20.10.2004 · Zum zweiten Mal innerhalb eines Jahres fallen die Heuschrecken über Senegal, Mauretanien, Mali und Nordafrika her. Selbst mit schwerem Gerät ist der Plage kaum noch beizukommen.
Die täglichen Bulletins lesen sich wie Frontberichte: "16. Oktober, Oued Draa, Südmarokko: Erste Welle gestoppt, zweite im Anflug; 17. Oktober, St. Louis, Nordsenegal: Große Schwärme sammeln sich am Südufer des Senegal, Flußüberquerung in den nächsten Stunden zu erwarten; 18. Oktober, Rosso, Südmauretanien: Schwärme haben Senegal überquert, breiten sich aus; 19. Oktober: Westküste Senegal: große Schwärme auf offener See gesichtet, Flugrichtung noch nicht abzuschätzen." Aus Tamanrasset, Tindouf und Tlemcin an der Grenze zwischen Algerien und Marokko kommen ähnliche Hiobsbotschaften.
Es ist Krieg im Sahel, und der Gegner hat Milliarden von Soldaten. Bis zu 70 Kilometer lang sind die Heuschreckenschwärme, die sich derzeit anschicken, zum zweiten Mal innerhalb von Monaten über Senegal, Mauretanien und den Norden Malis herzufallen. Selbst mit schwerem Gerät ist der Plage kaum noch beizukommen. In Senegal sind inzwischen sechs amerikanische, drei marokkanische, fünf libysche, zwei französische, ein brasilianisches sowie ein privates senegalesisches Flugzeug im Einsatz, um den Schwärmen mit massivem Einsatz von Pestiziden den Garaus zu machen. Insgesamt sind 40 Flugzeuge im Heuschreckengebiet im Einsatz. Dennoch: "Die Schlacht in diesem Jahr ist längst verloren", sagt der niederländische Botschafter in Senegal, Jos van Aggelen.
700 000 Hektar landwirtschaftliche Fläche von Heuschrecken heimgesucht
Zur Zeit ziehen die Heuschrecken von Süden wieder in Richtung Nordwesten, nach Marokko, Tunesien, Algerien und Libyen, woher sie im Sommer gekommen waren. Sie werden in Nordafrika neue Larven legen, die von März an schlüpfen. Im Juni kommenden Jahres werden sich die Schwärme dann abermals auf den Weg nach Süden machen - sofern es dort wieder regnet, denn nur wenn die Heuschrecken ausreichend Gras finden und dadurch in hoher Zahl auf kleinem Raum leben können, kommt es zu den gefürchteten Schwarmbildungen. Dennoch sind die Folgen der diesjährigen Plage nach Einschätzung der Vereinten Nationen jetzt schon dramatischer als alle Kriege in Afrika - "Darfur eingeschlossen", sagt Jan Egeland, der stellvertretende UN-Generalsekretär für humanitäre Fragen.
Allein in Senegal wurden 700 000 Hektar landwirtschaftliche Fläche von den Heuschrecken heimgesucht. In Mauretanien, dem am schlimmsten betroffenen Land, sind es bis jetzt 1,6 Millionen Hektar. Alles in allem haben die Heuschrecken bislang in West- und Nordwestafrika zwischen drei und vier Millionen Hektar Land kahlgefressen. In weiten Teilen Mauretaniens, aber auch in Mali, Burkina Faso, Marokko und Algerien sind die Ernten des kommenden Frühjahrs schon verloren. In Marokko steht die gesamte Versorgung mit landwirtschaftlichen Produkten für das kommende Jahr auf dem Spiel. Fachleute nehmen an, daß die daraus resultierende Lebensmittelknappheit speziell im Sahel weit über das Jahr 2005 hinausreichen wird. Algerien befürchtet schwere soziale Verwerfungen, wenn sich die Einwohner ganzer Dörfer, die auf dem Land kein Auskommen mehr finden, in die Städte aufmachen.
Heuschreckenplage war absehbar
Dabei hätte die Verbreitung der Insekten verhindert werden können, wie Werner Gassert von der Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit (GTZ) in Eschborn glaubt. "Solche Plagen fallen nicht einfach vom Himmel, sie kehren periodisch mit dem Regen wieder." Erwin Northoff von der FAO, der derzeit im Senegal die Katastrophe verfolgt, weist darauf hin, daß seine Organisation schon im Oktober vergangenen Jahres die ersten Warnungen ausgesprochen habe. Doch würden die Geberländer immer erst dann wach, wenn die Gefahr schon da sei. Damals hatte die FAO neun Millionen Dollar Soforthilfe beantragt, bekommen hat sie ein paar hunderttausend. Mittlerweile ist nicht einmal mehr sicher, ob die veranschlagten 100 Millionen Dollar reichen werden, der Plage Herr zu werden - von den Folgekosten durch Ernteausfälle ganz zu schweigen.
Mittlerweile sind von den Geberländern 42 Millionen Dollar zur Bekämpfung der Plage eingetroffen. Weitere 50 Millionen der EU wurden den fünf am schlimmsten betroffenen Ländern (Senegal, Mauretanien, Mali, Tschad und Niger) zugesagt. "Bis jetzt konnten wir 1,2 Millionen Hektar Land besprühen, insgesamt haben wir rund eine Millionen Liter Pestizide bestellt", sagt Erwin Northoff von der FAO. Nach seiner Ansicht war die Heuschreckenplage bereits nach den ergiebigen Regenfällen in der Sahel-Zone im Herbst 2003 absehbar. "Man hätte zu diesem Zeitpunkt die Pflanzenschutzdienste entsprechend ausstatten können", sagt auch Mathias Mogge, Regionalkoordinator für Westafrika der Deutschen Welthungerhilfe in Mali.
Ende der Plage nicht in Sicht
Am effektivsten sind die Tiere in einem frühen Entwicklungsstadium auszurotten, wenn sie nur hüpfen können. Denn erst nach mehreren Häutungen entwickeln die Heuschrecken Flügel. Einmal flugfähig, können die Tiere jeden Tag etwa 100 Kilometer zurücklegen. Eine ausgewachsene Heuschrecke frißt täglich zwei Gramm, was in etwa ihrem eigenen Körpergewicht entspricht. Bei einem Schwarm mit einer Milliarde Tieren summiert sich das auf 2000 Tonnen am Tag. "Länder mit Brutgebieten müßten eigentlich für ihr Bemühen, aufkommende Heuschrecken rechtzeitig in Schach zu halten, Unterstützung bekommen", sagt Gallert.
Doch die meisten nordafrikanischen Länder - die klassischen Brutgebiete - sind mit dieser Aufgabe aufgrund fehlender Mittel überfordert. Man benötigt ausreichend Pestizide, Flugzeuge, Sprühgeräte, Schutzbekleidung sowie geschulte Bekämpfungsteams, um die Insekten in den weit auseinander liegenden und oft schwer zugänglichen Gebieten frühzeitig zu töten. Ein Ende der Plage ist nicht in Sicht. Solange es regnet und die genauen Brutgebiete nicht auszumachen sind, werden sich die Heuschrecken weiterhin explosionsartig vermehren. "Das kann noch Jahre so weitergehen", befürchtet der Chef der FAO in Senegal, Eduard Tapsoba. "Irgendwann", so Gallert, "kommt es dann zu einer natürlichen Lösung: Wenn alles Grün aufgefressen ist, sterben auch die Heuschrecken."