Home
http://www.faz.net/-guq-724yc
Mittwoch, 19. Juni 2013
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Nachhaltige Geschäftsidee Made in South Africa

 ·  David und Jason Drew züchten Maden. Bald wollen sie in Südafrika die erste Madenfabrik der Welt aufmachen – und damit nebenbei die Welt retten.

Artikel Bilder (3) Lesermeinungen (7)
© Felix Seuffert Herr der Fliegen: David Drew, Geschäftsführer von Agriprotein, begutachtet Soldatenfliegen im Laboratorium.

Wenn David Drew von seinen Tieren erzählt, verziehen die meisten Zuhörer vor Ekel das Gesicht. Der in Südafrika ansässige Brite züchtet Maden, und zwar Millionen. Je fetter, desto besser. Kann man damit Geld verdienen? Sogar mehr als das. David Drew hat noch höhere Ziele. Er will mit dem wild krabbelnden Getier die Welt retten - oder zumindest einen kleinen Beitrag dazu leisten.

Die Gegend rund um Stellenbosch in Südafrika ist für den Weinanbau bekannt. Auch Pferdehöfe gibt es hier. Aber Fliegen? In Elsenburg, dem agrarwissenschaftlichen Forschungsgelände der Universität Stellenbosch, schwirren sie in mannshohen Holzkäfigen herum: Exemplare der Spezies Musca Domestica, besser bekannt als Stubenfliege. Gezählt hat sie niemand, aber in jedem Käfig dürften es Zehntausende sein.

Maden als Tierfutter

„Die meisten Menschen ärgern sich über Fliegen“, sagt Drew. „Aber ihre Sprösslinge sind ungeheuer nützlich.“ Die zwölf Millimeter langen Fliegenlarven stecken voller Protein. Drew hat mit seinem Bruder Jason daher das Unternehmen Agriprotein gegründet, um aus den Maden alternatives Futter für Geflügel und Schweine herzustellen.

Mehr Abwechslung auf dem Speiseplan für Hühner ist freilich Nebensache. Glaubt man den beiden, arbeiten sie an einer kleinen Revolution, wenn es um die Ernährung von Geflügel und anderen Tieren geht. „Bisher besteht ein beträchtlicher Teil unseres heutigen Tierfutters aus Fischmehl“, sagt Drew. Daraus ist eine milliardenschwere Industrie entstanden, mit der Folge, dass die Fischbestände in den Weltmeeren schnell schrumpfen. „Wenn wir so weitermachen, brauchen wir 2050 doppelt so viele Ozeane, um den Bedarf einer schnell wachsenden Bevölkerung zu decken.“

Tritt Madenmehl an die Stelle von Fischmehl, könnte diese Entwicklung aufgehalten werden. Letztlich kehre man damit nur zur Normalität zurück, sagt Drew - auch wenn so manchem beim Gedanken an ein mit Maden gemästetes Sonntagshuhn der Appetit vergeht. „Früher war es ganz normal, wenn Hühner auf dem Boden herumpickten und Maden fraßen. Viel abstruser ist es, geschredderte Fische zu verfüttern.“

Drew ist kein Umweltaktivist, wie man ihn sich gemeinhin vorstellt. Er hat in der Telekom-Branche Karriere gemacht, danach Firmen gegründet, verkauft oder an die Börse gebracht. Erst moderne Technik, dann Fliegen. Sein Bruder schreibt mittlerweile Bücher über die Insekten. Und Drew verbringt so viel Zeit mit ihnen, dass er auf dem Weg nach Stellenbosch ein besonders hartnäckiges Exemplar in seinem Auto gar nicht bemerkt. Letztlich sind die beiden aber Unternehmer, die Geld verdienen wollen.

Maden als Müllschlucker

Demnächst soll die erste Madenfabrik in Südafrika starten, weitere sind in Deutschland und Großbritannien geplant. Jeder Betrieb soll täglich mindestens 100 Tonnen Maden produzieren. Die Larven haben - abgesehen vom Protein - noch einen weiteren Vorteil: Sie sind hocheffiziente Abfallverwerter. Beim Eintritt in die Laboratorien in Elsenburg schlägt einem denn auch ein penetrant süßlicher Geruch entgegen. Meterlange Plastikwannen stehen herum, bis oben mit Kompost gefüllt. Auf den ersten Blick kann man die Maden gar nicht erkennen. Doch als Drew beherzt in die feuchte braune Masse hineingreift, quellen zahllose weiße Würmer zwischen seinen Fingern hervor.

Madenzucht sei nicht schwierig, erklärt die Tierärztin Elsje Pieterse von der Universität Stellenbosch, mit der Agriprotein kooperiert. Fliegen haben ein Reproduktionstempo, das andere Züchter neidisch werden lässt. Eine Stubenfliege lebt nur 14 Tage, legt aber in dieser Zeit bis zu 500 Eier, aus denen die Maden schlüpfen.

Los gelassen auf den Kompost fressen sie sich in nur 60 Stunden dick und rund. Dann schlagen die Agriprotein-Mitarbeiter zu. Die Maden werden geerntet, getrocknet und zu einem Pulver gemahlen, das aussieht wie Instantkaffee. Gesundheitliche Risiken für das Geflügel gebe es nicht, sagt Pieterse. „Der Proteingehalt des Madenmehls ist höher als derjenige von Fischmehl, und der Preis je Nähr-Einheit niedriger.“

Das allein reicht, um Futtermittelkonzerne und Bauern für die Maden zu interessieren. Die Larven aber können noch mehr. So wittert die Stiftung des amerikanischen Milliardärs Bill Gates die Chance, deren schier unstillbaren Hunger zu nutzen, um eines der größten Probleme in Armenvierteln zu lösen: Nach Schätzungen haben 2,5 Milliarden Menschen auf der Welt keinen Zugang zu Toiletten.

Von der Natur lernen

Was die Stiftung vor hat, lässt sich in Pooke se Bos, einer armseligen Siedlung nahe Kapstadt, besichtigen. Strom gibt es hier nicht, Wasser müssen sich die Bewohner aus einem Wasserhahn auf der Straße holen. Aber am Ortsrand steht eine blitzsaubere moderne Toilettenanlage von der Größe eines Containers. Gemessen an der Zahl der Dorfbewohner, die sich außen herum versammelt haben, ist sie das Zentrum und der Stolz der Siedlung. „Wir hatten vorher noch nie Toiletten“, erzählt einer der Herumstehenden. „Wir sind immer in die Felder gegangen.“

Anders als in konventionellen Sanitäranlagen werden Fäkalien und Urin hier getrennt gesammelt. Für die Entleerung ist die Stadt Kapstadt zuständig. Doch einmal pro Woche holt auch Projektleiter Cobus Kotze von Agriprotein ein paar Schaufeln voll ab, um sie an Maden zu verfüttern, bisher nur zu Forschungszwecken. Dafür züchtet er extra eine weitere Fliegenart, die „Schwarze Soldatenfliege“. Sie ist ein großer schwarzer Brummer, wenn auch harmloser als es der Name vermuten lässt. Vor allem aber sind ihre Nachkommen unersättlich. Im Nu verwandeln sie die Lieferung aus Pooke se Bos in eine geruchslose Masse, die als Dünger taugt, während sie selbst den Hühnern schmecken. An einer Stufe im Prozess, so sagt Kotze, falle sogar noch Öl für die Biodiesel-Produktion ab.

Ein Recycling-Konzept zu schön, um wahr zu sein? Der Gates-Stiftung hat die Idee gefallen, so dass sie 350000 Dollar zu dem Forschungsprojekt beigesteuert hat. In Zukunft könnte es dank der Maden einen wirtschaftlichen, nicht nur einen humanitären Anreiz geben, sanitäre Anlagen zu bauen, schwärmt Drew auf der Rückfahrt. „Anfangs glaubte uns kein Mensch, welches Potential in diesen Larven steckt. Dabei handelt es sich noch nicht einmal um eine neue Erfindung. Wir schauen uns nur ab, was in der Natur seit Millionen von Jahren passiert.“

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen
Themen zu diesem Artikel

Jüngste Beiträge