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Klima Wind gesät und Sturm geerntet

20.12.2004 ·  Argentinien und Brasilien leiden unter Naturkatastrophen nie gekannten Ausmaßes. In beiden Ländern sind die Folgen des Klimawandels sichtbar. Tragen auch Argentiniens Rinderherden zur Erderwärmung bei?

Von Josef Oehrlein
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In der argentinischen Nordprovinz Chaco sind nach schweren Regenfällen 170.000 Hektar Ackerland überschwemmt worden. Die Hälfte der Sonnenblumenkulturen wurde zerstört. Nach monatelanger Dürre war in der Region innerhalb von fünf Tagen eine Regenmenge niedergegangen, wie sie sonst während eines ganzen Jahres gemessen wird. Die Katastrophe geschah, während in der Hauptstadt Buenos Aires Politiker und Klimafachleute aus aller Welt tagten, um über die Erderwärmung zu debattieren, und über Möglichkeiten berieten, wie dieser Entwicklung Einhalt zu gebieten sei. Eine bessere Anschauung zu den Folgen des Klimawandels hätte ihnen der argentinische Sommer nicht bieten können.

Das Gastland Argentinien trägt wegen seiner weiten, dünn besiedelten Landstriche nur 0,5 Prozent der für die Klimaveränderungen verantwortlichen Treibhausgase bei. Gerade der Südzipfel Südamerikas wird aber immer häufiger Opfer von Naturkatastrophen. In einigen Gebieten der Pampa haben die Niederschläge im Jahresdurchschnitt um 40 Prozent zugenommen. Dies hat zu Überschwemmungen nie gekannten Ausmaßes geführt. Auch weil der Anstieg der Durchschnittstemperatur in Patagonien um 0,4 bis 1,4 Grad Celsius schwere Gewitter und sogar Tornados zur Folge hat.

Spektakulärer Rückzug der Gletscher

Am spektakulärsten und praktisch ausschließlich auf globale Einflüsse zurückzuführen ist der Rückzug der Gletscher in den Anden. In den neunziger Jahren sind sie in einem doppelt so schnellen Rhythmus wie während des vorangegangenen Vierteljahrhunderts geschrumpft. Das Wasser, das sie freigegeben haben, trug zu einer Anhebung des Meeresspiegels um 0,1 Millimeter pro Jahr bei, zwischen 1975 und 2000 betrug diese Rate nur 0,04 Millimeter.

Wie wenig Gewicht die Regierung in Buenos Aires dem Klimaschutz beimesse, könne man daran erkennen, daß das umweltpolitische Ressort ein Anhängsel des Gesundheitsministeriums sei, meint der angesehene Verfassungsrechtler Daniel Sabsay, Geschäftsführer von "Farn", einem der wichtigsten argentinischen Umweltschutzverbände. Das Wüstfallen großer Gebiete sei auf die extreme landwirtschaftliche Nutzung des Bodens zurückzuführen, die nur auf Geschäft und Gewinn bedacht sei.

Rinder-Methan ein Klimafaktor?

Noch wenig untersucht sind die Folgen des Ausstoßes von Verdauungsgasen, die die Rinder auf den Weiden der Pampa verursachen. Fachleute haben errechnet, daß eine Tonne Methangas, das von den Rindern durch Flatulenzen freigesetzt wird, den gleichen schädlichen Effekt auf die Erdatmosphäre hat wie 23 Tonnen Kohlendioxyd. Auf argentinischen Weiden grasen derzeit schätzungsweise 52 Millionen Rinder, von denen jedes im Jahr etwa 75 Kilogramm Methangas erzeugt. Die Tendenz ist steigend, weil die Agro-Industrie immer noch Argentiniens wichtigster Industriezweig ist und nach der Abwertung der Währung Rindfleisch auf dem Weltmarkt wieder konkurrenzfähig geworden ist.

Auch beim großen Nachbarn Brasilien ist die prosperierende Rinderzucht schuld an der Emission von Treibhausgasen. Eine viel größere Verantwortung für den globalen Klimahaushalt trägt das Land jedoch mit der mangelnden Fürsorge für die grüne Riesenlunge, den Amazonas-Regenwald. Unter der Regierung des Präsidenten Lula da Silva, die zunächst den Eindruck erweckte, eine sensiblere Umweltprolitik als ihre Vorgängerinnen zu betreiben, hat sich die Entwaldung eher noch weiter beschleunigt. Offizielle Statistiken sprechen von einem jährlichen Verlust von etwa 24 000 Quadratkilometer Regenwald. Umweltschutzorganisationen wie Greenpeace schätzen allerdings, daß es fast 30.000 Quadratkilometer sein müßten.

Amazonas: Henker und Opfer zugleich

Der Amazonas sei Henker und Opfer zugleich, sagt der brasilianische Greenpeace-Vertreter Marcelo Furtado. Durch die Entwaldung trage er zuerst zum Klimawandel bei, und hinterher erleide er dessen Konsequenzen besonders nachdrücklich. Auf den entwaldeten Flächen wird der Treibhauseffekt zusätzlich verstärkt, weil dort kein Kohlendioxyd mehr durch die Bäume gebunden werden kann. Der Druck auf den Regenwald kommt neuerdings vor allem von Süden, aus dem Bundesstaat Mato Grosso mit den rasch sich ausbreitenden Soja-Anpflanzungen. Verkehrswege, die durch den Regenwald zu den Häfen im Norden Brasiliens angelegt werden, multiplizieren die schädlichen Effekte der Entwaldung, weil sie den Wald fragmentieren und den Wasserhaushalt empfindlich stören.

Bei den brasilianischen Umwelt-Organisationen ist die Enttäuschung darüber groß, daß sich die Umweltministerin Marina Silva nicht gegen die übermächtige Lobby der Agro-Industrie durchsetzen kann. Dabei ist sie als Tochter von Kautschukzapfern groß geworden und kennt die Gefahren aus eigener Anschauung. Ihr Ministerium ist mit vergleichsweise bescheidenen Mitteln ausgestattet und weitgehend isoliert von der "großen" Politik der Regierung. Präsident Lula da Silva zeige kein Interesse an Umweltschutz, sagt die auf Nachhaltigkeitsstudien spezialisierte brasilianische Umwelt-Anwältin Rachel Biderman. Mit seiner liberal ausgerichteten Wirtschaftspolitik, die ganz auf Wachstum setzt, könnte sich die Lage rasch weiter verschlimmern.

Brasilien ist einstweilen von den Regelungen des Kyoto-Protokolls zur Begrenzung der Treibhausgas-Emissionen ausgenommen. Aber es wird immer häufiger mit Naturerscheinungen konfrontiert, die mit großer Sicherheit auf die globale Erderwärmung zurückzuführen sind, wie etwa den schweren Überschwemmungen im ariden Nordosten Anfang des Jahres. Im März tauchte wie ein Menetekel vor der Küste Südbrasiliens ein Wirbelsturm mit Windgeschwindigkeiten bis zu 150 Kilometern in der Stunde auf, der auf dem Festland schwere Verwüstungen anrichtete. Es war der erste Sturm dieser Art, der außerhalb der Tropen im Südatlantik registriert wurde.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 20.12.2004, Nr. 297 / Seite 9
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Jahrgang 1949, politischer Korrespondent für Lateinamerika mit Sitz in Buenos Aires.

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