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Hochwasser Die grünen Wathosen reichen dicke

Für den Zusammenfluss von Rhein und Mosel in Koblenz war ein übles Hochwasser erwartet worden. Aber dann ging alles viel glimpflicher ab als befürchtet. Der Pegelstand liegt bei 7,51 Meter, Tendenz kaum mehr steigend.

© dpa Vergrößern Deutsches Eck - Das Reiterstandbild ist vom Hochwasser umspült

„Ach, alles halb so wild“, sagt Anna Berg. Die 76 Jahre alte Rentnerin hebt den rechten Arm und winkt ab. Sie steht vor ihrem grünen Haus am Ufer der Mosel und blickt zuversichtlich auf den vorbeifließenden Fluss. Eine kalte, braungefärbte Brühe drückt bereits direkt in ihre Wohnung. Abgebrochene Äste, hin und wieder ein wenig Plastikmüll schwimmen auf dem Wasser, das Anna Berg inzwischen schon bis zu den Knien reicht. Ihr Keller und ihre Wohnungstür sind überflutet. Ein Zustand, der manchen anderen sicherlich verzweifeln ließe. Doch nicht die alte Frau. Sie bleibt erstaunlich gelassen: „Das bisschen Wasser macht doch nichts.“ Dann lächelt sie. „Das ist doch gar nichts“, sagt sie und muss es wissen. Schließlich wohnt Anna Berg schon seit 38 Jahren in Koblenz, genauer gesagt im Stadtteil Neuendorf.

Das macht in diesen Tagen einen großen Unterschied. Während im benachbarten Stadtteil Lützel zwischen dem braunen Hochwasser und den Wohnungen der Einwohner noch immer ein Abstand von fünf, sechs Zentimetern besteht, ist das in Neuendorf und damit auch in der Wohnung von Anna Berg schon ganz anders. „Normal zu Fuß komme ich nicht mehr ins Haus.“ Deshalb hat die Koblenzer Feuerwehr ihr einen kleinen Steg aus silberschimmerndem Metall vor das Haus gebaut. „Der Steg ist super“, sagt sie – und benutzt ihn trotzdem nicht. „Wissen Sie, vor einem Monat hatte ich eine Operation an der Hüfte. Und jetzt traue ich mich nicht auf den Steg.“ Der sei schließlich nass und glitschig. Und tatsächlich: Immer wieder schwappt das Wasser über die metallene Fläche. „Wenn ich darauf ausrutsche, ist alles wieder kaputt.“ Sie zieht die Augenbrauen hoch. Dass sie den Steg nicht benutzen kann, darüber ist Frau Berg allerdings keineswegs betrübt. Wer 38 Jahre hier am Zusammenfluss von Rhein und Mosel wohnt, der habe gelernt, mit dem Hochwasser zu leben, erklärt sie. „Wir helfen uns selbst.“ Sie zieht den Reißverschluss ihrer lilafarbenen Regenjacke nach unten und präsentiert stolz ihre grüne Wathose. „Vor zehn Jahren habe ich die mir gekauft, ein tolles Stück.“ Bis knapp unter die Achseln geht die grüne Gummihose, an ihren Enden sind schwarz abgesetzte Gummistiefel angenäht. „Die hält mich seit zehn Jahren trocken. Und dieses Jahr allemal.“

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Diesmal werde die Acht-Meter-Marke nicht erreicht

Schlimm war es 1993, erinnert sich Frau Berg. Der Pegelstand damals betrug 9,60 Meter, und den Koblenzern stand das Wasser wirklich bis zum Halse. Damals sei sogar der Strom ausgefallen. „Wir hatten kein Licht mehr, alle Lebensmittel sind uns verdorben“, erinnert sie sich. Und dann war es auch noch so kalt. Aber auch damals wusste sich Frau Berg zu helfen. Deshalb habe sie sich eine Gasflasche gekauft. „Die steht noch immer oben im Speicher, und wenn mal wieder der Strom ausfallen sollte, kann ich wenigstens heizen und muss nicht so frieren wie damals.“

Grafik-Hochwasserlage in Deutschland (10.01.2011) © picture-alliance/ dpa-Grafik Vergrößern

Aber auch damals wusste sich Frau Berg zu helfen. An das Hochwasser von 1993 kann sich auch Reiner Hisgen noch allzu gut erinnern. „Ja, damals war es schlimm. Aber das kann man mit heute ja nicht vergleichen.“ Hisgen ist Gruppenleiter der Koblenzer Feuerwehr, zuständig für den Abschnitt Altstadt-Mitte. Er und seine fünf Kollegen hätten alles unter Kontrolle. „Wir sind bestens vorbereitet. Zudem ist es ja nicht so schlimm gekommen, wie alle befürchtet hatten.“ Das hat vor allem zwei Gründe: Der plötzliche Kälteeinbruch habe ein weiteres Abschmelzen des Schnees verhindert. „Und dann hat es zum Glück auch aufgehört zu regnen.“ Und so kann sich Hisgen entspannt zurücklehnen. Er und seine Männer sitzen im Einsatzwagen der Koblenzer Feuerwehr, draußen am Seitenspiegel hängen zwei grüne Wathosen - wie die von Anna Berg. Doch die Wathosen der Feuerwehr werden wohl nicht mehr zum Einsatz kommen: Soeben haben Hisgen und seine Männer über Funk den aktuellen Pegelstand erfahren: 7,51 Meter, kaum mehr steigend. „Keine Gefahr“, sagt Hisgen. Er verschränkt langsam die Arme und lehnt sich zurück. „Erst bei einem Pegelstand von acht Metern wird es kritisch. Dann könnte es wirklich knapp werden.“ Aber diesmal werde die Acht-Meter-Marke nicht erreicht, ist sich Hisgen sicher. „Nein. Ich rechne noch mit fünf, höchstens sechs Zentimetern, aber dann ist Schluss. Über 7,60 Meter wird das Wasser nicht steigen.“

Während die Feuerwehr im Einsatzwagen sitzt, treibt es andere raus an die Ufer von Rhein und Mosel, direkt ans Deutsche Eck. Klick. „Ah, ein super Bild.“ Da ist sich Manfred Schulz sicher. Dann kommen ihm doch Zweifel. „Aber mache lieber doch noch eins.“ Herr Schulz lehnt sich leicht über die steinerne Mauer, nimmt mit seinem schwarzen Teleobjektiv das Panorama zielgenau ins Visier und drückt auf den Auslöser. Klick. „Auch ein tolles Bild. Die Statue, das Hochwasser – hab alles drauf.“ Dichter Nebel liegt über Koblenz. Es ist kalt, die Temperaturen liegen um den Gefrierpunkt. Und dennoch zieht es Hobby-Fotografen wie Schulz in diesem Montag in Scharen in die Koblenzer Altstadt. Hier am Deutschen Eck, wo Rhein und Mosel zusammenfließen, lassen sich die schönsten Bilder machen.

Manfred Schulz heißt eigentlich anders, aber seinen Namen will er lieber nicht in der Zeitung lesen. Es sei ihm ein bisschen unangenehm: Den Leuten hier in Koblenz stehe das Wasser im Keller, und er mache Bilder. „Ich bin wohl so was wie ein Hochwassertourist.“ Schulz fügt an: „Aber kein böser.“ Dann muss er Platz freimachen für den nächsten Hochwassertouristen. An diesem Montagnachmittag können auch die mit Skrupeln behafteten Hobbyfotografen ohne schlechtes Gewissen ihre Bilder machen. Die meisten Koblenzer schert das ohnehin nicht, die Leute kommen, wie die Hochwasser kommen. Aber diesmal haben Rhein und Mosel ja schon bei siebeneinhalb Metern ein Einsehen gehabt. Das ist nun wirklich nur ein kleines Hochwasser, viel kleiner als befürchtet.

Rheinabwärts in Köln stieg das Wasser langsamer als befürchtet, der Scheitelpunkt sollte an diesem Dienstagmorgen erreicht werden. An der Mosel und im Osten Deutschlands stabilisierte sich die Lage. In Hessen sanken die Pegelstände wieder. Kritisch blieb die Lage an der Weser in Niedersachsen. In Hannoversch Münden, wo Werra und Fulda zur Weser zusammenfließen, standen weiter Teile der Altstadt und Wohngebiete unter Wasser. Der Pegelstand sank aber schon leicht. In Wertheim in Baden-Württemberg sollte die Altstadt voraussichtlich in der Nacht zum Dienstag vom Main überflutet werden. Auch am Tag werde das Wasser weiter steigen, teilte die Hochwasser-Vorhersagezentrale in Karlsruhe mit. An der Mosel entspannte sich die Lage. In Cochem hatten am Sonntag die erste Gebäudereihe an der Mosel und ufernahe Straßen unter Wasser gestanden. In Zell wurde die Altstadt leergepumpt. Zwar blieb die Lage an Oder und Spree stabil, sich zu Barrieren stauende Eisschollen könnten dies aber rasch ändern. An der Elbe stiegen diePegelstände noch leicht, kritisch war die Situation jedoch nicht. Auch an der Schwarzen Elster im Süden Brandenburgs legten die Wasserstände weiter zu. Angespannt war die Situation an den Flüssen in Sachsen- Anhalt, große Landflächen standen unter Wasser. Die höchste Alarmstufe 4 galt für die Weiße Elster am Pegel Oberthau und für die Saale am Pegel Camburg-Stöben. In Halle-Tornau wurde die überflutete Auffahrt zur Autobahn 14 in Richtung Dresden gesperrt. (dpa)

Quelle: F.A.Z.

 
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Veröffentlicht: 10.01.2011, 20:14 Uhr