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Haitauchen in Südafrika Steckt bloß nicht die Arme raus

 ·  Haitauchen ist zu einer Touristenattraktion vor Südafrika geworden. Wenn der „Great White“ das Maul aus dem Wasser reckt, glaubt man nicht, dass er schutzbedürftig ist.

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Mit den Haien sei das so, doziert Gerald, der Tauchführer: „Manchmal sehen wir sechs Stück in einer Stunde, manchmal den ersten erst nach Stunden.“ Der Mann hat den Satz noch nicht ganz vollendet, da teilt sich hinter dem schaukelnden Boot das Wasser und ein riesenhaftes Maul, taucht auf, dann ein monströs großer Fischleib. „Oh, die sind aber pünktlich heute“, frotzelt Gerald, als der Hai abermals den Kopf aus dem Wasser hebt und das Boot in Augenschein nimmt. Nicht irgendein Hai, sondern ein Weißhai; einer von der Sorte, die seit dem Film „Der Weiße Hai“ von Steven Spielberg als Mutter aller Monstren gelten. „Schaut euch diesen Hai an, ist der nicht wunderschön?“, ruft Gerald und hüpft von einem Bein aufs andere, während den zehn Tauchern an Bord die Kinnlade herunterklappt. „So groß hatte ich mir die aber nicht vorgestellt“, stottert schließlich ein schockierter Kanadier. „Ach was“, sagt Gerald, „das ist ein Baby. Die dicken Brummer kommen noch.“

Gerald du Plaisis arbeitet für ein ebenso ungewöhnliches wie mittlerweile umsatzstarkes Gebiet der südafrikanischen Tourismusindustrie: das „Shark Diving“. Geralds Spezialität sind Weißhaie und sein Revier die Walker-Bucht im Indischen Ozean, die sich von Hermanus bis Gansbaai erstreckt. Hermanus ist berühmt für seine Wale, Gansbaai für seine Weißhaie. Sechs Seemeilen vom Festland entfernt liegen dort die beiden von Pelzrobben bewohnten Felsinseln Dyers Island und Geiser Island. Zwischen ihnen verläuft ein etwa sechs Meter tiefer und rund 100 Meter langer Kanal, die sogenannte Shark Alley. Nirgendwo sonst auf der Welt sind so viele Weißhaie an einem Ort zu sehen wie hier. Und weil das so ist, ist Gansbaai so etwas wie das Mekka der Haitaucher geworden.

In neun Monaten über 20 000 Kilometer

Dabei steht kein anderes Tier in einem ähnlich schlechten Ruf wie die bis zu sieben Meter langen und bis zu dreieinhalb Tonnen schweren Weißhaie. Menschenfresser seien sie, heißt es, Fressmaschinen mit absolut tödlicher Präzision. „Quatsch“, sagt Gerald und doziert über den Weißhai als Spitze der Fresspyramide, mit dem sich nicht einmal Schwertwale anlegen; über seine Weltenbummelei, die ihn in neun Monaten über 20 000 Kilometer von Südafrika nach Australien und zurück schwimmen lässt auf Autobahnen in großer Tiefe; und über die geheimnisvolle unterseeische Vulkankette im Atlantik, an der sich Weißhaie angeblich jedes Jahr zur Brautschau einfinden. „Ich kenne keine faszinierendere Kreatur“, befindet der stämmige Bure kurz und knapp. Wir Taucher nicken andächtig und sehen vor unserem inneren Auge doch nichts anderes als dieses Riesenmaul von vorhin.

Der Fischtran, den die Besatzung inzwischen als dünnen Film hinter dem Boot im Wasser verteilt, tut seine Wirkung. Nach wenigen Minuten folgen vier Haie dem Boot. Gerald nimmt ein gut zehn Kilogramm schweres Stück gefrorenen Thunfisch aus einer Kühlbox und spießt es auf einen Haken, der an einer langen Leine hängt. Als der Brocken die Wasseroberfläche trifft, schnellt sofort ein grauer Schatten heran und verschluckt den Köder, als sei er ein Party-Häppchen. „Das ist Billy-Boy“, sagt Skipper Grant, der Buch führt über die Haie: „vier Meter lang, vielleicht 1,5 Tonnen Gewicht, den kennen wir seit Jahren.“ Billy-Boy! Wie süß: Das Kerlchen hat einen Namen. Dabei ist der Fisch, der gerade seine imposante Rückenflosse zur Schau stellt, so lang wie das halbe Boot, auf dem sich insgesamt zwölf Personen befinden. Heißt das umgekehrt, dass er sechs Leute fressen kann, bevor er die Lust verliert? „Eher ertrinkst du in deiner Badewanne“, sagt Grant.

Beißkraft von bis zu drei Tonnen pro Quadratzentimeter

Seit 1846 wurden auf der ganzen Welt 307 Zwischenfälle mit Weißhaien registriert, von denen nur 65 tödlich verliefen. Die meisten Angriffe gab es vor der Küste Kaliforniens, dann folgt Südafrika. Dort registrierte das „Shark Board“ in der Provinz KwaZulu-Natal bislang 57 Angriffe, von denen acht tödlich verliefen. Meistens traf es Surfer, weil ein Surfbrett von unten aussieht wie eine Robbe, die natürliche Beute großer Haie. Da Weißhaie aber beim Zubeißen den Nährwert der potentiellen Beute erkennen können, lassen sie es meist bei einem Biss in das Surfbrett bewenden. Das ist bei einer Beißkraft von bis zu drei Tonnen pro Quadratzentimeter allerdings kein Trost für den Surfer, wenn der Hai nicht nur das Brett, sondern auch ein Bein oder einen Arm erwischt. Dennoch haben die verhältnismäßig geringe Zahl der Zwischenfälle, die Tatsache, dass Weißhaie kaum erforscht sind und nicht zuletzt das Werben der Haitaucher für die Großhaie längst zu einem Umdenken geführt. Wurden die vom Aussterben bedrohten „Great Whites“ früher erbarmungslos gejagt, stehen sie in Südafrika, Australien, Tasmanien und Kalifornien inzwischen unter Schutz.

Als die Shark Alley endlich in Sicht kommt, sind es schon sechs Rückenflossen, die der Fischsuppe am Bootsheck folgen. Kurz vor dem Kanal wirft Grant den Anker, woraufhin die Haie mit dem Umkreisen des Bootes beginnen. „Zeit zum Tauchen“, kräht Gerald fröhlich. Der Taucheranzug zwickt, und die Brille ist vor Aufregung dick beschlagen. Der Tauchkäfig wiederum ist aus Aluminium gefertigt und man kann bloß hoffen, dass keiner der Haie die silbernen Stäbe auf ihren Nährwert testet. „Steckt bloß nicht eure Arme aus dem Käfig“, gibt Gerald den vier ersten Tauchern mit auf den Weg. Dann schlägt das graublaue Wasser über unseren Köpfen zusammen, und wir tauchen ein in das Reich seiner Majestät.

„Damit ihr etwas seht für euer Geld.“

Die Sicht unter Wasser beträgt bestenfalls fünf Meter und ist von einem trüben Grau. Der Thunfischbrocken dümpelt vor dem Käfig in der Dünung. Wo sind die Viecher? Den Kurzsichtigen unter uns hatte Gerald zuvor empfohlen, das Gesicht möglichst nahe an die Gitterstäbe zu bringen. „Damit ihr etwas seht für euer Geld.“ Also pressen wir die Taucherbrillen gegen die Stäbe. Und da ist er plötzlich, wie aus dem Nichts, seine Nase berührt fast den Käfig: weißer Bauch, schmutziggrauer Rücken, riesig groß und für einen Hai nicht einmal elegant in seiner Form, weil er dafür einfach zu wuchtig ist. Der „Great White“ verharrt einige Sekunden, dann dreht er lässig ab und schwimmt auf den Köder zu. Beim Beschleunigen schlägt seine Schwanzflosse gegen den Käfig. Der Schlag ist so kraftvoll, dass er uns in den rückwärtigen Teil des Käfigs schleudert.

Der Hai schluckt den Köder, dreht wieder auf den Käfig zu, schwimmt mit aufreizender Langsamkeit in einem Abstand von eineinhalb Metern vorbei, ganz so, als wolle er paradieren. Sein massiger Körper verdunkelt kurzzeitig das schräg einfallende Sonnenlicht, sein regungsloses Auge wirkt abstoßend, das Maul steht halb offen und gibt den Blick auf drei Reihen rasiermesserscharfer Zähne frei. Wieder ein kraftvoller Schlag mit der Schwanzflosse, dann verschwindet der König der Meere im diffusen Licht des Indischen Ozeans. Später wird uns Grant berichten, dass er „unseren“ Hai auf fünf Meter Länge und „deutlich über zwei Tonnen Gewicht“ schätzt. „So einen habe selbst ich noch nie gesehen“, gibt er neidlos zu.

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Jahrgang 1965, politischer Korrespondent für Afrika mit Sitz in Johannesburg.

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