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Landwirtschaft Abkehr vom Bio-Boom

Viele Öko-Bauern bauen wieder konventionell an. Dabei galt der Bio-Markt bislang als Wachstumsmarkt. Eine Studie zeigt, dass unter anderem Vermarktungsprobleme und zu niedrige Ökoprämien zu der Rückkehr geführt haben.

© dpa Vergrößern Wollen die Agrarpolitik „entaignern“: Demonstranten fordern am Mittwoch anlässlich des Treffens von Bundeslandwirtschaftsministerin Aigner mit den Landwirtschaftsministern der Länder mehr Unterstützung für Öko-Bauern.

Zwischen 2003 und 2010 haben fast 3000 Bio-Bauern der ökologischen Landwirtschaft den Rücken gekehrt und den Betrieb auf konventionelle Bewirtschaftung umgestellt. Im gleichen Zeitraum haben mehr als 7500 konventionelle Betriebe auf Bio umgestellt. In den vergangenen Jahren kamen also auf 15 neue Bio-Betriebe sechs Bauern, die sich von der ökologischen Landwirtschaft abwendeten. Jährlich haben damit durchschnittlich 3,3 Prozent der Öko-Landwirte rückumgestellt. Das geht aus einer Studie hervor, die das Thünen-Institut für Betriebswirtschaft in Braunschweig koordiniert hat und die an diesem Donnerstag veröffentlicht wird. An dem Projekt war unter anderem die Universität Kassel beteiligt.

Niemand widmete sich den Rückkehrern

Andreas Nefzger Folgen:  

Die Ergebnisse sind insofern überraschend, als dass der Bio-Markt bisher als Wachstumsmarkt galt. Heute gibt es sieben Mal mehr Bio-Betriebe als noch 1990. Die ökologisch bewirtschaftete Fläche hat sich seitdem verzwölffacht. Und die Branche wächst unvermindert weiter. Im Zeichen stetigen Wachstums sah laut der Studie des Thünen-Instituts bislang niemand einen Anlass, sich den Rückumstellern in Deutschland zu widmen: „Die Verbände des ökologischen Landbaus sowie staatliche Institutionen haben sich bisher nicht oder nur am Rande mit dem Thema beschäftigt.“ Befragte Fachleute hätten überwiegend die Ansicht vertreten, eine Rückumstellung auf die konventionelle Produktion beschränke sich auf wenige Einzelfälle.

Genaue Zahlen zu Rückumstellern und eine Analyse ihrer Beweggründe gab es bislang nicht. Jürn Sanders, beim Thünen-Institut zuständig für ökonomische Fragen des ökologischen Landbaus und Mitautor der Studie, hält das für ein Versäumnis: „Eine Ausdehnung des ökologischen Landbaus ist politisch gewollt. Wenn man aber will, dass der Sektor schnell wächst, sollte man auch die Betriebe anschauen, die aussteigen.“ Die rot-grüne Bundesregierung unter Bundeskanzler Gerhard Schröder hatte erstmals ein Ziel für die Entwicklung der Bio-Landwirtschaft ausgegeben: Bis 2010 sollte der Anteil der Fläche auf 20 Prozent wachsen. Die 20-Prozent-Marke findet sich auch im aktuellen Nachhaltigkeitsbericht der Bundesregierung, jedoch ohne Jahreszahl.

„Letztlich sind Landwirte Unternehmer“

Die Befragung von 388 betroffenen Landwirten durch Sanders und seine Kollegen ergab, dass die Gründe für eine Rückumstellung vielfältig sind. Meist wirken mehrere Faktoren zusammen. Zentral ist häufig die wirtschaftliche Lage des Betriebs, etwa „ein insgesamt zu geringes Einkommen, Vermarktungsprobleme, zu geringe Preisaufschläge für Öko-Produkte sowie zu niedrige oder gekürzte Ökoprämien“. Das sagt auch etwas darüber aus, warum viele Betriebe überhaupt erst auf Bio umstellen. „Letztlich sind Landwirte Unternehmer“, sagt Sanders. „Die meisten verknüpfen mit einer Umstellung auf Bio die Hoffnung, dass es wirtschaftlich besser wird.“

Fünf Jahre Biosiegel © dpa Vergrößern Ein Siegel hilft nicht immer: Zwischen 2003 und 2010 kehrten fast 3000 Bio-Bauern zum konventionellen Anbau zurück.

Für Unzufriedenheit sorgten vielfach auch umfassende Dokumentationspflichten und Kontrollen. Vor allem bei kleinen Betrieben und Nebenerwerbsbetrieben war das im Verhältnis zur tatsächlichen Arbeit auf dem Hof zu viel Aufwand. Häufig genannte Gründe für eine Rückumstellung sind zudem Probleme mit Öko-Richtlinien, die als zu streng, kompliziert oder praxisfern empfunden wurden.

Eine passende Stellschraube für alle Betriebe fehlt

Langfristig werden sich Rückumstellungen nach Ansicht von Sanders nicht immer vermeiden lassen. Sie könnten aber verringert werden: „Sicherlich gibt es Betriebe, bei denen die Umstellung auf Bio von Anfang an wirtschaftlich nicht tragfähig war. Aber es gibt auch Betriebe, die man mit veränderten Rahmenbedingungen halten kann.“ Eine „für alle Betriebe passende Stellschraube“ gebe es nicht.

Eine wesentliche Forderung ist eine konstante und stimmige Förderpolitik. Manche Bundesländer haben die Ökoprämie in der Vergangenheit immer wieder ausgesetzt oder verkleinert. „Das stellt die Einnahmen nicht komplett auf den Kopf“, sagt Sanders. „Aber ein Landwirt, der damit rechnet, ist natürlich enttäuscht.“ Zu einer stimmigen Förderpolitik gehört für ihn auch, dass sich Agrarpolitik und andere Politikfelder nicht widersprechen: „Landwirte können ein Vielfaches verdienen, wenn sie eine Biogasanlage statt ökologischem Landbau betreiben, weil das durch das Erneuerbare-Energien-Gesetz so gut und für 20 Jahre sicher gefördert wird - daran ändert sich auch dann nichts, wenn die Ökoprämie um 100 Euro steigt.“

Die Autoren sind sich sicher, dass die Zahl der Rückumsteller durch eine Vereinfachung von Kontrollen, Richtlinien und Dokumentationspflichten verkleinert werden kann. Auch für Öko-Bauern wäre Bürokratieabbau ein Segen.

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Quelle: F.A.Z.

 
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Veröffentlicht: 20.02.2013, 16:40 Uhr