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Kirschblüte in Amerika Wie ein Samurai, der stirbt

 ·  In Washington blüht wieder die japanische Kirsche. Das Symbol der Freundschaft wird 100 Jahre alt. Aber nicht jeder Besucher aus Japan ist erfreut.

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© dpa Vor hundert Jahren wurden in Washington die ersten japanischen Kirschen gepflanzt. Im Hintergrund das Thomas Jefferson Memorial.

In Washington blühen die Kirschbäume - und die Stadt feiert ein Jubiläum. Am 27. März vor 100 Jahren pflanzten die First Lady Helen Taft und die Frau des japanischen Botschafters, Vicomtesse Chinda, die ersten zwei der Bäume im Potomac Park. Erst am Tag zuvor waren 3020 Bäume aus Japan in der amerikanischen Hauptstadt angekommen. In späteren Jahrzehnten sollten Tausende dazu kommen.

In den Straßen der amerikanischen Hauptstadt weisen zur Zeit überall Tafeln auf das Jubiläum hin. Das Nationale Kirschblütenfestival mit Kirschprinzessin, Parade, Feuerwerk, Ausstellungen und Japan-Fest ist von zwei auf fünf Wochen verlängert worden. Am Tidal Basin, dem Flutbecken im Potomac Park, stehen die Kirschbäume in voller Blüte. Wo sonst Jogger ihre Runden drehen, stehen nun die Kirschblütengucker. Wie in Japan so zieht auch hier der weiße Blütenhimmel die Hobbyfotografen an.

Die Kirschbäume gelten als Symbol der Freundschaft zwischen Japan und den Vereinigten Staaten. Offiziell sind sie ein Geschenk der Stadt Tokio. Tatsächlich aber verdankt sich der weiß-rosa Frühling in der Stadt am Potomac vor allem einer Amerikanerin, Eliza Scidmore, einer abenteuerlustigen Journalistin und Fotografin, die - für die damalige Zeit ungewöhnlich - durch Alaska, Indien, China und Indonesien reiste und darüber schrieb. 1896 berichtete sie für die Zeitschrift „National Geographic“ über den großen Tsunami in Japan. Von ihrem ersten Besuch in Japan brachte sie 1885 die Liebe zu den Kirschblüten mit. „Keine andere Blume der Welt wird so geliebt, so verherrlicht und so verehrt wie die Sakura no hana, die Kirschblüte in Japan“, schrieb sie in einem Buch über ihre Reisen nach Japan.

Eliza Scidmore hatte die fixe Idee, die Gegend am Potomac mit japanischen Kirschbäumen zu verschönern. Das Gebiet war eine Brache. Ideen für den Bau des Lincoln-Memorial reiften erst. Das Jefferson-Memorial am Tidal Basin sollte erst Jahrzehnte später entstehen. Mehr als 20 Jahre lang bestürmte Scidmore die Verwaltung mit der Idee, die Gegend mit Kirschbäumen zu bepflanzen. Erst 1909 hatte sie Erfolg, mit einer Eingabe an die Frau des neuen Präsidenten, Helen Taft.

Ein bemerkenswerter Erfolg

Hier kommt Jokichi Takamine ins Spiel, ein japanischer Chemiker, der seit 1890 mit seiner amerikanischen Frau in den Vereinigten Staaten lebte. Er wird manchmal als der japanische Vater der amerikanischen Biotechnologie beschrieben. 1894 erhielt er das erste Patent in Amerika auf ein mikrobisches Enzym, das er als Verdauungsmittel Taka-Diastase erfolgreich vermarktete. Später entdeckte er das Hormon Adrenalin. Seine Erfindungen machten ihn zum Millionär. Er gründete mehrere Unternehmen, darunter den japanischen Pharmakonzern Sankyo, heute Daiichi-Sankyo. Takamines Erfolg ist um so bemerkenswerter, als japanische Immigranten in den Vereinigten Staaten damals angefeindet wurden und ein rassisch geprägtes Einwanderungsrecht ihnen die Staatsbürgerschaft versagte. Er verstand sich dennoch als Vermittler zwischen beiden Ländern. Als Eliza Scidmore ihm über ihren Erfolg bei der Frau des Präsidenten berichtete, beschloss er sofort, die Pflanzung zu finanzieren. Der Unternehmer hielt es indes nicht für angemessen, ein solches Geschenk als Privatperson zu machen. Er kontaktierte den Bürgermeister von Tokio, Yukio Ozaki. So kam es, dass offiziell Tokio zum Schenkenden wurde. Aus Tokios Ueno-Park stammt auch die rund 350 Jahre alte Steinlaterne, die Japan 1954 zum 100. Jubiläum des japanisch-amerikanischen Freundschaftsvertrags stiftete.

Auch in diesem Jahr haben die Jubiläumsfeierlichkeiten die japanischen Unternehmen herausgefordert. Rund 1,5 Millionen Dollar hat die Japanische Wirtschaftsvereinigung in Washington gesammelt. Mit dem Geld werden Sprachstipendien und ein Kulturaustausch finanziert. Am Tidal Basin wird ein japanischer Weg angelegt. Und in 30 amerikanischen Städten sollen Kirschbäume gepflanzt werden.

Der Stolz treibt merkwürdige Blüten

Fast 11000 Kilometer entfernt in Tokio lässt die Kirschblüte dagegen noch auf sich warten. Im Soshigaya-Park erstreckt sich eine Allee prächtiger Kirschbäume, die Satogaeri no sakura genannt werden, die heimgekehrten Kirschbäume. Sie wurden aus Sämlingen der Bäume am Potomac gezogen, um diese besondere Baumkultur in Japan aufzufrischen. Eine Gedenktafel zu den Nachkommen der „Washington-Kirschbäume“ erinnert an das 80. Jubiläum der Schenkung 1992. Heimgekehrte Kirschbäume gibt es auch in anderen japanischen Städten, etwa in Yokohama, wo Eliza Scidmore, die 1928 mit 72 Jahren in der Schweiz starb, auf Wunsch der japanischen Regierung beigesetzt wurde.

Der Stolz auf die Freundschaftsgabe treibt in Japan merkwürdige Blüten. Nach den üblichen Erzählungen stammten die Bäume aus Adachi, einem Stadtteil Tokios, der schon vor 100 Jahren für seine Kirschblüten bekannt war. Doch auch in Westjapan wird Anspruch auf die Herkunft der Kirschbäume erhoben. „Die Washington-Kirschbäume stammen aus Itami“, heißt es in der gleichnamigen Stadt in der Nähe von Osaka. Tatsächlich dürfen sich beide Städte rühmen, vor 100 Jahren an dem völkerverbindenden Geschenk mitgewirkt zu haben: Itami lieferte die Bäume, während aus Tokio die Zweige stammten, die den Stämmen aufgepfropft wurden.

Ahnen im fernen Japan

Die Zuneigung der Washingtoner zu ihren Kirschbäumen hat Höhen und Tiefen erlebt. Als 1939 das Jefferson Memorial gebaut wurde und einige Kirschbäume dem Bau zum Opfer fallen sollten, ketteten sich Protestierer an die Bäume. Wenige Tage nach dem Angriff der Japaner auf Pearl Harbor wurden 1941 vier Bäume in der Nacht gefällt, wohl als Racheakt. Bis zum Kriegsende wurden die Bäume danach vorsichtshalber nicht mehr japanische, sondern orientalische Kirschbäume genannt.

Heute zeigt die Zuneigung der Washingtoner zu den Kirschblüten sich vor allem darin, dass sie ihnen zu nahe kommen. Die Bäume am Potomac müssen weit mehr aushalten als ihre Ahnen im fernen Japan. Japaner feiern ihr Hanami, die Kirschblütenbeschau, mit feuchtfröhlichen Picknicks unter den Blüten. Dieser Brauch ist in Washington kaum verbreitet, zumal der Alkoholkonsum in der Öffentlichkeit verboten ist. Viele Amerikaner aber klettern während der Kirschblüte rücksichtslos in den alten Bäumen herum, um für Fotos zu posieren. Gerne schütteln sie auch kräftig an den Ästen, damit die Blütenblätter fotogen herunterfallen. Fällt ein Kirschblütenblatt zu Boden, sagen die Japaner: „Wie ein Samurai, der stirbt.“ In Washington hegt man solche poetischen Gefühle nicht. Ein empörter Japaner ging vor wenigen Tagen unter dem Blütendach spazieren und rief zornig: „Runter von den Bäumen!“ Beachtet hat ihn niemand.

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Jahrgang 1965, Wirtschaftskorrespondent in Washington.

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