küchen beim „Jumping Dinner“ oder im „Supper Club“ am Herd. Und über Wohnungsverleihportale wie „Airbnb“ oder „9Flats“ bucht man sich in den Betten fremder Leute ein - gegen eine entsprechende Miete. Für Geld öffnen sich heute auch erst manche Pforten. „Es gibt Leute, die fühlen sich dazu berufen, Kunstwerke zu erstellen und diese dann zu verkaufen“, sagt Klaffke. „Oder solche, die wollen Kaffee und Kuchen verkaufen.“
Den Garten von Fenna Graf zum Beispiel, ein paar Kilometer südlich von Kiel, könnte man mit einer Gärtnerei verwechseln. Um die Idee des offenen Gartens herum hat sie eine Welt geschaffen, ein Gewerbe. Gleich am Eingang wird man von einer Schiefertafel begrüßt, deren Kreideschriftzug vorschlägt, doch zwei Euro Eintritt in den Topf zu werfen. Es gibt die Graf-Garten-Postkarte für 50 Cent, den Graf-Garten-Kalender für 10 Euro, den Graf-Garten-Vortrag für 20 Euro. Mal sind es fünfzig, mal achtzig Teilnehmer, denen Fenna Graf die Grundlagen der Gartengestaltung nahebringt. Das Graf-Garten-Grillfest mit dem Sternekoch Robert Stolz findet einmal jährlich im Hochsommer statt. Auch während des Gesprächs verkauft Fenna Graf Töpfe mit Gänseblümchen und Basilikum. Ihre Haut ist von der Sonne gebräunt, das Haar ist zerzaust, sie sieht aus, als würde sie in ihrem Garten leben. Heute Morgen ist sie um halb sechs aufgestanden, um alles noch mal zu gießen. Anderntags beschäftigt sie sich bis 21 Uhr mit ihren Pflanzen.
„Früher hat man sich abgeschottet“
Auch ein paar hundert Kilometer weiter südlich ist Ehrgeiz an diesem Sonntagmorgen das wahre Geheimnis des Gartenglücks. Es regnet in Strömen, aber die Besucher der offenen Pforte in der Kleingartenkolonie zeigen Präsenz. „Bei vierzig Quadratmetern müssen Sie in Quadratzentimetern denken. An keiner Stelle ist nackte Erde“, sagt Gärtner Klaus Hennemann stolz und schaut hinter seinen mit Regentropfen überzogenen Brillengläsern hervor. Den viel zu kleinen Knirps-Regenschirm teilt er mit dem Gast. Später bietet er Kaffee und Marmorkuchen an, ohne dass neben der Vogeltränke ein Spendentopf steht. „Man selbst zweifelt manchmal daran, was nun Besonderes an dem eigenen Garten sein soll. Aber wenn man dann mit den Besucherzahlen die Rückantwort bekommt, weiß man, dass man auf dem richtigen Weg ist. Früher hat man sich abgeschottet, das ist heute anders.“
Wenn man über Wochen alleine wühle, sei es schön, darüber gelegentlich Gespräche führen zu können, sagt auch Fenna Graf. Mit ihren Erläuterungen könnte sie einen persönlichen Gartenratgeber füllen: „Veronicastrum ist winterhart. Hier hat er einen trockenen heißen Stand.“ - „Der Acanthus gehört zu den Staudenpflanzen. Unter diesen Bedingungen bekommt er tolle große Kolben.“ - „Wenn Sie die Gänseblümchen einpflanzen, geben Sie im Winter etwas Reisig darüber.“ Bis der letzte Besucher an diesem zugigen Ostsee-Sonntag durch die Pforte spaziert: „Also Frau Graf, bei mir ist es momentan atemberaubend. Dieses Jahr müssen Sie unbedingt meine Funkien sehen.“ Die zwei Fremden planen, sich einmal fest zu verabreden. Fenna Graf wird eine Flasche Wein mitbringen.
