28.07.2005 · Nach den Heuschrecken kommt der Hunger nach Niger. Im Süden des Landes sind mehr als 1,2 Millionen Menschen auf Lebensmittellieferungen angewiesen, und nach der Einschätzung von Hilfsorganisationen steht das Schlimmste noch bevor.
Von Thomas Scheen, AbidjanWährend Hilfsorganisationen in Niger noch darüber debattieren, wie die Hilfe für die hungernde Bevölkerung im Süden des Landes möglichst effizient organisiert werden soll, kündigt sich schon das nächste Unheil an.
Nach Angaben der Vereinten Nationen wird sich die gegenwärtige Lebensmittelkrise in Niger auf die Nachbarstaaten Mali, Burkina Faso und Mauretanien ausdehnen, weil alle Länder im vergangenen Jahr von der gleichen Plage heimgesucht worden waren: Heuschrecken. In Mali sollen es mehr als eine Million Menschen sein, die alsbald ohne Essen dastehen werden, für Burkina Faso nennen die Vereinten Nationen die Zahl 500.000.
Mehr als 1,2 Millionen Menschen auf Hilfe angewiesen
Am schlimmsten getroffen aber hat es bislang Niger. Im Süden des Landes seien mehr als 1,2 Millionen Menschen auf Lebensmittellieferungen angewiesen, weil die Heuschrecken eine ohnehin durch lange Trockenheit mager ausgefallene Ernte vernichtet haben. 80 Prozent der Bevölkerung des Landes leben von der Landwirtschaft. In ihrer Verzweiflung haben die Menschen zudem das Saatgut für die nächste Ernte gegessen.
Allein das Welternährungsprogramm der Vereinten Nationen rechnet damit, in den kommenden Tagen bis zu 270.000 Menschen mit Lebensmitteln versorgen zu müssen. Dazu sollen 4000 Tonnen Nahrung in die Region geschafft werden.
Eine Luftbrücke in den Niger?
Überlegt wird auch, eine Luftbrücke von Brindisi in Italien nach Niger einzurichten. Gleichwohl kommen die Hilfsgüter nur sehr zögernd in der Region an. Das habe zum einen mit der mangelnden Spendenbereitschaft für Afrika zu tun, kritisieren Hilfsorganisationen. Zum anderen aber hat in Niger - wie überall in Westafrika - gerade die Regenzeit begonnen, was Landtransporte zu einem schwierigen Unterfangen macht.
Bislang gibt es offiziell keine Angaben über die Sterberate in den sogenannten Hungerzonen Nigers. Nach Angaben der nigerischen Regierung indes befanden sich Mitte Juli 1,6 Millionen Menschen in einer "kritischen Lage".
Das Schlimmste steht noch bevor
Nach Einschätzung der Hilfsorganisation "Medecins sans frontieres" stehe das Schlimmste ohnehin noch bevor.
Mit der nächsten Ernte sei nicht vor September zu rechnen, und die falle angesichts fehlenden Saatguts gering aus. Zum anderen ist damit zu rechnen, daß die Heuschrecken wiederkehren, wenn die klimatischen Bedingungen - Regen und frisches Gras - gegeben sind. Die Heuschreckenplage im vergangenen Jahr jedenfalls war die verheerendste, die Westafrika in den zurückliegenden 15 Jahren erlebt hat.
Schwärme mit drei Milliarden Exemplaren
Die Wanderheuschrecken können in Schwärmen von bis zu drei Milliarden Exemplaren auftreten. Ein solcher Schwarm kann eine Fläche von 60 Quadratkilometern bedecken und dabei täglich knapp 400 Lastwagenladungen Gras vertilgen.
Eine Heuschrecke ist in der Lage, jeden Tag soviel Grünzeug zu fressen, wie es ihrem eigenen Körpergewicht entspricht. Dabei kann sich dieser Prozeß über Jahre und Tausende Kilometer hinziehen. Als 1987 eine große Heuschreckenplage in Sudan ausbrach, endete sie erst zwei Jahre später in Indien.
Thomas Scheen Jahrgang 1965, politischer Korrespondent für Afrika mit Sitz in Johannesburg.
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