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Nachruf : Im Rudel sozialisiert

Nur wenige Menschen dürften Wölfen jemals so nahe gekommen sein wie Erik Zimen. Der bekannte Verhaltensforscher und Dokumentarfilmer wurde nur 62 Jahre alt.

          Fast alle Menschen kennen die Furcht vor Wölfen. Viele Generationen haben Wölfe verflucht und sie gejagt. Einige wenige haben versucht, ein Auskommen mit dem verfemten Räubtier zu finden. Aber nur ganz wenige dürften den Wölfen jemals so nahe gekommen sein wie Erik Zimen. Der bekannte Verhaltensforscher und Wolfsfachmann, der nur 62 Jahre alt wurde und am Montag in seinem Einödhof im niederbayerischen Grillenöd an einem Gehirntumor gestorben ist, war, wie er das gerne von den Wölfen sagte, "im Rudel sozialisiert". Buchstäblich. Er wagte, um die soziale Struktur der Wolfsrudel zu erforschen, Experimente, die auch der größte Hundenarr nicht zu denken wagte. Indem er die Rolle des Alphatieres einnahm, versuchte er sich im Wildgehege über das Verhalten und die Antriebe der anderen Rudelmitglieder in bestimmten Situationen klarzuwerden.

          Joachim Müller-Jung

          Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.

          Nicht, um anderen zu imponieren oder seinen Mut zu beweisen, hat er sich den Wildtieren ausgeliefert, sondern um über das Wesen des Wölfes das herauszufinden, was eine Jane Goodall bei Schimpansen oder ein Konrad Lorenz bei seinen Graugänsen gesucht haben. Tatsächlich war Zimen bei dem großen Verhaltensforscher dereinst in Lehre gegangen. In einem Großgehege des Bayerischen Nationalparks setzte er gewissermaßen im Außendienst des von Lorenz geführten Max-Planck-Instituts für Verhaltensphysiologie in Seewiesen jene Forschungen fort, die er Mitte der sechziger Jahre an der Universität Kiel begonnen hatte.

          Der in Berlin geborene und in Schweden aufgewachsene junge Mann hatte sich mit seinen nicht selten gewagten Verhaltensexperimenten im Gehege rasch international einen Namen gemacht. Seine hautnahen Begegnungen und seine bald unermeßlichen Erfahrungen im persönlichen Umgang mit den Tieren haben ihm - und das wußte Zimen in öffentlichen Auseinandersetzungen mit seinen Kritikern stets für sich zu nutzen - eine Aura des Unangreifbaren verliehen. Er wurde rasch zum schlagfertigsten und gelehrtesten Advokaten des Wildtiers. Und wann immer er die uralte Mär vom bösen Wolf hörte, wußte Zimen mit leidenschaftlichen Berichten über seine bewegendsten Momente im Rudel zu kontern.

          Trotzdem hatte auch Zimen nicht verhindern können, daß das Urbild vom Bösen in den Köpfen weiterlebt - bis heute. Wann immer Berichte, wie in jüngster Zeit nicht selten auch aus Brandenburg oder Sachsen, über wildlebende, aus dem Osten einwandernde Wölfe bekannt wurden, organisierte sich der Widerstand derer, bei denen Zimen jahrzehntelang - zum Teil in harten Auseinandersetzungen - um Verständnis warb: bei den Jägern vor allem, den Bauern und Dorfbewohnern in den Provinzen. Im Grunde war er einer von ihnen. Zimen lebte mit seiner Frau Mona, mit der er auch Bücher schrieb, und seinen vier Kindern niemals länger in einer Stadt. Er suchte stets die Einöde. Dort, wo die Wölfe früher heulten. In dieser Abgeschiedenheit entwickelte er auch zusammen mit anderen "Kynologen" - so nennen sich die Wolfs- und Hundeforscher - eigene Ideen und Thesen, wie der Lebensraum und die Identität seiner Wildtiere zu retten sei. Zu diesen Thesen gehört seine in vielen Büchern vertretene und von nicht wenigen Zoologen kritisierte Vorstellung von der Domestikation des Wolfes: Nicht der Mann, wie viele glauben, habe den Wolf als Jagdbegleiter entdeckt. Vielmehr habe die Frau - es muß vor dem Ende der letzten Eiszeit vor vielleicht 15 000 Jahren gewesen sein - die Welpen in die Menschengemeinschaft aufgenommen und sie regelrecht gesäugt: Weil es seinerzeit noch keine anderen Haustiere gab, habe die Frau mit ihrer Milch die Welpen ernährt. Eine revolutionäre Tat, wie Ziemen immer wiederholte, "emotional und völlig ohne Zweckbestimmung".

          Zimens Überzeugung war, anders konnte es bei ihm nicht sein, aus der eigenen Erfahrung mit der Aufzucht Dutzender eigener Wolfswelpen geboren. Ein Wolf lasse sich, wenn überhaupt, nur in den ersten Lebenswochen auf den Menschen sozialisieren. Um das zu wissen, muß man mit den Tieren leben, schlafen und heulen. "Der Wolf" und "Der Hund", seine beiden Standardwerke, werden noch für lange Zeit Lernstoff für Kynologen bieten - und für Anthropologen.

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