22.07.2005 · In Sindelfingen werfen die Bürger ihren Müll nicht einfach in die Tonne, sondern trennen ihn auf dem Wertstoffhof. Das hilft zwar der Umwelt und entlastet den Geldbeutel, doch ganz ohne Probleme geht es nicht.
Von Melanie Mühl, SindelfingenDie orangefarbenen Container tragen Namen. Kartonagen, Sperrmüll, Kunststoffhohlkörper kleiner als fünf Liter, Styropor: sauber, weiß und unbeklebt, Papierverbunde, Aluminium, Altbatterien, sonstige Kunststoffverpackungen, Folien kleiner als DIN A4, Blumenerde: je 45-Liter-Sack fünf Euro, magnetische Dosen, Kork und Elektroschrott steht in schwarzen Lettern auf weißen Tafeln. Schließlich sollen die müllsortierenden Bürger des Landkreises Böblingen wissen, wohin mit geputzten Joghurtbechern, Pizzakartons und Bauschutt.
Verschwindet eine Gummibärchentüte in der falschen Müllpresse, entzieht sie sich für immer dem ausgeklügelten Wirtschaftskreislauf. Einige Müllcontainer, die auf dem Sindelfinger Wertstoffhof stehen, tragen deshalb Wäscheleinen vor ihren Bäuchen, an denen leere Spülmittelflaschen und Suppenpulverpäckchen baumeln. Realsymbole deutscher Müllbesessenheit.
Müllentsorgung für 74 Euro im Jahr
In Teilen Bayerns und auch in vier Landkreisen Baden Württembergs herrscht die Wertstoffhofphilosophie. Der Rest des Landes wirft seinen Müll in den gelben Sack oder sonstwohin. „Müll sparen lohnt sich: Wer Eimergemeinschaften bildet oder den Behälter nur selten leeren muß, zahlt auch geringe Gebühren“, verspricht der Landkreis Böblingen auf seiner Homepage, und es klingt, als wolle man seine Bürger zu einem besonderen Umweltbewußtsein erziehen. Vermeidungs- und Verwertungsphilosophie nennt man das hier. Der schwäbische Wille, Geld zu sparen, soll es richten. Etwa 74 Euro im Jahr bezahlen Bürger, die in baden-württembergischen Wertstoffhoflandkreisen leben, für die Müllentsorgung. 74 Euro, das bedeutet vier Leerungen. Jede weitere Leerung eines 120-Liter-Behälters kostet 5,10 Euro.
Wer also seine Tonne mit Müll vollpackt und sie ständig vor die Haustüre schiebt, bezahlt höhere Gebühren. Das System funktioniert. 2500 Tonnen Wertstoffe landeten im vergangenen Jahr in den Sindelfinger Containern. Eine Boeing 747-400, jenes dickbäuchige Flugschiff mit aufgesetztem Upper Deck, wiegt ohne Treibstoff 230 Tonnen. An jedem Samstag, sagt Peter Karle, strömten mindestens fünfhundert Bürger auf den Hof. Peter Karle ist Teil dieses skurrilen Raumes. Ein Mann Mitte Dreißig, der schwarze, weitgeschnittene Hosen, ein rotes T-Shirt und Schuhe trägt, die aussehen, als hielten sie monatelangen Gebirgswanderungen stand. Sein Körper steckt eigentlich in Anzügen, und um seinen Hals schmiegen sich Hemdkragen. Als selbständiger Vermögensberater empfängt er Menschen, die in teuren Autos anrauschen.
Einweihung in die Geheimnisse der Mülltrennung
Nur samstags schlüpft er in ein anderes Leben. Samstags sortiert er Müll, erklärt verwirrten Bürgern, deren Hände Abfalltüten umklammern, warum der Deckel eines Quarkbechers in einen anderen Container als der Quarkbecher muß, was sich hinter dem Wort Papierverbunde versteckt, warum ein Autoreifen mit Felgen vier Euro Entsorgungsgebühr kostet und ein felgenloser zwei, wie hoch der Aluminiumanteil einer Verpackung sein muß, damit sie in die silberfarbene Aluminiumtonne fliegen darf. Und daß eine Dunstabzugshaube mit mindestens 85 Volumenprozent Metall zur Kategorie Schrott zählt. Seit fünfzehn Jahren tut er das. Bei Schneetreiben, Sonne und Wind. Der einzige Zufluchtsort ist ein provisorisch errichtetes Häuschen, in dem sich Kartons stapeln und Musik aus den siebziger Jahren läuft. Peter Karle sagt: „Ich war niemals krank.“ Dann eilt er mit raschen Schritten fort, um eine junge Frau in die Geheimnisse der Mülltrennung einzuweihen, wobei sein dunkles, nach hinten geföntes Haar aufgeregt wippt.
Eine Affinität zum Abfall hatte Peter Karle schon als Zivildienstleistender. Diese Zeit verbrachte er auf einer Sondermülldeponie. Später, sagt er, als Banklehrling, sei es das Geld gewesen, daß ihn samstags auf den Wertstoffhof trieb. Heute versteht er seine Ausflüge in diese exotische Gegenwelt, die er „eine wunderbare Lebensschule“ nennt, als Abwechslung zu seinem in Form gepreßten Arbeitsalltag. Wäre aber nicht das dreiköpfige Team, das sich mit nur wenigen Worten und viel Geschick durch den Müllalltag trägt, er wüßte nicht, ob er bliebe.
Soziales „survival of the fittest“
Wer einen Samstag lang das irre Treiben rund um die Müllcontainer beobachtet und die vielen Menschen, die wie eine Armee Ameisen anrücken, wähnt sich in einem Theater. Der Wertstoffhof ist eine Utopie. Ein Ort, wo sich sämtliche sozialen Gefüge ineinanderschieben, wo nur das Gewicht des Sperrmülls und die Anzahl der Computermonitore entscheidet, wo jede Milchverpackung in derselben Tonne verschwindet. Aber dieser Ort ist auch ein Müll gewordenes Spiegelbild der Gesellschaft auf einigen hundert Quadratmetern. Peter Karles systemtheoretische Formel klingt einfach: „Jeder muß seinen Müll entsorgen.“ Etliche Kämpfe werden auf dem Areal ausgefochten. Hier zeigt sich das soziale „survival of the fittest“ eindringlicher als irgendwo sonst. Der Kampf beginnt mit der Parkplatzsuche. Die Parkplätze nämlich befinden sich einerseits auf der Straßenseite gegenüber, wenige Schritte entfernt von jenem silberfarbenen Eingangstor, hinter dem Müllcontainer, Tonnen und gehißte Plastiksäcke warten.
Andererseits kann man seinen Wagen auch vor den Containern parken, sämtlichen Ankömmlingen den Weg versperren und seinen wochenlang auf dem Balkon sortierten Müll aus dem Wagenfenster entsorgen. Genau das wollen ziemlich viele. Doch die, die in einem klimatisierten Mercedes, BMW oder Porsche sitzen, betrachten es als ihr natürliches Recht, vor volvofahrenden Sandalenträgern und mit Kindern bepackten Hausfrauen im Golf die Einfahrt hinaufzurollen. Das wiederum gefällt diesen gar nicht. Es wird geflucht, gehupt und grimmig geguckt, als stehe man schon seit Stunden auf irgendeiner italienischen Schnellstraße im Stau. Gegen 11.30 Uhr, der Wertstoffhof droht zu platzen, springt ein älterer Herr aus seinem Wagen und beschimpft eine Frau, die schon seit geraumer Zeit erfolglos versucht einzuparken. Manchmal, sagt Peter Karle, gebe es kleinere Unfälle, Lackschäden und Dellen, aber eigentlich wundere er sich darüber, daß bei dem angestrengten Gedrehe und Gekurve nicht viel mehr passiere.
Die Fahrt zum Wertstoffhof als Ritual
Bewegt man sich zum ersten Mal über diesen Hof, erstaunen andere Dinge. Zum Beispiel, daß viele Müllentsorger genau wissen, in welche der Tonnen sie ihre Becher, Tüten, Deckel, Matratzen und Kunststoffverpackungen werfen müssen. Und daß dies unheimlich rasch geschieht. „Sie üben schließlich seit Jahren“, sagt Peter Karle. Dennoch fischt er mit seiner lanzenähnlichen Zange immer wieder richtigen Müll aus falschen Containern. Das Wertstoffhofsystem findet er wunderbar, weil seine Gedanken seither die Umwelt nicht mehr ignorieren. Anfangs sei es eine heikle Aufgabe gewesen, den wütenden Bürgern zu erklären, warum im zwanzig Kilometer entfernten Stuttgart alles in den gelben Sack fliegt und man in Sindelfingen seine Suppentüten auswaschen und entsorgen muß.
Düstere Gesichter blicken einem nur selten entgegen. Die Fahrt zum Wertstoffhof ist längst ein Ritual. Wer samstags kommt, tut das zu einer bestimmten Uhrzeit. Manche, sagt Peter Karle, schliefen länger und kämen erst gegen zwölf, andere versammelten sich schon um neun Uhr vor den Containern. Was sie alle gemeinsam haben, sind die schieren Mengen Müll, die sie in Plastiktüten, Müllsäcken, Wäschekörben und auf Autodächern herankarren. Ein Mann, in dessen Gesicht eine grün gerahmte Brille sitzt, sagt, er komme an jedem Wochenende hierher, meist gegen elf Uhr, nachdem er mit seiner Frau beim Handelshof eingekauft habe. Weil seine Nachbarin achtzig Jahre alt ist und kaum laufen kann, nimmt er ihren Abfall mit. Ältere Menschen finden dieses System schrecklich, sagt er, weil sie nicht mobil sind. Er aber komme gerne, „denn hier begegnet man Bekannten, die man sonst nicht sieht“.
Um 13 Uhr müssen alle vom Hof
Tatsächlich ist dieser Ort ein gesellschaftlicher Treffpunkt. Sah man sich früher auf dem Weg zum Marktplatz oder in späteren Jahren an den Bushaltestellen, trennt man heute zusammen Müll. Und sie trennen alle, die helmtragenden Radfahrer und berockten Großmütter, die Anzugträger und in Kopftücher genähten Frauen, die Kinder und überforderten Mütter. Immer wieder fliegen Sätze durch die Luft wie „Na, bist du auch wieder hier!“, „Ist das nicht ein ungemütliches Wetter?“ oder „Gehen Sie noch zum Handelshof?“ Oft weiten sich diese floskelhaften Fragen zu Diskursen aus, die zwanzig, dreißig Minuten oder länger dauern. Um 13 Uhr, sagt Peter Karle, schmeiße er sie aber alle vom Hof.