12.07.2006 · Riesenumsatz machen die Wirte mit Touristen, die ins Berner Oberland kommen, um sich die spektakulären Felsstürze anzusehen: Die Erderwärmung läßt die Ostflanke des Eiger bröckeln und die Gletscher schmelzen.
Von Konrad Mrusek, BernIm Berner Oberland mit seinen drei Riesen Eiger, Mönch und Jungfrau gibt es eine neue Touristenattraktion: Felssturz gucken. Die Schau findet nicht in der berüchtigten Nordwand des Eiger statt, sondern auf der weniger spektakulären Ostflanke, über die die Nordwandbezwinger meist absteigen. Dort bröckelt seit Tagen der Berg, senkt sich zentimeterweise ein riesiger Felssporn. Geologen erwarten, daß schon bald zwei Millionen Kubikmeter Gestein auf den Unteren Grindelwaldgletscher stürzen.
Obwohl niemand zu sagen vermag, wann genau das geschieht und wie spektakulär es sein wird, lockt das Naturschauspiel viele Neugierige. Denn ständig kommt es zu kleineren Abbrüchen, donnern Felsen in die Gletscherschlucht und treiben Staubwolken gelegentlich bis nach Grindelwald. Das Bergdorf selbst ist nicht akut gefährdet. Gefahr drohte nur, wenn sich nach dem Felssturz auf dem Gletscher ein See staute und es dann zu einer Flutwelle käme.
Logenplatz für Felssturzgucker
Anders als bei der legendären Nordwand, die man bequem von der Bergbahn oder von der Kleinen Scheidegg einsehen kann, ist der Weg zur Ostflanke des fast 4.000 Meter hohen Eiger schwieriger und schweißtreibender. Daher ist dies kein Ort für den ordinären Katastrophentouristen, sondern nur für trittsichere Berggänger. Man fährt erst mit einer Seilbahn zur Pfingstegg und läuft dann mehr als eine Stunde lang einen schmalen und teils ausgesetzten Weg über der Gletscherschlucht bis hin zur Bäregg-Hütte. Dies ist der Logenplatz für die Felssturzgucker.
Dort treffen sich nicht nur am Wochenende Hunderte von Wanderern, um das Bröckeln an der gegenüberliegenden Wand zu beobachten. Der labile Fels ist 250 Meter breit und ebenso hoch und wurde mit kleinen Reflektoren versehen, damit man mit Laserstrahlen sein Rutschen millimetergenau messen kann. Zur Zeit sackt das Felspaket täglich zwischen 70 und 90 Zentimeter ab, wird der obere Spalt immer breiter. Doch weil man nicht weiß, wie stabil der Untergrund ist, der vom Eis des Gletschers verdeckt wird, ist die Prognose schwierig, ob es überhaupt zum großen Abbruch kommt. Möglicherweise stürzt der Fels auch portionenweise.
In 20 Jahren rund 50 Meter Höhe verloren
Viele der Wanderer am bröckelnden Eiger wissen, daß sie eine Exkursion ins alpine Treibhaus machen, in dem die Gletscher schneller denn je schrumpfen, die Berge sich schneller denn je verändern. Was sich dort abspielt, ist symptomatisch auch für andere Regionen, etwa an der Gotthard-Route, wo neulich wegen Steinschlags die Autobahn vier Wochen lang gesperrt werden mußte: Der Fels ist nicht mehr so fest, weil das Klima sich wandelt, Permafrost nicht mehr die Hänge stabilisiert.
Die Folgen der Erwärmung sieht man gerade am Unteren Grindelwaldgletscher: Vor hundert Jahren reichte er weit hinunter, wurde er auch „Damengletscher“ genannt, weil er so leicht zugänglich war. Nun hat er sich um mehr als einen Kilometer zurückgezogen. Allein in den vergangenen 20 Jahren war der Schrumpfprozeß gewaltig, der Gletscher verlor beim Felsen rund 50 Meter Höhe. Weil der Gegendruck des Gletschers fehlt, rutscht der Fels. Hinzu kommt, daß der Eiger ein kalkiges Gebirge ist, in dem das Schmelzwasser heißer Sommer seine erodierende Wirkung leichter entfaltet.
Das Naturschauspiel sorgt für Riesenumsätze
Auch der Logenplatz, von dem man den Fels betrachtet, ist bereits ein Klima-Opfer. Im Vorjahr stürzte die alte Bäregg-Hütte zu Tal, mußte das neue Gebäude weiter oben am Hang errichtet werden. Denn die Hütte, die einen famosen Blick in die Gletscherwelt zwischen Eiger, Mönch und Fiescherhorn bietet, steht in knapp 1.700 Metern Höhe oberhalb einer Moräne des Gletschers. Weil das Eis so schnell schrumpft, verändert sich auch ständig die Moräne. Nun verlor auch der Felsen gegenüber den sicheren Stand.
Der Wirt der Bäregg-Hütte, Hansruedi Burgener, kann nach dem Neubau das jetzige Naturschauspiel gut gebrauchen: Die Sommerferien begannen bei ihm mit riesigen Umsätzen. „Seit sich der Fels bewegt, kommen immer mehr Gäste zu uns hinauf“, sagt der Hüttenwart. Nicht nur Burgener hofft, daß der Fels möglichst stückweise kommt. Das wünscht sich auch der Tourismus-Direktor von Grindelwald, Samuele Salm. „Das gibt uns Publizität bis in den Herbst.“