04.09.2006 · In der Messara-Bucht im Süden Kretas soll ein Großcontainerhafen entstehen. Die griechische Regierung läßt die Kritik von Umweltorganisationen, Kommunalpolitikern und Bürgerinitiativen kalt.
Von Bernd FritzUngeachtet der Kritik von Umweltorganisationen, Kommunalpolitikern und Bürgerinitiativen hält die griechische Regierung an ihrem Vorhaben fest, in der Messara-Bucht im Süden Kretas einen Großcontainerhafen zu bauen. Die Bucht dient mit ihren Sandstränden der bedrohten Meeresschildkrötenart Caretta caretta als Nistplatz und gehört zu den nach der europäischen Fauna-Flora-Habitat-Richtlinie (FFH) geschützten Regionen.
Wie die griechische Botschaft in Berlin bestätigt, hat Griechenland für dieses und andere Schiffahrtsprojekte von der Europäischen Entwicklungsbank bereits Kredite in Höhe von drei Milliarden Euro erhalten. Der geplante Hafen soll eine Umschlagskapazität von einer Million Containern haben und Griechenland auf seinem Weg zu einem Knotenpunkt der Weltschiffahrt voranbringen.
Einst von Hippies bewohnt
Von dem Projekt, das nach Ansicht von Fachleuten große wirtschaftliche, soziale und ökologische Auswirkungen auf die Region hat, erfuhr die lokale Bevölkerung vor Jahresfrist. Betroffen sind zwölf Gemeinden, die überwiegend von Landwirtschaft und Fremdenverkehr leben. Die Badestrände der Messara-Bucht gelten als die schönsten Kretas und erfreuen sich seit mehr als drei Jahrzehnten des steigenden Interesses vor allem deutscher Individualurlauber. Besonders attraktiv ist der drei Kilometer lange unbebaute Sandstrand von Kommos. Er ist nach der gleichnamigen antiken minoischen Hafenstadt benannt und erstreckt sich von dem Badeort Kalamaki bis nach Matala, bekannt durch seine prähistorischen Höhlen, die in den sechziger Jahren von Hippies bewohnt wurden.
In der griechischen Mythologie spielt der Kommos-Strand eine wichtige Rolle. Hier ist, der Minotaurus-Sage zufolge, der schneeweiße Stier des Poseidon dem Meer entstiegen, den der Meeresgott dem kretischen König Minos gesandt hatte. Zu den Meeresbewohnern, die hier noch heute an Land gehen, zählt seit Urzeiten die Unechte Karettschildkröte, Caretta caretta. Von Ende Mai bis Anfang August kommen die Weibchen im Schutz der Dunkelheit an Land, graben flache Gruben in den Sand und legen ihre Eier ab. Das Ausbrüten besorgt dann die Sonne: Nach rund fünfzig Tagen schlüpfen die Jungen und krabbeln über den heißen Sand ins Meer.
Geschützte Ausgrabungen im antiken Hafen
Am Strand von Kommos geschieht dies unter Anteilnahme der Badeurlauber sowie von Aktivisten der griechischen Schildkrötenschutzorganisation Archelon. Ergänzt wird das seltene Beispiel eines friedlichen Miteinanders von bedrohten Tierarten, Tourismus und Archäologie durch die von einem strikten Bauverbot geschützten Ausgrabungen des antiken Hafens, der mit zahlreichen weiteren Ausgrabungsstätten, besonders der minoischen Siedlungen Gortis und Phaestos, die Messara-Bucht zur archäologisch bedeutendsten Region der Insel macht.
Der Containerumschlaghafen, der unweit des Badeorts Kalamaki am Strand der Verbandsgemeinde Timbaki geplant ist, soll für Schiffe von bis zu 10.000 TEU ausgelegt werden - also Twenty foot Equivalent Units, definiert nach dem Volumen zwanzig Fuß langer Container, die je nach TEU-Zahl neunfach unter Deck und siebenfach auf Deck übereinandergestapelt sind. Schiffslängen von mehr als 300 Metern sowie Tiefgänge um fünfzehn Meter sind keine Seltenheit und verlangen in den flachen Gewässern der Messara-Bucht nach einer entsprechenden Fahrrinne. Gerechnet wird vom griechischen Schiffahrtsministerium mit täglich fünfzig Containerschiffen, die vor Timbaki rund um die Uhr be- und entladen werden.
Das ruhige Leben ist vorbei
Als Betreiber des Hafens und Geldgeber sind Firmen aus China, Dubai und Südkorea im Gespräch. Bau und Betrieb des Großcontainerhafens von Timbaki werden für das ruhige Leben und den „sanften Tourismus“ in der Bucht Folgen haben. Uwe Dorn, Betriebsrat im größten europäischen Hafenumschlagunternehmen Eurogate, sagt: „Damit ist das vorbei!“ Sein Urteil gründet Dorn auf die Erfahrungen mit dem Jade-Weser-Port, einem Containerhafen vergleichbaren Umfangs vor Bremerhaven. Nicht nur die Lärm- und Lichtemissionen des Hafenbetriebs seien zu berücksichtigen, sondern auch die Belastungen durch nachgelagerten Verkehr wie Lastwagen und Bahn.
Die Bevölkerung der Messara-Gemeinden erfuhr von dem Vorhaben aus der örtlichen Presse, die von auffälligen Besuchern aus China und Dubai berichtete, mit denen Schiffahrtsminister Manolis Kefalogiannis am Meer spazierenging. Eine im Dezember in Timbaki gegründete Bürgerinitiative erhielt auf ihre Bitte um Informationen vom Minister bis heute keine Antwort, ebensowenig die Stiftung Europäisches Naturerbe, die mit zwei Schreiben im Februar und Mai die griechischen Ministerien für Schiffahrt, für Umwelt und für Fremdenverkehr auf die Folgen des Containerhafens für Natur und Umwelt hinwies.
Naturschutzorganisationen halten sich zurück
Daß bei umweltsensiblen Projekten in Griechenland keine Planungen veröffentlicht werden, hat die Stiftung Europäisches Naturerbe nach eigenen Angaben in etlichen Fällen erlebt. Konkrete Informationen bekam man häufig erst, wenn das Vorhaben nicht mehr aufzuhalten gewesen sei. Kritik übt auch die Aktionsgemeinschaft Artenschutz (AgA), die unter anderem die Niststrände der Karettschildkröte an der türkischen Küste betreut, sie nennt die Zusammenarbeit mit türkischen und griechischen Behörden eine „Katastrophe“.
Griechische Naturschutzorganisationen hingegen halten sich zurück. Der griechische World Wide Fund for Nature (WWF) und der Schildkrötenschutzbund Archelon schweigen zu dem Projekt in der Messara-Bucht. Nicht nur deshalb stehen die Aussichten schlecht, den Containerhafen bei Timbaki noch zu verhindern. Der Europaparlamentarier Jorgo Chatzimarkakis macht sich keine Illusionen: Für den deutsch-kretischen Abgeordneten der FDP ist das Projekt „unaufhaltsam angeschoben“.