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Mülltrennung : Im Wertstoffhoftheater

Wer einen Samstag lang das irre Treiben rund um die Müllcontainer beobachtet und die vielen Menschen, die wie eine Armee Ameisen anrücken, wähnt sich in einem Theater. Der Wertstoffhof ist eine Utopie. Ein Ort, wo sich sämtliche sozialen Gefüge ineinanderschieben, wo nur das Gewicht des Sperrmülls und die Anzahl der Computermonitore entscheidet, wo jede Milchverpackung in derselben Tonne verschwindet. Aber dieser Ort ist auch ein Müll gewordenes Spiegelbild der Gesellschaft auf einigen hundert Quadratmetern. Peter Karles systemtheoretische Formel klingt einfach: „Jeder muß seinen Müll entsorgen.“ Etliche Kämpfe werden auf dem Areal ausgefochten. Hier zeigt sich das soziale „survival of the fittest“ eindringlicher als irgendwo sonst. Der Kampf beginnt mit der Parkplatzsuche. Die Parkplätze nämlich befinden sich einerseits auf der Straßenseite gegenüber, wenige Schritte entfernt von jenem silberfarbenen Eingangstor, hinter dem Müllcontainer, Tonnen und gehißte Plastiksäcke warten.

Andererseits kann man seinen Wagen auch vor den Containern parken, sämtlichen Ankömmlingen den Weg versperren und seinen wochenlang auf dem Balkon sortierten Müll aus dem Wagenfenster entsorgen. Genau das wollen ziemlich viele. Doch die, die in einem klimatisierten Mercedes, BMW oder Porsche sitzen, betrachten es als ihr natürliches Recht, vor volvofahrenden Sandalenträgern und mit Kindern bepackten Hausfrauen im Golf die Einfahrt hinaufzurollen. Das wiederum gefällt diesen gar nicht. Es wird geflucht, gehupt und grimmig geguckt, als stehe man schon seit Stunden auf irgendeiner italienischen Schnellstraße im Stau. Gegen 11.30 Uhr, der Wertstoffhof droht zu platzen, springt ein älterer Herr aus seinem Wagen und beschimpft eine Frau, die schon seit geraumer Zeit erfolglos versucht einzuparken. Manchmal, sagt Peter Karle, gebe es kleinere Unfälle, Lackschäden und Dellen, aber eigentlich wundere er sich darüber, daß bei dem angestrengten Gedrehe und Gekurve nicht viel mehr passiere.

Die Fahrt zum Wertstoffhof als Ritual

Bewegt man sich zum ersten Mal über diesen Hof, erstaunen andere Dinge. Zum Beispiel, daß viele Müllentsorger genau wissen, in welche der Tonnen sie ihre Becher, Tüten, Deckel, Matratzen und Kunststoffverpackungen werfen müssen. Und daß dies unheimlich rasch geschieht. „Sie üben schließlich seit Jahren“, sagt Peter Karle. Dennoch fischt er mit seiner lanzenähnlichen Zange immer wieder richtigen Müll aus falschen Containern. Das Wertstoffhofsystem findet er wunderbar, weil seine Gedanken seither die Umwelt nicht mehr ignorieren. Anfangs sei es eine heikle Aufgabe gewesen, den wütenden Bürgern zu erklären, warum im zwanzig Kilometer entfernten Stuttgart alles in den gelben Sack fliegt und man in Sindelfingen seine Suppentüten auswaschen und entsorgen muß.

Düstere Gesichter blicken einem nur selten entgegen. Die Fahrt zum Wertstoffhof ist längst ein Ritual. Wer samstags kommt, tut das zu einer bestimmten Uhrzeit. Manche, sagt Peter Karle, schliefen länger und kämen erst gegen zwölf, andere versammelten sich schon um neun Uhr vor den Containern. Was sie alle gemeinsam haben, sind die schieren Mengen Müll, die sie in Plastiktüten, Müllsäcken, Wäschekörben und auf Autodächern herankarren. Ein Mann, in dessen Gesicht eine grün gerahmte Brille sitzt, sagt, er komme an jedem Wochenende hierher, meist gegen elf Uhr, nachdem er mit seiner Frau beim Handelshof eingekauft habe. Weil seine Nachbarin achtzig Jahre alt ist und kaum laufen kann, nimmt er ihren Abfall mit. Ältere Menschen finden dieses System schrecklich, sagt er, weil sie nicht mobil sind. Er aber komme gerne, „denn hier begegnet man Bekannten, die man sonst nicht sieht“.

Um 13 Uhr müssen alle vom Hof

Tatsächlich ist dieser Ort ein gesellschaftlicher Treffpunkt. Sah man sich früher auf dem Weg zum Marktplatz oder in späteren Jahren an den Bushaltestellen, trennt man heute zusammen Müll. Und sie trennen alle, die helmtragenden Radfahrer und berockten Großmütter, die Anzugträger und in Kopftücher genähten Frauen, die Kinder und überforderten Mütter. Immer wieder fliegen Sätze durch die Luft wie „Na, bist du auch wieder hier!“, „Ist das nicht ein ungemütliches Wetter?“ oder „Gehen Sie noch zum Handelshof?“ Oft weiten sich diese floskelhaften Fragen zu Diskursen aus, die zwanzig, dreißig Minuten oder länger dauern. Um 13 Uhr, sagt Peter Karle, schmeiße er sie aber alle vom Hof.

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